Musik

Gott kommt aus Norwegen Der unfassbare Thomas Dybdahl

Thomas Dybdahl - CMS Source2.jpg

Der Mann, dem die Frau'n vertrau'n ... Thomas Dybdahl.

Zum ersten Mal habe ich Thomas Dybdahl 2008 bei Freunden gehört, da spielte er gerade mit seiner Band "The National Bank", hatte ein Album und trat im Berliner "Lido" auf. Traumhaft, beides. Seine fragile Stimme, die klugen Texte, die schönen Melodien - dieser gutaussehende, immer etwas abwesend wirkende Typ sollte am liebsten für immer unser Geheimtipp bleiben, spielte er doch eh für einen sehr überschaubaren Kreis. Aber Zeiten ändern dich, wie man in Berlin so sagt, und deswegen wird aus dem egoistischen Wunsch, den "Geheim-Tipp" (der er in seiner Heimat sowieso schon lange nicht mehr ist) für sich zu behalten, doch die Pflicht und die Kür, diesen weiterzugeben. Auch andere sollen die wunderbare Musik von Thomas Dybdahl hören, und der Mann aus Norwegen soll nächstes Mal in einem größeren Club auftreten, auch wenn in dem kleinen Club neulich die Akustik und die Stimmung so 1a waren! Es ist Zeit für gute Musik, intelligente Musik. Also, es könnte doch alles so einfach sein: Ich treffe Thomas Dybdahl im Amado-Hotel in Berlin, und weil in der Lounge gerade gestaubsaugt wird, in der Bar die Musik läuft und es auf der Straße zu kalt ist, gehen wir aufs Zimmer, da können wir ungestört reden.

Thomas Dybdahl: Ich war unterwegs in der Stadt und hab' mir heute endlich mal Berlin angeschaut.

n-tv.de: Wo warst du denn?

Am Potsdamer Platz. Am Brandenburger Tor.

Oh, das typische Programm?

Ja, ich musste das mal machen, auch weil ich am Brandenburger Tor bald einen Auftritt haben werde (Anm. d. Red.: 1.12.) und weil ich dort tatsächlich noch nie war, obwohl ich schon so oft in Berlin gewesen bin. 

Lass uns noch kurz über deinen Auftritt im Frannz-Club sprechen.

Das war großartig! Es waren viele neue Leute da, und es war eine fantastische Stimmung!

Du weißt schon, dass du noch immer als Geheimtipp gehandelt wirst, oder?

Ja, den Eindruck habe ich auch (lacht). Das ist ganz schmeichelhaft, aber jetzt reicht es langsam. Ich bin bereit für die große Bühne! (lacht) Nein, im Ernst, ich weiß, dass das nicht so ganz einfach ist, einen Nummer-eins-Hit zu landen, aber ich hätte nichts dagegen!

Und es gibt auch genug Auswahl auf deinem neuen Album ...

... oh, danke ...

... ja, wirklich, warum sollte es nicht möglich sein, gute Musik ganz nach oben zu bringen?

Ja, es ist toll, aber ich liebe meine Arbeit und meine Karriere sowieso, egal, vor wie vielen Leuten ich auftrete. Wenn ich auf Festivals spiele, sind da ja eh immer viel mehr Menschen, Zwanzigtausend oder so. Und in kleinen Clubs zu spielen, damit werde ich nie aufhören.

Auf der Bühne bist du ein ziemlich extrovertierter Entertainer-Typ - dein Ruf ist aber vielmehr, der schüchterne Kerl zu sein, der seine Gefühle in seinen Songs ausdrückt. Wer bist du also eher?

Thomas Dybdahl - CMS Source1.jpg

Für immer - klingt das naiv?

Ich finde, ich bin ein sehr offener Typ, sehr neugierig, sehr positiv. Aber eben ruhig. Ich flippe nicht aus. Und auch meine Musik ist so, stimmt schon. Aber sie ist doch nicht dunkel, oder, eher positiv, findest du nicht? (lacht)

Ja, schon, meist, bis auf ein paar Ausnahmen ...

