Musik

Pop aus dem Paradies Johannes Oerding zündelt

Hinter seiner bekannten Freundin Ina Müller muss sich Johannes Oerding nicht mehr verstecken: Mit seinem letzten Album schaffte es der Wahlhamburger auf Platz Vier der deutschen Charts. Er tourte mit Joe Cocker und belegte beim Bundesvision Song Contest den zweiten Platz. Um seine vierte Platte "Alles brennt" aufzunehmen, folgte der 33-Jährige nun einer bereits bewährten Methode: Statt in ein Studio zu gehen, richtete er sich in einem Hotelzimmer ein, und zwar im schönen St. Peter-Ording. Mit der Nordsee vor der Tür entstanden zwölf Songs, die zwischen eingängigem Pop und einfühlsamen Balladen pendeln.

n-tv.de: Hand aufs Herz, haben Sie für die Pressefotos zu Ihrem neuen Album wirklich eine Gitarre verbrannt?

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Wenn's sein muss, post Johannes Oerding auch schon mal.

(Foto: dpa)

Johannes Oerding: Ja, und das war auch tatsächlich meine Gitarre. Allerdings habe ich sie extra zum Verbrennen gekauft (lacht). Ich habe mich von Johnny Cash inspirieren lassen, der hat das auch mal gemacht. Ich muss gestehen, dass mir das schon in der Seele wehtat - aber alles für die Kunst! Und die Bilder sehen echt gut aus. Man muss ja auch mal posen dürfen.

Genau wie Ihr letztes Album ist auch dieses in einem Hotel entstanden, und zwar in St. Peter-Ording. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Ein ganz pragmatischer Grund: Ein guter Freund von mir leitet dieses Hotel. Zuletzt war er in einem Hotel in Glücksburg an der Felsnburger Förde, wo mein letztes Album entstanden ist. Dort haben wir uns damals so gut eingegroovt, dass er meinte, wir sollen doch wieder vorbei kommen, um meine nächste Platte zu machen.

Sind Sie gerne in Hotels?

Ja, ich fühle mich dort unheimlich wohl. Da kann ich mich ausbreiten, Dreck machen und anonym wieder verschwinden. Außerdem kümmern sich die Leute toll um dich: Wenn du Hunger hast, greifst du einfach zum Telefon. Vor allem aber ist man dort abgeschottet von all den Ablenkungen, die man in einer Großstadt hat. Wenn ich in Hamburg produziere, sind die nächste Kneipe und meine Freunde gleich um die Ecke. Deswegen raus an die Nordsee!

Hat die Nordsee nicht viel mehr Ablenkungspotenzial als irgendeine Kneipe?

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Fragt immer seine Freundin um Rat - guter Mann!

(Foto: dpa)

Sie war eher Inspiration. Ich komme ja aus dem ganz platten Land am Niederrhein, da gibt es weder Strand noch Berge. Deswegen bin ich vom Meer nach wie vor fasziniert. Und der Strand in St. Peter-Ording ist wirklich einmalig. Am Nachmittag hatten wir immer zwei Stunden zur freien Verfügung, da habe ich oft endlose Spaziergänge gemacht - 12 Kilometer in eine Richtung, Kaffee trinken und dann wieder zurück. Das hat mir die Birne frei geblasen. Ich muss sagen die Aufnahmen waren ein bisschen wie Urlaub, wie produzieren im Paradies.

Durfte Ihre Freundin Ina Müller Sie im Paradies besuchen kommen?

Eigentlich haben wir uns dort komplett abgeschottet. Aber die letzten zwei Abende haben wir beschlossen, ein paar Leute einzuladen.

Ina Müller ist selbst eine erfolgreiche Sängerin. Fragen Sie sie manchmal um Rat, wenn Sie an neuen Songs arbeiten?

Eigentlich immer. Sie ist eine der wichtigsten Instanzen für mich und hat immer gute Kritikpunkte. Allerdings musste ich erst lernen, dass mich jemand kritisiert. Ich bin nicht besonders kritikfähig. Egal wer mich und meine Musik kritisiert, ob meine besten Freunde oder liebsten Menschen - ich bin erst mal beleidigt. Meistens dauert es ein bis zwei Tage, bis mir klar wird, dass sie Recht haben.

