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"Die Auszeit war nötig": Garbage.
"Die Auszeit war nötig": Garbage.(Foto: Cooperative Music)
Freitag, 11. Mai 2012

"Wir dachten, es geht euch am Arsch vorbei": Die Tonne muss warten: Garbage

Sieben Jahre lang war es ruhig um Garbage. Nun meldet sich die einstige Alternative-Super-Gruppe zurück. Mit Kawumm und in aller Bescheidenheit. Im n-tv.de Interview spricht Schlagzeuger und Produzent Butch Vig über das Comeback, unerledigte Dinge und Schicksal, aber natürlich auch über Nirvana, Kurt Cobain und sein Image als "Godfather Of Grunge".

n-tv.de: Nach dem Erfolg eures ersten Albums 1995 gefragt, hast du einmal geantwortet, ihr wäret damals schlicht zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Warum sind Ort und Zeit jetzt richtig für euer fünftes Album "Not Your Kind Of People"?

Butch Vig: Ganz ehrlich: Wir haben keine Ahnung, was uns mit dieser Platte erwartet. Wir waren ja fast sieben Jahre lang weg von der Bildfläche. Als Shirley (Sängerin Shirley Manson, Anm. d. Red.) vor rund eineinhalb Jahren anrief, sind wir wieder zusammengekommen. Und die Songs sind uns wirklich leicht aus der Feder geflossen. Es gab dafür keinen anderen Grund außer unserer Freude daran, Musik zu machen. Wir hatten keinen Plattenvertrag mehr. Wir haben noch nicht mal irgendwem erzählt, dass wir neue Songs aufnehmen. In erster Linie haben wir es also für uns selbst getan.

Dennoch gibt es ja nun das Album …

Ja, nach einiger Zeit haben wir festgestellt, dass wir genug gute Songs dafür zusammenhätten. Und wir dachten uns, dass wir gerne wieder Konzerte spielen würden. Also: Wir sind das alles eher mit Trippelschritten angegangen. Und wir sehen das auch nicht als eine großartige Rückkehr an. Wir sind einfach nur froh, dass den Leuten die Platte zu gefallen scheint. Bisher haben wir ja nur sechs oder sieben Konzerte gespielt. Und die Reaktionen des Publikums waren toll. Es fühlt sich einfach nur gut an, wieder Musik zu machen - speziell, nachdem wir so lange weg waren und wir dachten, den Leuten würde das am Arsch vorbeigehen.

Garbage sind: Steve Marker, Shirley Manson, Duke Erikson und Butch Vig (v.l.n.r.)
Garbage sind: Steve Marker, Shirley Manson, Duke Erikson und Butch Vig (v.l.n.r.)(Foto: Cooperative Music)

Nach eurem letzten Album "Bleed Like Me" 2005 hieß es nicht nur, ihr hättet euch ausgebrannt gefühlt. Auch die Chemie zwischen den Bandmitgliedern schien da nicht mehr zu stimmen. Hat die Pause die Wogen geglättet?

Ja, wenn wir nach "Bleed Like Me" gleich noch eine Platte gemacht hätten, hätten wir uns aufgelöst. Wir waren ausgebrannt und hatten genug voneinander. Ich dachte damals, wir würden eine Pause von zwei oder drei Jahren einlegen. Aber letztlich sind daraus fünf geworden, bis wir uns wieder zu Aufnahmen getroffen haben. Die Auszeit war nötig. Jetzt fühlen wir uns alle wieder frisch und kommen wieder super miteinander aus.

War dir denn nach 2005 immer klar, dass ihr noch einmal ein Album machen würdet?

Nein, gar nicht. Als wir in die Pause gingen, machte jeder sein eigenes Ding. Shirley fing an zu schauspielern, sie hatte einige kleinere Rollen in Filmen und eine TV-Show. Duke (Gitarrist Duke Erikson, Anm. d. Red.) arbeitete ebenfalls an Filmen und Steve (Gitarrist Steve Marker, Anm. d. Red.) an seiner eigenen Musik. Und ich konzentrierte mich aufs Produzieren. Da hatte keiner ein großes Interesse daran, Garbage wiederzubeleben.

Wie ist es denn dann doch dazu gekommen?

