Musik

Interview mit Marianne Faithfull "Ich bin sehr, sehr stolz"

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Dabei raucht sie gar nicht mehr!

"Give my Love to London" heißt das neue Album von Marianne Faithfull. In den Texten der Platte blickt Faithfull eher unsentimental und bisweilen harsch zurück auf ihre schillernde Vergangenheit, auf den frühen Ruhm als Teenage-Gesellschaftsmädchen und Geliebte von Mick Jagger, auf den krassen drogen- und depressionsbedingten Absturz in die sprichwörtliche Gosse und auf den Wiederaufstieg zu einer hochgeschätzten Rock'n'Roll-Lady mit rauchiger Stimme (den Zigaretten hat sie übrigens vor einem Jahr abgeschworen). Anlässlich ihres Goldenen Rockjubiläums geht Faithfull nicht nur mit dem neuen Album und Klassikern wie "Broken English" oder "As Tears go by" auf "50th Anniversary World Tour", die Gelegenheitsschauspielerin ("Irina Palm") bringt zudem im November das opulente Fotobuch "Marianne Faithfull: A Life on Record" heraus. Wir sprachen mit Marianne Faithfull in Paris.

n-tv.de: Frau Faithfull, wie geht es Ihnen?

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Es war nicht immer leicht für Marianne Faithfull.

Marianne Faithfull: Es wird, es wird. Bis zur Tournee wird der Körper wieder völlig intakt sein. Ein Trainer kommt regelmäßig und macht Übungen mit mir, ich gehe schwimmen und viel spazieren. Ich tue, was ich kann, um meine Ärzte zufriedenzustellen. Sie können mir glauben, es gibt eine ganze Galerie von Röntgenaufnahmen aus diesem Jahr. Ach je, das waren nicht die einfachsten zwei Jahre für mich. Ich bin wirklich froh und erleichtert, dass ich es geschafft habe, dieses neue Album fertigzustellen.

Verständlich. Sie haben sich im Sommer 2013 schwer am Rücken verletzt und in diesem Mai brachen Sie sich bei einem Sturz in Griechenland die Hüfte.

(stöhnt) Stimmt alles, doch lassen Sie uns nach vorne blicken. Worauf es ankommt, was wirklich wichtig ist, das ist die Musik!

"Give my Love to London" ist ein sehr reichhaltiges, buntes, vielschichtiges Album. Wo sind die meisten Ideen für Melodien und Texte entstanden?

Im Bett.

Jetzt sprechen wir ja doch wieder über Ihre Verletzungen.

Hilft ja nichts, das gehört nun einmal zu meiner Geschichte und zur Geschichte dieser Platte dazu. Ich lag für wirklich sehr lange Zeit flach auf dem Rücken und konnte nicht viel machen. Wenn du dich so schleppend erholst, wirst du nachdenklich, wehmütig, auch traurig. So ging es mir zumindest. Ich bin tief eingetaucht in mich selbst, ich habe mich intensiv damit beschäftigt, was ich mag und was ich nicht mag. Wen ich mag und wen nicht. Wer ich bin, woran ich glaube, all diesen wichtigen Fragen, für die du wirklich Zeit und Muße brauchst, habe ich mich gewidmet.

Also den wirklich großen Fragen des Lebens.

Den größten. Wo ich leben will, wie ich leben will, ob ich überhaupt leben will. Okay, die letzte Antwort fiel mir leicht: Natürlich, was denn sonst?

Sie haben also im Bett komponiert?

Nein, das ging nicht, ich konnte ja nicht einmal schreiben. Ich habe nur gelesen und gedacht, das war die Grundlage. Nun, und viele, viele Stunden habe ich auch mit dem Konsum dümmlicher Fernsehsendungen totgeschlagen.

Wie lauten Ihre Antworten auf die existenziellen Fragen?

Ich bitte Sie, glauben Sie wirklich, ich würde Ihnen diese persönliche Frage beantworten (lacht). Ich kenne die Antworten, das reicht doch. Und die Antworten, die für die Öffentlichkeit taugen, stecken in meinem Album.

Sie sagen, Sie wissen nun, wer Sie nicht sein wollen. Nämlich?

Ich bin keine Ikone, und ich will auch keine Ikone sein. Ich bin auch kein Popstar. Ich bin erst recht keine Legende. Dieser Nonsens hängt mir schon seit vielen Jahren wirklich zum Halse raus. Ich bin eine hart arbeitende Künstlerin und Musikerin, daran habe ich mich bewegungslos im Krankenbett wieder erinnert. Seitdem ich mich dieser Tatsache vergewissert habe, fühlt sich mein Leben leichter an.