Ich weiß, was du meinst, du meinst "But We Did". Okay, das ist ein bisschen krasser, auch das Video dazu, weil es aus der Arbeit zu einem Film entstanden ist, zu dem ich die Filmmusik gemacht habe. Der Film heißt "It's only Make-Believe". In dem Video haben wir den Film quasi in vier Minuten zusammengefasst - gut, das mag ein bisschen düster wirken, denn der Film ist düster (lacht).

Deine Musik ist sehr gefühlvoll, erzählt manchmal aber auch von den banalsten Dingen des Lebens - und klingt trotzdem nach Philosophie. Wie machst du das?

Ich habe zuerst immer eine Melodie im Kopf. Die Worte dann zu finden, ist sehr schwer. Das ist jedes Mal ein Kampf. Ich glaube, ich muss noch viel lernen, um besser zu texten. Es ist nicht einfach, wenn man vieles ausdrücken möchte, aber so wenig Platz hat, oder Zeit. Ein Song kann ja nicht eine Stunde dauern. Und dann feile ich daran rum, weil es mir zu simpel vorkommt.

Aber wenn du von den "banalsten" Dingen singst, klingt es doch trotzdem wie Poesie!

(lacht) Danke, ich versuch' auch wirklich, poetisch zu sein in den einfachsten Dingen, aber es geht bei mir nur mit einer gewissen Struktur. Ich steh' auch drauf, wenn die Sachen sich reimen. (lacht) Wenn ich also ein Stück komponiere, dann dauert es einen Tag, die Melodie zu schreiben, aber eine Woche, um den Text zu Ende zu bringen.

Wie viel von dir selbst ist in deinen Texten?

Ich bin eigentlich nicht so der Tagebuch-Vertoner. Ich denke, ehrlich gesagt auch, dass meine Geschichten jetzt gar nicht mal so aufregend sind und jemand anderes noch was Besseres auf Lager hat, deswegen guck' ich natürlich über meinen eigenen Tellerrand. Hauptsache, ich finde eine gute Geschichte zum Erzählen, dann benutze ich Elemente von hier und da und natürlich auch eigenen Erfahrungen. Aber nicht nur! (lacht) Dieses Mal ging es allerdings wirklich leichter, denn ich habe mehr als sonst meine eigene Geschichten in die Songs einfließen lassen. (zögert) Das neue Album ist sowas wie eine "Beziehungs-Kiste".  (zögert) Ich musste über ein paar Dinge nachdenken. Also, ich bin jetzt 34, das heißt, nicht mehr so jung, aber auch noch nicht alt, und da fragt man sich schon, was man so will im Leben.

Das fragt man sich zehn Jahre später übrigens auch wieder ...

(lacht) Ja, bestimmt, aber ich musste ein paar Dinge einordnen. Man fragt sich, ob man alles richtig gemacht hat, man will, dass die Dinge, die einem gefallen, immer so weitergehen. Diesen Gemütszustand drücke ich ja auch schon auf dem Album-Titel aus ...

"What's left is forever ...

... ja. Ist doch ein bisschen naiv, oder?

Find' ich nicht, das sind doch eher große Worte. "Für immer" ist ultimativ groß.

Ja, schon.

Und was ist übrig?

Naja, man will wissen, ob alles richtig ist.  Ob man das richtige Gepäck bei sich hat. Wenn man überhaupt Gepäck bei sich hat. (zögert) Aber wahrscheinlich findet man nie eine zufriedenstellende Antwort darauf. Aber ich brauch' das manchmal, so eine Art Bestandsaufnahme.

Thomas Dybdahl - CMS Source.jpg

Er denkt positiv!

Also, was is t übrig?

Das zeigt sich dann ja immer wieder neu. Wenn man sich gestritten hat, zum Beispiel, dann kämpft man, irgendwann legt sich die Aufregung, und dann guckt man, was noch steht. Was noch übrig ist. Immer etwas anderes (lächelt).

Betrachtest du dich als einen Pop-Musiker?

