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Passend zum Albumtitel "Education, Education, Education & War" platzieren sich die Kaiser Chiefs wie Soldaten in einem Klassenzimmer.
Passend zum Albumtitel "Education, Education, Education & War" platzieren sich die Kaiser Chiefs wie Soldaten in einem Klassenzimmer.(Foto: Danny North)
Freitag, 04. April 2014

"Education, Education, Education & War": Die Wiedergeburt der Kaiser Chiefs

Frontman weg, Energie weg, Leidenschaft weg - vor wenigen Monaten stand es nicht gut um die Kaiser Chiefs. Doch der Abgang von Sänger und Drummer Nick rüttelte die Band wach. Mit einem neuen Album melden sich die fünf Jungs zurück und verraten im Gespräch mit n-tv.de endlich, wer Ruby ist.

Im Herbst 2012 kam es mit dem Ausstieg von Gründungsmitglied und Schlagzeuger Nick Hodgson zu einer signifikanten Veränderung bei den Kaiser Chiefs. Zurück blieben Leadsänger und Texter Ricky Wilson, Bassist Simon Rix, Gitarrist Andrew White und Keyboarder Nick 'Peanut' Baines. Anstatt jedoch an der Frustration über diese Entscheidung zu zerbrechen, entzündete sich daran ein Funke, durch den die Kaiser Chiefs ein Album produzierten, das ihr bis dato durchdachtestes, gebildetstes und leidenschaftlichstes ist: "Education, Education, Education & War". n-tv.de traf Simon Rix und Nick 'Peanut' Baines zum Interview in Berlin. Offen sprachen die beiden Männer über den Abgang ihres Frontmans sowie ihre Liebe zum Fußball, zu Kaisern und zu Ruby.

Es gab in letzter Zeit große Veränderungen bei euch, denn Nick hat die Band verlassen. Er galt als Bindeglied der Band und soll auch die meisten Songs geschrieben haben.

Simon: Das meint er vielleicht. (lacht) Tut mir leid.

Wie war es für euch, als er gegangen ist?

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Peanut: Eigentlich hat es sich schon länger entwickelt. Wir haben das erste Mal auf Tour Anfang 2012 intern darüber gesprochen, es aber erst Ende 2012 öffentlich angekündigt. Wir wussten es also schon länger, es war kein großes Ereignis für uns. Der letzte Teil der Tour war eine Art Abschied für ihn. Wir haben den Gedanken über den Sommer verdrängt. Es war dann anders, ohne ihn ins Studio für Aufnahmen zu gehen, denn er war schon ein Initiator für viele unserer Songs. Aber nach und nach haben wir gemerkt, dass wir auch ohne ihn gut klarkommen.

Simon: Es war für uns beide traurig, denn wir haben Nick am ersten Tag der High School kennengelernt. Da waren wir elf Jahre alt. Und ab diesem Zeitpunkt haben wir über Gitarren und über Musik gesprochen - durchgehend bis 2012. Wir haben sehr viel miteinander erlebt. Daher waren wir zuerst traurig und enttäuscht. Der zweite Gedanke war dann: Wie geht es jetzt mit uns weiter? Ohne ihn, er war wichtig. Peanut hat es gerade schon gesagt: Es ging weiter, wir haben gemerkt, dass wir auch so gute Songs produzieren können. Wir waren motiviert und wussten, dass wir ein extrem gutes Album machen können. Wir waren alle richtig enthusiastisch. Wir hatten eine Menge Energie.

Ihr ward also schon frustriert, dass er euch im Stich gelassen hat. Hat dieses Gefühl euer neues Album "Education, Education, Eduvation & War" beeinflusst? Hat es euch einen anderen, neuen Sound verliehen?

Simon: Die Leidenschaft ist zurück.

Peanut: Der Antrieb ist wieder viel stärker. Bei den Alben davor wussten wir gar nicht genau, wo wir eigentlich hinwollen, warum wir diese Dinge gemacht haben. Als Nick uns verlassen hat und der Meinung war, die Kaiser Chiefs seien am Ende, haben wir gemerkt, dass genau das Gegenteil der Fall war, dass wir weitermachen wollen und kämpfen. Und diese Leidenschaft, diese Wut, diese Aggression, diese Energie und diese Liebe hört man. Wir wollen das machen, was wir machen - wir wollen die Kaiser Chiefs. Das kann uns niemand wegnehmen. Es ist schade, dass wir das erst dann erkannt haben, als Nick uns verlassen hat. Aber immerhin haben wir jetzt ein gutes Album.

Simon: Aggression und Wut ist das eine, aber Nick hat wohl vor seinem Entschluss gemerkt, dass uns eine gewisse Energie fehlt. Anstatt dagegen anzukämpfen, hat er sich schließlich gegen die Band entschieden. Wir anderen dagegen haben den Bruch wieder in Ordnung gebracht. Wir haben dadurch ein geniales Album zustande gebracht. Es ist die beste Platte, die wir je hatten.