Warum macht das Ihr Leben leichter?

Weil es die Schwere und diesen Druck von mir nimmt. Falls mich andere Leute als Ikone sehen wollen, dann ist das ihr Problem, ich werde sie nicht daran hindern. Bloß - ich muss mich da nicht anschließen.

Der neue Titelsong, er ist überraschend flott und tanzbar.

Gott, ja, das ist er. Ich mache meine morgendlichen Bewegungsübungen zu diesem Lied. Anschließend meditiere ich.

Sie leben seit vielen Jahren in Paris und in Dublin. Wie viel Liebe möchten Sie Ihrer alten Heimatstadt London denn geben?

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Sie will keine Ikone sein, verständlich.

Es hat seine Gründe, warum ich der Stadt vor langer Zeit den Rücken gekehrt habe. Selbstverständlich komme ich von Zeit zu Zeit nach London, mir bleibt nichts anderes übrig. Mein Sohn lebt dort, meine Enkelkinder und auch noch ein paar gute Freunde. Doch ich würde dort nicht mehr leben wollen, selbst wenn du mich gut dafür bezahltest.

Warum nicht?

Ich habe in London eine Menge erlebt. Zu viele schlimme Erinnerungen hängen an dieser Stadt, als dass ich mich dort wohlfühlen könnte. Sicherlich, nicht alles war von Dunkelheit und Horror geprägt, aber es war für mich mehr als genug Dunkelheit und Horror, um nicht mehr dort sein zu wollen.

Haben Sie denn je nach Ihrem Wegzug versucht, London wieder lieb zu gewinnen?

Ach, das habe ich aufgegeben. Immer, wenn ich dort war und mit dieser schrecklichen, widerwärtigen englischen Presse geredet habe, die bis heute nichts anderes von mir wissen will als Drogen- und Mick-Jagger-Geschichten, komme ich aufgebracht und wütend wieder nach Hause. Würde mein Sohn mit seiner Familie nicht in London leben, gäbe es für mich keinen Grund, London zu besuchen. Hier und da fangen die Medien ja neuerdings an, mich zu respektieren, aber dafür musste ich erst 50 Jahre durch die Scheiße gehen.

Es ist nachvollziehbar, warum Ihre Lebensgeschichte die Kollegen so fasziniert.

Und wenn schon! Das ist alles ewig her. Für mich selbst ist mein Leben ja sowieso nicht spannend, ich war ja immer mit dabei und kenne alles. Was mich interessiert, ist meine Kreativität.

Der wundervoll traurige Song "Late Victorian Holocaust" ist vermutlich der Höhepunkt Ihres Albums.

Ist das nicht ein tolles Lied? Nick Cave hat es extra für mich geschrieben. Extra für mich! Darauf bin ich unfassbar stolz. Es geht in dem Lied um das Junkie-Leben in London, die Golborne Road in Notting Hill war damals das Zentrum, und ich schätze mal, ich bin die einzige von Nicks Freundinnen, die diesen Song glaubhaft singen kann.

Womöglich hätte Nick ihn auch singen können.

Im Gegensatz zu mir lebte Nick sogar mal in der Golborne Road. Ich finde, er hat in dem Stück die Schönheit und den Schrecken des Lebens eines Drogensüchtigen im London der frühen siebziger Jahre sehr akkurat beschrieben. Es stimmt ja wirklich, was er schreibt: Wir haben nie auf den Dealer gewartet, wir sind verzweifelt hinter ihm hergerannt.

Ich war nicht dabei damals, aber kann es sein, dass Musiker und Künstler heute offener mit ihrer Drogengeschichte umgehen als früher? Nick Cave etwa erzählt ja auch offen über seine Heroinsucht.

Ich denke, das fällt dir umso leichter, je größer der zeitliche Abstand ist. Sowohl Nick als auch ich nehmen schon seit vielen Jahren keine Drogen mehr, bei mir sind es etwa 25 Jahre. Ich fühle auch keine Scham deswegen. Für mich waren die Drogen ein Teil meines Lebens. Und ich fand das weder damals noch jetzt im Nachhinein schrecklich, dass ich Heroin nahm. Ich stehe dazu.

Hat sich die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber Suchtproblemen verändert?

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Auf der Bühne ist es wundervoll!

Ich finde, die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber Alkohol und Drogen ist komplett heuchlerisch und einfach nur eine riesige verlogene Scheiße.

Möchten Sie das näher erläutern?