Yeah! (lacht)

Und Singer/Songwriter?

Auch!

Dann läuft doch alles richtig!

Vielleicht vielleicht vielleicht (lächelt). Es ist doch gar nicht so leicht, zu erklären, warum gerade etwas angesagt ist. Von einem auf den anderen Tag kann man "in" sein, aber genauso schnell auch wieder "out", und du hast keine Ahnung, warum das so ist, denn du hast einfach nur dein Ding gemacht. Die Leute machen das aus dir, und am nächsten Tag, im nächsten Jahr, kann es schon wieder ganz anders sein. Aber das ist okay, ich kann damit sehr gut leben.

Machst du mal wieder was zusammen mit "The National Bank"?

Ja, ganz bestimmt, wir wollen das alle, wissen aber nicht genau, wie und wo und wann. Es ist so ein "Side-Project", wir haben alle eigentlich noch andere Dinge zu tun. Aber wir haben Lust, uns wieder zusammenzutun, ja.

Was ist für dich der größte Unterschied zwischen Deutschen und Norwegern?

Ach, puh, (überlegt), das kann ich dir nicht sagen. Es liegt wohl daran, dass ich fast nur mit Musikern zu tun habe, und ich glaube inzwischen, dass die überall auf der Welt ähnlich ticken. Musiker sind normalerweise sehr liberale Leute, offen und neugierig, und da ist es egal, woher sie kommen. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass ich noch keinen einzigen normalen Deutschen getroffen habe... (lacht)

... und jetzt schon wieder nicht ...

(lacht) ... ich habe ehrlich gesagt auch keine Ahnung, was normal ist, oder was deutsch und was typisch norwegisch ist. Es ist egal! Ach ja, doch, eine Sache: Deutsche sind meist sehr direkt mit dem was, sie sagen. Manchmal kommt einem das fast ein bisschen rüde vor. Norweger sind da blumiger.

Blumiger?

Ja, blumiger! (lacht) Und wenn man dann aber zum Beispiel in die USA fliegt, dann ist da wieder alles ganz anders, da ist alles mehr so "tralala, hey, na, wie geht's? Ach, super, danke, cool". Aber das ist okay! Und weil Musiker ein gemeinsames Interesse verfolgen, ist es egal, wo sie herkommen, ihre Geschichten sind ähnlich, und die der Musik auch.

Was macht du, wenn du nicht an einem neuen Album arbeitest?

Dann schreibe ich höchstwahrscheinlich Filmmusik. Die letzten waren ein schwedischer und zwei norwegische Filme, das dauert immer eine ganze Weile. Ich mach' das noch nicht so lange, aber es ist sehr sehr cool! Deswegen gehe ich da relativ unbelastet ran, ohne Scheu.

Du hast jetzt mit dem Produzenten Larry Klein zusammengearbeitet. Alles war ganz anders als sonst, heißt es.

Ja, er hat ein eigenes Label, Strange Cargo, und zufällig bekam er ein Tape von mir in die Hand, schon vor langer Zeit. Dann lernten wir uns bei einer Show kennen, und wir beschlossen, ins Studio zu gehen. Wir hatten nur sechs Tage Zeit im Studio. Deswegen haben wir uns wahnsinnig gut vorbereitet, und ich bin mit meiner Familie für drei Monate nach Kalifornien gezogen. Das war cool! Ich hatte absolut keine Lust, dieses typische Klischee zu erfüllen "Musiker aus Nord-Europa stolpert in kalifornisches Studio und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus", das ist gar nicht mein Ding!

Und deswegen habt ihr da eine Weile gewohnt und euch irgendwann ganz einheimisch gefühlt.

Ja, genau. Wir haben da wie alle anderen gelebt und sind zum Meer und zur Arbeit und zum Essen gegangen. Ich liebe Kalifornien! (zögert) Ich steh' auf diesen Alltag.

Ich auch, wenn er gut ist.

(lacht) Ja, aber das hat geklappt.

