Musik

Awesome! Ein letzter Kuss von Kiss

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Kiss um die Gründungsmitglieder Gene Simmons (l.) und Paul Stanley sind derzeit auf Abschiedstour (Foto von einem Auftritt in Mexiko-Stadt am 3. Mai 2019).

(Foto: AP)

Sie sind made for lovin' us. Aber alles hat auch einmal ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Und so absolvieren Kiss nach fast 50 Jahren im Musikgeschäft nun ihre Abschiedstour. Auf der Berliner Waldbühne geben die geschminkten Herren um die 70 noch einmal alles: Kunstblut, Feuer und Rock'n'Roll.

Es gibt Bands, bei denen spielt die Musik längst keine allzu große Rolle mehr. Da geht es wesentlich mehr um die Legende, die Aura und das Brimborium, die ihren Kultstatus in der Musikgeschichte in Stein gemeißelt haben. Kaum eine Band ist dafür ein besseres Paradebeispiel als Kiss.

An sich ist die Gruppe ein One-Hit-Wonder. Außer ihrem Über-Gassenhauer "I Was Made For Lovin' You" gelang ihr kaum ein Song, der noch bis heute nachhallen würde. Auch ihre Alben - so legendär vor allem ihre Live-Longplayer "Alive" I bis III auch sein mögen - waren nie die absoluten Charts-Stürmer. Ein Nummer-1-Album glückte der Band kein einziges Mal - weder in ihrer Heimat USA noch in Deutschland oder in Großbritannien.

"Beste Band der Welt"

Aber das ist eben vollkommen nebensächlich und hält einen wie Bassist und Sänger Gene Simmons auch nicht davon ab, sich und seine Kiss einfach mal als die "bis heute beste Band der Welt" zu preisen. Zumindest was ihre in der sogenannten "Kiss Army" versammelten Fans angeht, ist die Gruppe in Sachen Treue, Loyalität und Hingabe aber tatsächlich noch immer ganz weit vorn. Davon konnte man sich auch beim Konzert im Rahmen ihrer "End Of The Road World Tour" am Dienstagabend in der Berliner Waldbühne überzeugen.

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Kiss? Nein, nur ihre Doubles.

(Foto: Nicole Ankelmann / n-tv.de)

Das vielleicht größte Ereignis an diesem Abend ist gar nicht der Auftritt der Hardrock-Urgesteine mit den Gründungsmitgliedern Simmons und Paul Stanley (Gesang und Gitarre) sowie den Spätberufenen Tommy Thayer (Gitarre) und Eric Singer (Drums), sondern der ihrer Anhängerschaft im weiten Rund. Nicht nur, weil die meisten der oftmals schon ergrauten Zuhörer selbstredend auch jeden anderen Song als "I Was Made For Lovin' You" aus dem Effeff mitsingen können. Sondern vor allem, weil die vier Bandmitglieder auch bei der Kiss-Party abseits der Bühne omnipräsent zu sein scheinen.

Wenigstens ein bisschen Kiss-Schminke im Gesicht muss bei vielen Zuschauern schon sein. Doch unter die Pi mal Daumen 15.000 in der nicht ganz ausverkauften Arena mischen sich auch so manche nahezu originalgetreue Doubles des Demons (Simmons), Starchilds (Stanley), Spacemans (Thayer) oder Catmans (Singer) in voller Montur.

Von den 70ern ins Hier und Jetzt

Der Glamrock-Budenzauber der 70er-Jahre mutet heute freilich eher wie Karneval oder Kinderfasching an. Aber auch das ist egal. Schließlich beruht der Kult um Kiss nicht zuletzt darauf, dass die Gruppe ihr aus der Zeit gefallenes Markenzeichen bis ins Hier und Jetzt herübergerettet hat. Ein Markenzeichen, das sie mit "Lick It Up" Anfang der 80er für rund eine Dekade kurzsichtig aufgab - der wahrscheinlich größte Fehler, den die "beste Band der Welt" in ihrer Karriere begangen hat.

Die Fans haben es Kiss längst verziehen. So wie sie den US-Rockern eben auch verzeihen, dass sie zwar geradezu pyromanische Show-Giganten sind, aber nicht eben die musikalische Offenbarung bereithalten. Kiss spielen sich in der Waldbühne durch Songs ihrer nahezu 50-jährigen Schaffensphase, wobei der Schwerpunkt mit Liedern wie "Detroit Rock City", "Rock And Roll All Nite", "Shout It Out Loud" oder "Calling Dr. Love" dann doch ganz klar auf ihren frühen Ergüssen liegt.

Dabei geben Stanley, Simmons und Co noch einmal alles, was man von ihnen auch nur erwarten kann. Ein nicht unerheblicher Teil der Ticketeinnahmen dürfte allein dafür draufgehen, die Unmengen an Feuerwerkskörpern, Flammenwerfern und Funkensprühern zu refinanzieren, die während der Show zum Einsatz kommen. Simmons lässt nicht nur seine Zunge wie wild spielen und das Kunstblut spritzen, er wird auch zum menschlichen Feuerspeier mit Fackel. Stanley schnappt sich eine Seilwinde, um mit ihr über die Köpfe der Zuschauer zu schweben und auf einem kleinen Podest inmitten des Publikums unter anderem "I Was Made For Lovin' You" anzustimmen. Dazwischen bellt er immer wieder Ansagen mit derart gepresst hoher Stimme, als müsse er mal dringend aufs stille Örtchen. Doch eigentlich findet er alles total fantastisch hier. "Awesome!", ruft er immer wieder in die Menge. Awesome! Awesome! Awesome!

Der Vorhang schließt sich

Manches an diesem Auftritt wirkt skurril bis komisch, ohne es wirklich sein zu wollen. Doch ist das kein Grund, sich darüber lustig zu machen. Mit ihrer "End Of The Road"-Tour gelangen die 1973 gegründeten Kiss schließlich am Ende ihres Weges an. Mittlerweile sind die Band-Mitglieder alle plus/minus ein paar Jährchen um die 70. Ihre Kostüme sollen bis zu 18 Kilo wiegen. Davon lassen sie sich bei der über zwei Stunden langen Show nichts anmerken. Und Stanley hat noch immer Oberarme, um die ihn manch ein Jungspund beneiden dürfte.

Es ist ihre Abschiedsreise, die die Gruppe in die Waldbühne geführt hat. Ein letzter Kuss von Kiss, ehe sich Ende 2019 der Vorhang für ihr Glamrock-Theater endgültig schließt. Es sind lebende Legenden, die vor ihrem wohlverdienten Rock'n'Roll-Ruhestand noch einmal mit einem lauten Knall abtreten. Kein Zweifel, dass hier etwas Großes zu Ende geht.

Quelle: n-tv.de

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