Zwei Geschichten haben das ins Rollen gebracht. Vor ungefähr zwei Jahren wurde uns angeboten, zusammen mit einem Orchester in der "Hollywood Bowl" (eine große Freiluft-Arena in Hollywood, Anm. d. Red.) zu spielen. Das wäre fantastisch gewesen. Und ich hoffe, dass wir das auch noch mal machen werden. Aber wir waren ja ein bisschen wie im Winterschlaf. Und um das machen zu können, hätten wir unbedingt proben und unsere Crew zusammenhaben müssen.

Und die zweite Sache?

Das Zweite war, dass der sechsjährige Sohn eines eng mit uns befreundeten Paares an Krebs gestorben ist. Shirley und ich haben daraufhin gemeinsam einen Song für einen Benefiz-Sampler für krebskranke Kinder geschrieben. Und Shirley hat auf der Beerdigung gesungen. Ich glaube, uns wurde da bewusst, wie wertvoll das Leben ist. Ich weiß, das klingt wie ein Klischee. Aber wenn jemand, der dir so nahesteht, so jung stirbt, wird dir das klar. Du weißt nicht, was morgen sein wird. Und wir hatten das Gefühl, dass wir noch etwas zu erledigen haben: mehr Musik machen.

So in etwa fing es an: Garbage bei den MTV Awards 1996.
So in etwa fing es an: Garbage bei den MTV Awards 1996.(Foto: REUTERS)

Was macht denn ein Butch Vig, wenn er mal nichts zu erledigen hat? Auf der Couch liegen?

Oh, ich habe eigentlich keine Hobbys. Ich sehe mir sehr gerne American Football an - ich bin ein großer Fan der Green Bay Packers. Aber die spielen erst wieder im Herbst. Gelegentlich gehe ich Golf spielen, auch wenn ich ein lausiger Golfer bin - ich spiele nur vier oder fünf Mal im Jahr. Ins Kino gehe ich auch gern. Und ich lese viel. Aber vor allem gehört meine Freizeit jetzt meiner Tochter. Sie ist sechs Jahre alt und strotzt vor Energie. Das hält mich jung. Egal, wie lange ich am Abend zuvor wach war - bis ein, zwei oder drei Uhr - sie ist um sechs Uhr wach. Also bin ich es auch. Das ändert wirklich deine Sicht auf die Welt. Aber das ist fantastisch.

Angeblich ist deine Tochter - ebenso wie die von Steve - auch auf dem neuen Album zu hören …

Ja, die beiden singen zusammen mit Shirley den letzten Refrain des Titelsongs "Not Your Kind Of People". Meine Tochter hat das richtig ernst genommen. Ich habe ein vorläufiges Mix gemacht, das nur aus einem Loop dieses letzten Refrains bestand, und es auf CD gebrannt. Jeden Tag, wenn ich sie mit dem Auto zur Schule fuhr, wollte sie es sich anhören. Nach etwa zwei Wochen sagte sie zu mir: "Jetzt kann ich es auswendig, Dad." Dann haben wir ein paar Takes des Songs mit ihr aufgenommen. Der Text ist eigentlich ziemlich düster. Sie weiß gar nicht genau, was er bedeutet. Zum Teil geht es darum, wie man seine Unschuld behält. Wir fanden es wirklich süß, die beiden Mädchen das singen zu lassen.

Nachdem ihr euren Plattenvertrag verloren hattet, seid ihr nicht wieder zu einem großen Label zurückgekehrt. Stattdessen veröffentlicht ihr das neue Album nun in Eigenregie. Warum?

Wir wollen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir rechnen nicht damit, auch nur annähernd solche Verkaufszahlen wie in der Vergangenheit zu erreichen - allein schon wegen der illegalen Downloads und der veränderten Einstellung der Leute, wofür sie ihr Geld ausgeben. Das ist okay. Uns geht es mehr darum, die Musik, die wir machen wollen, dann zu veröffentlichen, wenn wir es wollen. Als wir "Bleed Like Me" herausgebracht hatten, sind wir ständig mit dem Label aneinandergeraten. Sie wollten mit uns nur ihre Einnahmen maximieren. Es interessierte sie gar nicht, wer wir als Band sind oder welche Musik wir machen wollen. Jetzt ist es zwar wesentlich mehr Arbeit für uns, da wir für alles die Verantwortung tragen, aber trotzdem ist es besser so.