So schlimm?

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Der Mann brennt für das, was er macht.

Schon, aber das muss man auch verstehen, denn für mich ist die Musik das Einzige, was ich habe, meine größte Leidenschaft. Ich gehöre zu den Künstlern, die wirklich alles in die Texte stecken. Wenn das jemand kritisiert, kritisiert er damit indirekt auch mich als Person - ist einfach so. Andererseits ist es natürlich wichtig, dass man ein Regulativ hat, weil man selbst irgendwann so tief drin steckt, dass man kleine Fehler gar nicht mehr erkennt. Das ist wie im Diktat früher. Und Ina gibt wirklich sehr gute Anmerkungen, auch was die Texte betrifft.

Apropros: Das Stück "Zweites Gesicht" ist für Ina Müller, oder?

Kann man so sagen. Der Song ist auch eine Art Rückblick auf die letzten Jahre. Je öffentlicher man als Mensch wird, desto mehr Sachen liest man über sich, die man noch gar nicht wusste. Deswegen kam ich irgendwann darauf, dass das Wichtigste, was man mit einem Menschen teilen kann, wohl Geheimnisse sind. Gerade heute, wo jeder alles allen erzählt und postet, kann das noch etwas Besonderes sein - sich zu erzählen, wenn man eine Leiche im Keller hat.

Eine weitere Liebeserklärung machen Sie auf dem Album Ihrer "Heimat". Ist das Hamburg oder Geldern-Kapellen am Niederrhein?

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"Alles brennt" erscheint bei Columbia (Sony Music).

Der Song hat eine ganz spannende Entwicklung durchgemacht: Eigentlich wollte ich ihn "Hamburg" nennen, aber dann war ich in meiner alten Heimat zu Besuch und habe gemerkt, dass ich auch dort noch Zuhause bin. Und dass nicht nur eine Stadt oder ein Land Heimat bedeuten können, sondern auch Menschen. Neulich habe ich was Schönes gelesen: "Heimat ist da, wo die Leute an deinen Geburtstag denken, ohne es bei Facebook gelesen zu haben".

Über einen letzten Song müssen wir noch reden: "Turbulenzen" ist von Ihrer Flugangst inspiriert. Steckt ein traumatisches Erlebnis dahinter?

Ich habe die Angewohnheit, immer alle Leute nach ihren schlimmsten Flügen zu fragen, um dann zu hören, dass sie trotzdem heil runter gekommen sind. Das gibt mir eine gewisse Beruhigung. Als ich mit den Scorpions auf Tour war, fragte ich also Klaus Meine und er erzählte, wie er vor 30 Jahren seinen Geburtstag an Bord gefeiert hat. Alle Metal-Leute waren dabei: Iron Maiden, Alice Cooper und so weiter. Irgendwann geriet die Maschine in Turbulenzen, das Flugzeug sackte mehrere Kilometer ab und Alice Cooper stand mit der Whiskey-Flasche im Gang und schrie "wir stürzen ab". Die Geschichte war so super, dass ich sofort das Wort Turbulenzen in mein Handy getippt habe.

Und Ihre Flugangst ist seitdem besser?

Nicht wirklich. Ich habe jedes Mal schweißnasse Hände. Ich glaube der Ursprung liegt bei mir im Kontrollverlust. Es ist nicht so, dass ich dem Fliegen an sich nicht traue, sondern mich frage, wer das Ding gerade fliegt und ob ich das nicht besser machen sollte. Ich bin auch ein mieser Beifahrer und fahre nicht mit dem Tourbus. Aber am schlimmsten ist Fliegen. Ich habe noch nie im Flugzeug schlafen können, selbst wenn ich elf Stunden geflogen bin wie jetzt zum Videodreh nach Las Vegas. Ich hatte mir vorher extra Baldrian geholt, aber es hat nichts gebracht.

Sie hätten das Video am Niederrhein drehen können!

Das glaube ich nicht. Denn das Video davor habe ich in der Lüneburger Heide gedreht und das sah schon anders aus (lacht).

Mit Johannes Oerding sprach Nadine Lischick

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Quelle: n-tv.de

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