Würdet ihr so weit gehen, zu sagen, dass es gut war, dass Nick die Band verlassen hat? Weil ihr euch im Grunde verbessert habt?

Peanut: Gut ist zu viel gesagt, denn wir haben einen Freund verloren.

Fünf Männer, eine Leidenschaft: Musik.
Fünf Männer, eine Leidenschaft: Musik.

Simon: Wir haben ein tolles Album produziert und ich habe auch mal in einem Interview gesagt, dass Nicks Abgang das Beste war, das uns passieren konnte. Aber eigentlich stimmt das nicht. Wir waren 25 Jahre befreundet, hatten viele gute Zeiten und haben viel miteinander erlebt. Allerdings muss man zugeben, dass es die Kaiser Chiefs vielleicht nicht mehr geben würde, wenn er nicht gegangen wäre. Es musste etwas geschehen, wir mussten wachgerüttelt werden - genau das hat Nick gemacht.

Peanut: Wir hätten eventuell auch ohne seine Entscheidung noch mal versucht, eine Platte aufzunehmen, aber sie wäre ganz anders geworden.

Simon: Das ist wie beim Fußball: Wenn einer die rote Karte bekommt, ist die Mannschaft mit nur noch zehn Mann oft besser als vorher mit dem gesamten Team. Denn alle strengen sich doppelt an, es stehen quasi 20 Spieler auf dem Feld.

Wie haben eure Fans auf die Veränderung reagiert?

Peanut: Wenn man Fan einer bestimmten Band ist, feiert man eine solche Entwicklung natürlich nicht. Aber als wir dann die erste Tour mit Vijay, unserem neuen Drummer, gemacht haben und dabei auch alte Lieder gespielt haben, war schnell klar, dass er super in die Band passt. Die Fans waren begeistert von unseren Auftritten, sie haben gemerkt, dass die Energie unserer Anfangsphase wieder da war. So haben sie sich ausgedrückt: Ihr hört euch genauso an wie zu dem Zeitpunkt, als wir euch für uns entdeckt haben.

Simon: Teilweise haben sich die Fans sogar zehn unserer Shows angeguckt, sind uns hinterhergereist, weil sie so begeistert von dem neuen alten Sound waren. Das waren aber auch wirklich die Hardcore-Fans, die uns seit unseren Anfängen kennen. Gerade bei diesen hätten wir das eigentlich nicht erwartet, dachten eher, dass sie sich von uns abkehren. Aber das Gegenteil war der Fall.

In Deutschland seid ihr vor allem für euren Song "Ruby" bekannt, mit diesem hattet ihr hier euren Durchbruch. Wer ist Ruby?

Peanut: Es ist Nicks Hund. (beide lachen)

Simon: Sie ist die Original-Ruby.

Hat Nick den Song geschrieben?

Peanut: Ja, den Refrain.

Simon: Der restliche Songtext handelt aber von dem Moment, in dem man eine Person, die einem gefällt, kennenlernt - ihren Namen erfährt. Dieser spannende, aufregende Moment des ersten Treffens. Es geht also nicht um einen Hund. (lacht)

Lasst und noch mal über die neuen Songs auf "Education, Education, Education & War" sprechen. Es geht einerseits viel um die Geschichte Großbritanniens, andererseits aber auch um aktuelle Probleme wie die Kriege im Irak und in Afghanistan. Die Texte sind sehr ausdrucksstark. Wieso habt ihr solch heikle Themen für euer Album gewählt?

Simon: Wir haben sie nicht direkt gewählt, sondern singen über das, was passiert. "Bows and Arrows" dagegen ist über uns selbst und wie wir beginnen, zu kämpfen. Wir wollten wieder eine bessere Band sein und haben gemerkt, dass wir gemeinsam viel mehr erreichen als alleine. Der Song hat militärische Anspielungen, diese finden sich aber auch in vielen der anderen Texte.

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Peanut: In den Nachrichten hört man so viele Ereignisse und man kann nicht ignorieren, was alles um einen herum passiert. Letztendlich ist das Album also eine Mischung aus dem, was in der Welt geschehen ist und unseren persönlichen Gefühlen.

Simon: Wir haben lange überlegt, es wirklich so zu nennen, da wir wussten, dass Fragen auch in Bezug auf die Politik auf uns zukommen würden. Aber ich wollte vor nichts zurückschrecken, nicht die Ecken und Kanten glätten. Wir haben etwas zu sagen, können Interesse wecken und die Leute ein bisschen anschubsen. Man will doch über Musik reden können und die Emotionen wecken. Natürlich nicht immer: In "Coming Home" beispielsweise geht es nur um eine Stimmung.

Würdet ihr das Album denn als politisch bezeichnen?