"Uns wurde bewusst, wie wertvoll das Leben ist."
"Uns wurde bewusst, wie wertvoll das Leben ist."(Foto: Cooperative Music)

Anders als früher habt ihr euch für "Not Your Kind Of People" nicht in den von dir mit gegründeten "Smart Studios" in Madison eingenistet, sondern habt an ganz unterschiedlichen Orten aufgenommen. Wie hat sich das auf das Album ausgewirkt?

Ich denke, das neue Album klingt ziemlich derb. Zum Teil wurde es durch meine Produktion des jüngsten Foo-Fighters-Albums beeinflusst. Wir haben dieses Album auf Band aufgenommen. Wenn man das macht, kommt es voll und ganz auf die Performance an - man kann nichts nachträglich am Computer korrigieren. Wir wollten das Ganze in einer Art Guerilla-Stil machen. Ich habe zum Beispiel manche Schlagzeug-Parts in meinem wirklich kleinen Heimstudio aufgenommen, was sich ziemlich trashig anhört. Und viele Gesangs-Parts von Shirley entstanden mit einem Handmikrofon auf der Couch . Wir sind nicht auf eine teure und extravagante Studio-Tour gegangen, sondern haben eben immer da aufgenommen, wo wir gerade zufällig waren. Dadurch hat die Platte einen ziemlich rauen Sound. Und das ist gut.

Neben deiner Rolle als Musiker bei Garbage gilst du als einer der einflussreichsten Musikproduzenten, speziell im Alternative-Bereich. Der "New Musical Express" wählte dich gerade auf Platz neun der "besten Produzenten aller Zeiten". Und manche sehen in dir gar den "Godfather Of Grunge". Wie gehst du mit so viel Lob um?

Also: Ich sehe mich wirklich nicht als "Godfather Of Grunge". Es ist etwas verrückt. Ich mache schon fast mein ganzes Leben lang Musik. Und glücklicherweise kann ich davon leben. Ich liebe es, im Studio zu arbeiten. Und ich arbeite heute immer noch genauso hart wie damals, als ich angefangen habe. Ich halte mir immer vor Augen, dass jede Platte, an der ich arbeite, die letzte sein könnte. Ich hatte das Privileg, mit einigen umwerfenden Künstlern arbeiten zu dürfen: Nirvana, Smashing Pumpkins, Sonic Youth, Soul Asylum und in jüngerer Zeit Green Day, Muse, Foo Fighters, Against Me … Ich schätze mich wirklich einfach nur glücklich.

Wie würdest du denn den Zustand des alternativen Musik-Genres heute beschreiben? Gibt es das überhaupt noch?

Ich denke schon. Was mir auffällt, ist, dass viele Underground-Bands bestimmten Szenen entspringen. Es gibt zum Beispiel eine ziemlich coole Szene in Brooklyn. Aus ihr stammt etwa die Band Sleigh Bells, die ich echt klasse finde. Ich glaube, bei ihnen Garbage-Einflüsse herauszuhören. Die meiste coole neue Musik höre ich in Internet-Blogs von Leuten, die dort ihre eigenen Radio-Shows machen und coole Indie-Musik spielen. Da kann man wirklich jede nur erdenkliche Stilrichtung hören. Und es macht deutlich, dass es sehr viele tolle neue Bands gibt, auch wenn viele von ihnen sicher nicht den Durchbruch in den Mainstream im traditionellen Sinne schaffen werden.

Eins steht fest - sie waren wieder zusammen im Studio: Butch Vig mit den Ex-Nirvana-Mitgliedern Krist Novoselic (l) und Dave Grohl (M).
Eins steht fest - sie waren wieder zusammen im Studio: Butch Vig mit den Ex-Nirvana-Mitgliedern Krist Novoselic (l) und Dave Grohl (M).(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nervt es dich, wenn man dich immer noch auf Nirvana und ihr von dir produziertes Album "Nevermind" anspricht?