Das heißt, jetzt mal ganz neugierig, du bist verheiratet, hast Kinder ...

Ja, meine Frau und mein Sohn waren mit. Der ist jetzt sechs, da geht das noch.

Aber es war trotzdem anders, mit Larry Klein in einem anderen Studio in einem anderen Land aufzunehmen, oder? Was hast du gelernt?

Songs - CMS Source.jpg

Songs - die schönsten sind jetzt auf einem Album.

Mehr Geduld zu haben! (lacht) Er ist so geduldig, so vertrauensbildend, so erfahren, es war angenehm. Normalerweise raste ich eher aus, wenn etwas nicht klappt.

Deine Stimme ist relativ tief. Du singst aber, sagen wir mal, in dieser eher fragilen Variante, die zarter ist, höher. Kannst du dich da besser ausdrücken?

Es ist mehr ein ästhetischer Aspekt. Ich wollte vor allem bei diesem Album, dass alles nach einem riesigen Panorama klingt. Die Stimme wollte ich dennoch eher vorsichtig einsetzen. Der Sound sollte groß sein, aber die Stimme so eher das Sahnehäubchen. Ich wollte dieses Mal, dass alles richtig sitzt. Außerdem ist meine Stimme besser, wenn sie ruhig ist. Je lauter meine Stimme wird, desto dünner wird sie gleichzeitig. (lacht)

Den Eindruck hatte ich bei deinen Konzerten nicht ...

Ja, aber live ist es immer ganz anders, und im Studio hört man das (lacht verlegen).

Ich weiß, was du meinst, ich singe nur im Auto. Singst du auch norwegisch?

Nicht wirklich, ich bin mit Musik in englischer Sprache aufgewachsen, es kommt mir am natürlichsten vor. Diese Sprache ist für mich wie ein Instrument, das ich spielen kann. Es ist wie eine Skulptur zu bilden. Wenn ich norwegisch singen würde, wäre es so, als ob ich mit Lego baue, Klotz auf Klotz. Ich mache jetzt genau das, was ich schon immer machen wollte. Ich kann sowieso nichts anderes. (lacht)

Am Schluss deiner Konzerte fragst du immer, was die Leute als Zugabe hören wollen. Und dann spielst du doch keinen der gewünschten Songs. Warum?

(lacht) Ehrlich? Hab' ich das nicht gemacht? Dann ist das wohl so, dass ich den Menschen zeigen will, dass es noch mehr gibt, als immer nur die selben "alten Kamellen", ich lebe mich da dann wohl ein bisschen pädagogisch aus. Aber die Leute mögen es dann ja doch. Oder?

 Ja, es ist ja auch deine Show! Du kannst machen was du willst.

Thomas Dybdahl - What's Left Is Forever - CMS Source.jpg

Thomas Dybdahl - What's Left Is Forever

(Lacht) Es ist ein schmaler Grat, den Leuten zu gefallen oder ihnen etwas Neues zu präsentieren. Das checke ich aber immer mit meiner Band ab und wir merken, was wir am besten spielen können an so einem Abend. Wir sind seit dreizehn Jahren zusammen. Wir haben inzwischen einen echt speziellen Sound, finde ich, eine spezielle Chemie zwischen uns.

Klingt wie im echten Leben.

Ja, so bin ich nunmal. Ich mag einfach lange, aufrichtige Beziehungen. Ich hatte bloß vier Freundinnen, und ich finde immer besonders gut, was nach einer Weile mit einem Paar passiert. Der Anfang ist aufregend, aber wenn es dann ruhiger wird, subtiler, dann finde ich es erst so richtig schön.

Wenn es funktioniert, dann ist das super ...

... ja, und dann kann jeder Tag total aufregend sein.

Das ist eine Form von Kunst, oder?

Ja. (zögert) Das klingt gut.

Mit Thomas Dybdahl sprach Sabine Oelmann

"What's Left Is Forever" (Strange Cargo/ Universal Jazz) von Thomas Dybdahl ist seit dem 13. September in Deutschland erhältlich.

Bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de