Musik

Muss man gehört habenDas verkannte Genie: Nick Drake

25.11.2014, 13:36 Uhr
imageVon Anja Kleinelanghorst
53697608
Der britische Sänger und Gitarrist Nick Drake auf dem Cover seines Debütalbums "Five Leaves Left". (Foto: Universal Music)

Zu Lebzeiten ein Unbekannter, bis ihn 25 Jahre später eine Autowerbung richtig bekannt machte: Vor 40 Jahren starb Nick Drake an einer Medikamentenüberdosis und hinterließ drei wunderschöne Alben. Eine Würdigung.

In der Nacht zum 25. November 1974 starb Nick Drake an einer Medikamentenüberdosis. Viele sprachen von Selbstmord, denn der Brite war schwer depressiv und hatte sich aus der Musikwelt zurückgezogen. Er lebte wieder bei seinen Eltern auf dem Land.

Dabei hat 1969 alles so hoffnungsvoll angefangen. Mit 19 präsentiert Nick Drake der Welt sein Debütalbum "Five Leaves Left". Sein Produzent, Joe Boyd, der schon zuvor Fairport Convention entdeckte, sagt Großes für den Briten voraus. Diese sanfte, melancholische Stimme, dazu die Kompostionen, die mit ihrer Rhythmik eher an Jazz als an Folk erinnern - das muss doch einschlagen. Tut es aber nicht.

Bitte Ruhe!

Es hilft auch nicht, dass Drake unglaublich schüchtern ist, Interviews nicht mag und verzweifelt, wenn die Leute bei seinen Konzerten sich unterhalten und mit den Gläsern klirren. Bei den wenigen Konzerten, die Drake Ende der 60er gibt, stimmt er minutenlang seine Gitarre, sagt dabei aber keinen Ton - kein Wunder, dass das Publikum unruhig wird. Der Musiker ist einfach nicht gemacht für die Öffentlichkeit, aber es braucht nun mal Öffentlichkeit, um eine Platte zu promoten. Und so bekommen nur wenige mit, dass mit "Five Leaves Left" gerade ein kleines Meisterwerk mit subtilen Streicherarrangements die Welt erblickt hat und er mit "Fruit Tree" ein prophetisches Werk abliefert: Drake philosophiert hier über Ruhm, der erst kommt, wenn man schon lange unter der Erde liegt und sieht dabei sein Schicksal voraus.

1970 erscheint das zweite Album, "Bryter Layter", und man merkt, dass hier alles versucht wird, die Platte an den Käufer zu bringen. Die Streicherarrangements sind bombastischer, aber auch die Musik wirkt fröhlicher: "Northern Sky" klingt optimistisch und fast hymnisch. Das selbstironische "Poor Boy" überzeugt mit einem triumphalen Gospelchor und Jazztönen. Berühmte Kollegen wie John Cale und Richard Thompson musizieren mit und berichten, dass Nick Drake im Studio überhaupt nicht depressiv wirkt, sondern einfach nur ruhig und konzentriert. Aber auch "Bryter Layter" mit seinem interessanten Klangteppich erreicht nicht das breite Publikum, Drake nimmt drei Songs in der Show des einflussreichen Radio-DJs John Peel auf, aber es gibt keine großartige Öffentlichkeitsarbeit.

Tiefschwarze Songs

AP13041601440
Tribute-Album "Way To Blue - The Songs Of Nick Drake" verschiedener Künstler, erschienen 2013. (Foto: AP)

Auch nicht für "Pink Moon", das 1971 herauskommt. Der Sound klingt wesentlich spärlicher als der Vorgänger - Gitarre und Klavier, kein Chor, keine Begleitmusiker, nichts. Elf Lieder, die mit ihrer Traurigkeit direkt ins Herz gehen. Für viele Fans ist "Pink Moon" das absolute Meisterwerk des Musikers. Aber dessen Depressionen werden immer schlimmer, er kommt mit dem Leben in London nicht klar und zieht wieder zu seinen Eltern in die Provinz. 1974 will er wieder ein Album aufnehmen, schafft aber nur unter großen Anstrengungen vier Lieder, darunter "Black Eyed Dog", ein tiefschwarzer Song über seinen Gemütszustand. In der Nacht zum 25. November stirbt Nick Drake an einer Überdosis von Antidepressiva. Ob es ein Unfall oder Absicht war, wird man nie genau wissen.

Der Engländer ist zeit seines Lebens sehr enttäuscht, dass seine Lieder nicht gehört wurden. Nach seinem Tod findet sich eine kleine Fangemeinde, die 2000 noch größer wird, da sich ein Werbemensch entscheidet, eine VW-Werbung mit "Pink Moon" zu unterlegen. Und plötzlich ist Nick Drake in aller Munde, Promis wie Brad Pitt schwärmen von ihm, seine Platten werden endlich gekauft. Zu spät für ihn, aber nicht für uns - wie er es in "Fruit Tree" prophezeit hat.

Zugabe:

Passend zu Weihnachten erscheint das englischsprachige Buch "Nick Drake - Remembered for a While" mit vielen Fotos und Erinnerungen von seinen Freunden und seiner Familie.

Wer wissen möchte, von wem der kleine Nick sein Talent erbte, sollte sich die Platte seiner Mutter anhören - Molly Drake neigte ebenfalls zu sehr melancholischen und zarten Liedern.

"Nick Drake - Remembered for a While" bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de