Nein! (lacht) Finden Sie selbst heraus, was ich meine. Sowohl Sie als auch Ihre Leser dürften klug genug sein, um zu verstehen, worauf ich hinaus will.

Sprechen wir also lieber über das tolle, energiegeladene Lied "Mother Wolf". Einverstanden?

Und wie! In "Mother Wolf" erleben Sie mich absolut wütend darüber, was wir Menschen diesem Planeten antun. "Mother Wolf" ist mein Racheengel, der Text ist vage vom "Dschungelbuch" beeinflusst. Ich lese ohnehin sehr viel und ich schaue dauernd Filme. Anders wüsste ich nicht, wie ich eine Tournee überstehen sollte.

Ist das Tourleben so öde?

Dem muss ich leider zustimmen. Es ist nicht immer einfach, sich bei Laune zu halten, wenn man wochenlang unterwegs ist. Zum Glück ist die Band dabei, ich muss also nicht ohne Gesellschaft reisen. Und natürlich die Zeit auf der Bühne ist jeden Abend aufs Neue wundervoll.

Gibt es abgesehen von einer großen Bücher-und-DVD-Kiste noch weitere Möglichkeiten, eine Tournee angenehmer zu gestalten?

Sicherlich. Ein Privatflugzeug wäre die Lösung.

Sie wurden 1964 mit 17 Jahren auf einer Party von Rolling-Stones-Manager Andrew Lloog Oldham entdeckt, nur drei Monate später feierten Sie mit Ihrer Fassung des Jagger/Richards-Songs "As Tears go by" einen großen Erfolg. Nun begeben Sie sich auf die "50th Anniversary World Tour" - war dieser Tour-Titel Ihre Idee?

Ich bitte Sie, jetzt aber wirklich! (lacht) Das ist doch total offensichtlich. Das ist die Idee der Menschen, die Geschäfte machen wollen. Aber ich finde den Namen ganz passend gewählt. Es ist ja nun einmal so, dass ich seit 50 Jahren dabei bin und immer noch lebe. Ich kann verstehen, dass dies ein Anlass zum Feiern ist.

Sie selbst leben aber eher in Gegenwart und Zukunft, oder?

Ich lebe in allen drei Zeiten gleichzeitig. Ich bereue die Vergangenheit nicht, ich habe meinen Frieden gemacht mit allem, was geschehen ist. Die Vergangenheit ist wertvoll für mich, sie ist kostbar. Ich lebe nur nicht in ihr.

Was empfinden Sie selbst, wenn Sie auf diese 50 Jahre zurückblicken?

Ich bin sehr, sehr stolz. Ich habe das nicht erwartet. Es kommt mir vor, als hätte ich als große Außenseiterin das Pferderennen gewonnen.

War Ihnen mit 17 schon bewusst, dass Sie den Karriereweg als Popkünstlerin gehen wollten?

Nein, ganz und gar nicht. Mir widerstrebte der Gedanke sogar und ich habe lange dagegen angekämpft. Ich wollte zwar eine Künstlerin werden, aber ich wollte nicht Teil dieser Welt sein, dieser "Swinging Sixties", wie sie heute genannt werden. Mein Plan war eigentlich, Opernsängerin zu werden. Nun gut, ich bin froh, dass es trotzdem ein Leben im Rock'n'Roll und für den Rock'n'Roll geworden ist. Heute habe ich die feinsten Freunde in der Rockmusik, die man sich vorstellen kann. Ich arbeite mit Nick Cave, mit Damon Albarn, mit PJ Harvey und vielen anderen phantastischen Menschen zusammen, die jeweils die Creme de la Creme auf ihrem Gebiet sind.

Was macht Sie am meisten stolz, wenn Sie an Ihre Karriere denken?

Na, die vielen herrlichen Alben, die ich gemacht habe. Und, wenn Sie mich schon so fragen: dass ich immer noch am Leben bin! (lacht)

Mit Marianne Faithfull unterhielt sich Steffen Rüth

Das Album "Give my Love to London" ist am 26. September 2014 erschienen - bei Amazon bestellen

Tour:

11.10.14 Stuttgart, Liederhalle, Hegelsaal
17.10.14 Leipzig, Haus Auensee
18.10.14 Hannover, Theater am Aegi
20.10.14 Düsseldorf,  Mitsubishi Electric Halle
23.10. Zürich, Volkshaus
15.11.14 München, Circus Krone
16.11. Wien, Konzerthaus
25.11.14 Berlin, Tempodrom
26.11.14 Hamburg, Kampnagel

Quelle: ntv.de