Peanut: Es geht um Konflikte und Konflikt ist Konflikt. Dieser spielt sich in allen Bereichen gleich ab: In Freundschaften, bei Paaren, genauso aber auch in der Regierung. Die Songs funktionieren auf einem persönlichen und auf einem globalen Level.

Aber es gibt keine echten Lovesongs, oder?

Peanut: Nicht direkt, aber in der Liebe kann es auch um Streit und Lösungsfindung gehen.

Simon: Wir singen nicht über Frauen, aber über Verluste. Man muss seine Fantasie benutzen.

Wieso habt ihr das Album in den USA aufgenommen?

Simon: Wir hatten das vorher noch nie gemacht und mit dem Neubeginn wollten wir auch etwas Neues ausprobieren. Aber der Hauptgrund für die USA war der Producer Ben Allen, der dort sein Studio hat.

Peanut: Uns hat die Vorstellung gefallen, weit weg von zu Hause zu sein. Denn man ist wesentlich fixierten auf die Aufnahme, wenn man nicht durch den Alltag abgelenkt ist. Außerdem haben wir früher oft den Fehler gemacht, an sehr vielen verschiedenen Orten die Songs aufzunehmen. Das tut der Musik aber nicht gut. Daher haben wir uns eine Location zur Produktion ausgesucht. Dadurch hat unser Album jetzt einen Anfang, eine Mitte und ein Ende - alles ergibt Sinn. Wenn man einen Song hört, weiß man sofort, zu welchem Album er gehört.

Ihr wurdet kürzlich als "Kaiser Thiefs (Diebe)" bezeichnet, weil ihr das Design des Logos eures Albums von einer Fahrradwerkstatt geklaut haben sollt. Was sagt ihr zu diesem Vorwurf?

Peanut: Die ganze Angelegenheit hatte sich innerhalb von zwei Tagen erledigt.

Das Logo von "Education Education Education & War" sorgte vermeintlich für Ärger.
Das Logo von "Education Education Education & War" sorgte vermeintlich für Ärger.

Simon: Wir wussten zunächst gar nichts davon. Wir gestalten das Logo nicht selbst, sondern haben einen Designer damit beauftragt. Wir wollten mit dem Album zeigen, dass wir wie eine vertrauensvolle Marke sind, die seit 100 Jahren etabliert ist und die man kennt. Daher hat unser Designer dieses Logo ausgewählt. Ein Fahrradmagazin hat den Skandal erst heraufbeschworen. Es hieß, diese Werkstatt hätte uns bereits kontaktiert. Das stimmte aber nicht.

Peanut: Die Zeitschrift hat das alles erfunden. Wir wollte nichts klauen, es war eher ein Hommage an großes britisches Design, an Qualität.

Simon: Die Werkstatt war auch überhaupt nicht sauer, die Artikel waren alle falsch. Das Gegenteil war der Fall: Sie haben sich gefreut und wollten ein Album von uns für ihr Museum. Es gab keine Probleme, mit zwei, drei E-Mails war alles geklärt.

Peanut: Das ist typisch für die englische Presse: Manchmal suchen sie sich einfach eine Geschichte und stellen sämtliche Fakten falsch dar.

Ihr habt euch nach einer südafrikanischen Fußballmannschaft benannt. Wisst ihr denn eigentlich, was "Kaiser" auf Deutsch bedeutet?

Peanut: König oder Kaiser.

Genau. Habt ihr einen Lieblingskaiser?

Peanut: Kaiser Palpatine von "Star Wars".

Simon: Pinguine. Kaiserpinguine. (beide lachen)

Ihr habt am Anfang selbst schon über Fußball gesprochen und auch euer Name hat dort ja seinen Ursprung. Seid ihr große Fans?

Peanut: Auf jeden Fall. Egal, in welcher Stadt wir sind, finden wir immer eine Sportbar, in der wir englischen Fußball gucken können. Wir kommen aus Leeds und für das Team sind wir auch. Wir gucken auch im Ausland jedes Spiel. In den 70ern gab es auch einige prominente Spieler im Team aus Leeds.

Simon: Daher auch unser Name - ein berühmter Spieler aus Leeds wechselte in das Team der "Kaizer Chiefs" in Südafrika.

Ihr werdet also auch die WM in Brasilien verfolgen?

Beide: Auf jeden Fall!

Simon: Brasilien oder Deutschland wird gewinnen.

Wie weit wird England kommen?

Beide: Auch bis zum Schluss natürlich.

Sie sind in einer Gruppe mit Italien, Costa Rica und Uruguay.

Simon: Uruguay wird Gruppensieger werden.

Peanut: Oder Italien.

Mit Simon Rix und Nick 'Peanut' Baines sprach Saskia Nothofer

Das Album "Education, Education, Education & War" erscheint am 4. April.

Quelle: n-tv.de