Nein, das ist in Ordnung. Es gab mal eine Zeit, speziell als das erste Garbage-Album herauskam, zu der es mich genervt hat. Da war es wirklich so, dass die Leute zu mir sagten: "Ah, es gibt ein Garbage-Album, doch sag mal: Wie war es, mit Kurt Cobain zu arbeiten?" Aber vor ein paar Jahren, als es auf den 20. Jahrestag der "Nevermind"-Veröffentlichung zuging, haben Dave Grohl, Krist Novoselic (die beiden Ex-Nirvana-Mitglieder neben Kurt Cobain, Anm. d. Red.) und ich damit angefangen, uns über die Jubiläums-Ausgabe und den Lauf unserer Geschichte zu unterhalten. Jetzt kann ich es wirklich annehmen und stolz darauf sein. Dieses Album hat mein Leben verändert. Und das Leben von so ziemlich jedem, der mit ihm etwas zu tun hatte.

Es gibt ja in jüngster Zeit Gerüchte, dass angeblich irgendwo noch ein unveröffentlichtes Kurt-Cobain-Soloalbum schlummern soll …

Ja, darauf werde ich gerade oft angesprochen. Ich kann nur sagen: Soweit ich weiß, gibt es das nicht. Wenn es das geben würde, hätte es sicher schon jemand veröffentlicht.

Cobain hätte 2012 seinen 45. Geburtstag gefeiert. Mittlerweile ist er seit 18 Jahren tot. Trotzdem scheint er auch jüngere Generationen noch immer zu faszinieren. Wie erklärst du dir das?

Ich denke, Kurt war ein Mysterium, in der Hinsicht, dass seine Texte schwer zu entschlüsseln waren. Und in seiner Art zu singen lag eine unglaubliche Kraft, in dieser Mischung aus Wut, Verwirrung, Rätselhaftigkeit und Zerbrechlichkeit. Und auch wenn die Leute nicht verstanden, was er da sang, konnten sie sich damit identifizieren. Wenn man so ein Talent ausbrennen und einfach aus unserem Leben verschwinden sieht, hinterlässt das immer den Wunsch, noch mehr von ihm zu haben. Er ist zwar schon so lange nicht mehr unter uns, aber die Musik klingt immer noch so kraftvoll wie damals. Deshalb wollen die Menschen noch mehr davon. Aber leider glaube ich, dass wir nicht mehr bekommen werden.

Das Album "Not Your Kind Of People" von Garbage ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Not Your Kind Of People" von Garbage ist ab sofort erhältlich.(Foto: Cooperative Music)

Allerdings hast du vor kurzem via Twitter verraten, dass du gemeinsam mit Dave Grohl und Krist Novoselic im Studio warst. Was habt ihr denn da gemacht?

Tut mir leid, darüber kann ich im Detail nicht sprechen. Ich arbeite mit Dave Grohl an einer Film-Dokumentation über das Studio, in dem wir "Nevermind" aufgenommen haben. Und wir haben gemeinsam an einem Soundtrack dazu gebastelt. Aber wir sind noch nicht fertig damit. Das wird wohl noch bis zum Herbst dauern. Und die Veröffentlichung dürfte nicht vor Januar oder Februar 2013 stattfinden.

Dann wirst du mir auch sicher nicht verraten, wer der "special guest" war, der deinen Aussagen zufolge mit euch im Studio war …

(lacht) Nein. Ich habe Dave versprochen, dass ich es nicht sagen werde.

Nirvana und viele andere hast du ja nun schon produziert. Gibt es irgendeine Band oder einen Künstler, mit dem du dir eine Zusammenarbeit wünschen würdest?

Es gibt derzeit verschiedene Projekte, die angedacht sind. Ich bin im Gespräch mit einigen Bands, um mit ihnen vielleicht später in diesem Jahr und kommendes Jahr zusammenzuarbeiten. Auch darüber mag ich leider nicht so wirklich sprechen. Einfach, weil ich manchmal das Gefühl habe, dass es den Prozess belasten würde. Aber wie ich schon gesagt habe: Es gibt viele tolle neue Bands.

Und wie sieht es mit Garbage aus? Welche Zukunftswünsche hast du für euch als Band?

Eigentlich nur, gesund zu bleiben. Wir wollen Spaß haben und müssen eine Balance dazwischen finden, auf Tour zu gehen, uns nicht zu sehr zu verausgaben und unsere eigenen Leben nicht zu vernachlässigen. Aber ich glaube, wir kriegen das hin.

Garbage wird also nicht so schnell Abfall sein …

(lacht) Ich hoffe nicht!

Mit Butch Vig sprach Volker Probst

Das Album "Not Your Kind Of People" von Garbage bestellen

Quelle: n-tv.de