Die Geschichte des WM-SongsEin Soundtrack zum Heulen

Von Michael Schanze über "Böörti" und Melanie Müller bis Aische Pervers: Die Geschichte des WM-Songs gleicht einer nicht enden wollenden Geisterbahnfahrt ins Reich der finstersten musikalischen Abgründe.
Ich kann mich noch ziemlich gut an mein erstes WM-Song-Erlebnis erinnern. Es war der 11. Juli 1982. Mit einem Schulfreund saß ich damals zusammen in dessen elterlicher Laube und kaute dabei verzweifelt an meinen Fingernägeln, während sich die deutsche Nationalmannschaft unter der Führung von Jupp Derwall mit Händen und Füßen gegen willensstarke Italiener wehrte. Hat alles nichts genützt. Meine Finger waren nach 90 Minuten zwar blutrot, doch der Pokal wanderte in die Hände des WM-Torschützenkönigs Paolo Rossi.
Als wenn das nicht schon genug Schmach für meine junge Sportlerseele gewesen wäre, sorgte der Vater meines Freundes mit einer alkoholisierten Dauerschleife des Michael-Schanze-Daumendrückers "Olé España" für eine Extraportion Wut bei mir. Was ich zu dieser Zeit allerdings noch nicht wusste: Es sollte in puncto WM-Song alles noch viel, viel schlimmer kommen.
Die WM - auch für Nicht-Fußballer
Vier Jahre später warfen sich Toni Schumacher, Hans-Peter Briegel und Co. zusammen mit Peter Alexander in flatternde Ponchos und trällerten aus vollen Kehlen "Mexico mi amor". Gruselig. Abermals reichten weder Schlager-Vibes noch Fußball-Kunst für den großen Sprung. Im Jahr 1990 sollte es dann aber endlich mal wieder klappen. Zwar blamierte sich der DFB-Kader unter dem Dirigenten Udo Jürgens musikalisch wieder einmal bis auf die Knochen ("Wir sind schon auf dem Brenner"), doch behielt man wenigstens sportlich bis zum Ende der Veranstaltung die Hosen an.
Scheinbar euphorisiert vom Final-Triumph in Mailand, verbrüderte sich der DFB-Tross für seine 1994er-Rundreise durch die USA mit der angestaubten Regenbogen-Combo "Village People" ("Far Away In America"). Der Terrier Berti Vogts und die Macho-Wade Mario Basler umringt von verkleideten Polizisten und Indianern: ein Bild für die Götter. Auf den sportlichen Verlauf des Sommers 1994 will ich gar nicht erst näher eingehen. Da half auch kein Blödel-Support von Stefan Raab ("Böörti Böörti Vogts").
Der ungewohnt poppige Background des USA-Desasters ließ in der Folge immer mehr nationale und internationale Charts-Künstler aufhorchen; denn die deutsche Nationalelf war nicht die einzige, die sich erstmals an tanzkompatiblen Mainstream herantraute. Mit der immer massenkompatibleren Vermarktung des Turniers waren den musikalischen Zuarbeitern plötzlich Türen und Tore geöffnet. Auf einmal posierten globale Superstars wie Ricky Martin (1998) und Anastacia (2002) mit dem runden Leder und präsentierten der Weltöffentlichkeit ihre offiziellen WM-Klangkunstwerke.
Alle sind plötzlich Sportfreunde
Spätestens im Jahr 2006 wurde hierzulande aus der Fußball-Weltmeisterschaft eine regelrechte Party-Veranstaltung. Herbert Grönemeyer, die Sportfreunde Stiller, Bob Sinclair, Xavier Naidoo: Nahezu die halbe Beletage der deutschen Musikszene hüpfte in schneeweißen DFB-Leibchen von einem Großraum-Event zum nächsten. Fähnchen hier, Fähnchen da. Selbst auf dem Supermarkt-Parkplatz wurde ich seinerzeit des Öfteren schräg von der Seite angesprochen. Warum ich denn ohne Wimpel aus dem Haus gehe, fragte mich der Hausmeister des Einkaufszentrums um die Ecke, während aus den Freiluft-Boxen über uns Xavier Naidoos "Dieser Weg" schallte. Man kann's auch übertreiben, dachte ich mir.
Fußball spielt schon seit jeher eine übergeordnete Rolle in meinem Leben. Früher als Aktiver, heute als Fan. Doch mit volksfestähnlichen Fanmeilen, oberflächlichen 4-Wochen-Anhängern und einem nicht enden wollenden kommerziellen Vermarktungs-Rattenschwanz habe ich so meine Probleme. Sicher, Begeisterungsfähigkeit ist eine tolle Sache. Wenn dann aber schwarz-rot-gold angemalte Fitnessstudio-Abonnenten und partygeile (egal, welche Party) Solarien-Betreiberinnen - Menschen, die vier Wochen zuvor noch dachten, dass Mesut Özil der Name ihres Döneria-Besitzers um die Ecke sei - plötzlich wie im Ballermann-Fieber zu den Klängen von Shakiras Popo-Wackler "Waka Waka" hüpfen und tanzen, dann schwillt mein Hirn vor lauter Fragezeichen wie ein Medizinball an.
Die meisten Songs? Glattes Abseits!
Dass die jüngere Vergangenheit aber wohl erst der Anfang einer nicht mehr aufzuhaltenden Zwiespalt-Symbiose zwischen Musik und Sport war, zeigen aktuelle Randerscheinungen rund um das bevorstehende Turnier in Brasilien. Neben Großkalibern wie Jennifer Lopez, Pitbull, Claudia Leitte, Santana und Shakira rüstet nämlich auch der musikalische Untergrund wieder mächtig auf. Nationale Beispiele gefällig? Da wäre zum einen Deutschlands Schlag-und-Spaßturbine Stefan Raab. Der Prosieben-Star holt zwanzig Jahre nach seinem ersten musikalischen WM-Beitrag erneut zum großen Schlag aus. Sein Song "Wir kommen, um ihn zu holen" hat zwar den künstlerischen Nährwert eines Blattes Esspapier, doch vergleicht man ihn mit den "Mitbewerbern", sollte man froh sein, wenn der Raabinator in den nächsten Wochen in der Gunst der "Hörerschaft" die Nase vorn hat.
Es geht nämlich noch weitaus schlimmer. Da wäre beispielsweise das Fremdschäm-Silikon-Gehüpfe von Sachsens beliebtestem D-Promi Melanie Müller. Die Dschungelkönigin fährt im Videoclip ihrer Rundleder-Single "Auf geht’s Deutschland schießt ein Tor" so ziemlich alles auf, was es braucht, um der Ohropax-Industrie in den kommenden Wochen einen millionenschweren Umsatz zu garantieren.
Wer allerdings dachte, dass der müllersche Autoscooter-Krepierer das Ende der Hohlhirn-Fahnenspitze markiert, der kam noch nicht in den Genuss des wohl gruseligsten WM-Outputs aller Zeiten. Die Rede ist von "Wir sind für Deutschlalalaland", einem Song, eingeträllert von Erotik-Sternchen Aische Pervers, der alles bisher Dagewesene problemlos in den Schatten stellt.
Eingehüllt in zahllose Fan-Utensilien, räkelt sich die FSK-18-Aktreuse in ihrem 100-Euro-Youtube-Clip auf einer stilechten rosafarbenen Liebes-Couch und wackelt dabei mit ihren wertvollsten beiden Arbeitswerkzeugen freudig im Takt zu billigen Großraumdisko-Klängen aus der Spielkonsole. Nach diesen vier Minuten frage ich mich nur noch eins: Michael Schanze und Co.: "Wo seid ihr, wenn man euch braucht?"