Musik

Nicht mehr in Dave Gahans Schatten Martin Gore lädt zur Reise in den Kosmos

imago61092403h.jpg

Martin Gores Soloalbum ist voller Reminiszenzen an SF-Klassiker der frühen 80er-Jahre.

(Foto: imago/Milestone Media)

Depeche-Mode-Mastermind Martin Gore hat dem konventionellen Songwriting schon lange abgeschworen. Mit seinem neuen Soloalbum versendet er erneute Abschiedsgrüße in Richtung Mainstream. Willkommen in den Weiten des Weltalls.

Wenn man an Depeche Mode denkt, dann erscheinen vor den inneren Sinnesorganen Bilder und Klänge von majestätischen Synthie-Pop-Soundlandschaften, großen Stadien und der sich mystisch bewegenden Charisma-Silhouette eines Mannes namens Dave Gahan, seines Zeichens Frontmann und Aushängeschild der britischen Elektro-Legenden.

Insider wissen aber nur zu gut, dass die opulent aufbereitete Oberfläche nur deswegen auch heute noch makellos glänzt, weil ein anderer im Schatten des Rampenlichts die Fäden zieht, den die meisten Saison-Fans wohl nur schemenhaft wahrnehmen. Dabei spazierte Martin Gore während der Depeche-Mode-Glanzzeiten Mitte der 1980er-Jahre mit weit mehr Star-Appeal über die roten Teppiche als der Rest der Band. Man erinnere sich nur an sein pudeliges, platinblond gefärbtes Haupthaar, an all das Leder sowie den roten Lippenstift.

Äußerliche und musikalische Wandlungen

Martin Gore_-_Col_1_Travis_Shinn.jpg

Martin Gore: bei Depeche Mode meist im Schatten von Frontmann Dave Gahan.

(Foto: Travis_Shinn)

Heute kommt der Urheber von Synthie-Evergreens wie "People Are People", "Stripped" und "Never Let Me Down" fast schon gediegen daher. Die Locken sind zwar noch da, aber in puncto SM-Garderobe und Make-Up erinnern nur noch alte Fotos an Zeiten, in denen der Brite im Dämmergrau des Erfolgs sein Innerstes nach außen kehrte.

Auch musikalisch hat sich Martin Gore gewandelt. Große Melodien und bombastische Elektro-Feuerwerke werden im Studio des in Santa Barbara, Kalifornien, lebenden Songwriters schon lange nicht mehr gezüchtet. Vielmehr beschäftigt sich Gore nun schon seit Jahren mit den sphärischen Essenzen eines Genres, für dessen Urknall der gebürtige Londoner vor über 30 Jahren mitverantwortlich war.

Soundtrack für den Mond

Mit seinem neuen Soloalbum "MG" geht Martin Gore sogar noch einen Schritt weiter. Weitestgehend Beats-befreit, mit nur akzentuierten Harmonien versehen und voll von Reminiszenzen an Science-Fiction-Klassiker der frühen 80er, präsentiert sich das Album als eine Art Soundtrack für ausgiebige Erkundungstouren auf dem Mond. Ein paar EBM-Anleihen, geflüsterte Grüße an die Kollegen von Kraftwerk und The Human League sowie komplett instrumental gehaltene Kniefälle vor der Quelle des Anorganischen machen aus "MG" eine 16 Songs starke Aneinanderreihung digitaler Superlative.

Großartig verkaufen lässt sich das Album eigentlich nur mit dem Namen des Urhebers. Massentaugliche musikalische Inhalte findet man auf "MG" nämlich genauso viele wie Cola-Automaten in der Wüste. Der kommerzielle Aspekt spielt bei Martin Gore aber schon lange keine Rolle mehr. Vielmehr geht es dem Sound-Tüftler mehr denn je um künstlerische Selbstverwirklichung. Nicht einmal der Lead-Track des Albums - das etwas schräg blubbernde "Europa Hymn" – vermag auch nur ein winziges Mainstream-Türchen zu öffnen.

Music for the Masses? Pustekuchen! Die Zeiten sind vorbei. Schlimm? Nicht wirklich. Man muss sich nur Zeit nehmen und den verwobenen Milchstraßen-Sounds auf "MG" ihren Freiraum lassen. Dann laden sie einen nämlich irgendwann ein, zu einer Reise in die Weiten des Weltalls. Wir wünschen einen guten Flug.

"MG" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema