Musik

Die neuen Queen? Muse sind Gesetz

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Auf "ihrem Weg nach oben": Muse alias Christopher Wolstenholme, Matt Bellamy und Dominic Howard (v.l.n.r.).

(Foto: Warner Music Group)

Bombastischer als auf ihrem neuen Album klangen Muse noch nie. Zugleich jedoch verarbeitet das aus Sänger und Gitarrist Matt Bellamy, Bassist Christopher Wolstenholme und Schlagzeuger Dominic Howard bestehende Trio auf "The 2nd Law" auch musikalische Einflüsse, die Fans vom Stuhl kippen lassen könnten. Im n-tv.de Interview spricht Wolstenholme über Neuland, Thermodynamik, Olympia, Alkohol und den Schnauzer von Freddie Mercury.

n-tv.de: Du wurdest in einem anderen Interview mit den Worten zitiert, das neue Muse-Album sei "etwas radikal anderes" als eure vorangegangenen Sachen. Es sei, als ob ihr einen "Strich unter einen bestimmten Abschnitt" der Band ziehen würdet. Was sind denn für dich die wichtigsten Unterschiede, die "The 2nd Law" ausmachen?

Christopher Wolstenholme: Es ist ulkig. Ich kann mich nicht daran erinnern, das gesagt zu haben - aber alle fragen mich danach. (lacht) Tatsächlich denke ich, dass man bei jedem Album, das man macht, das Gefühl hat, damit eine bestimmte Periode abzuschließen. Man ist einem Album ja immer für eine gewisse Zeit verbunden - nachdem man es aufgenommen hat, geht man damit zwei Jahre auf Tour. Dann kommt man nach Hause und denkt über die nächste Sache nach. Wir wollen dabei immer wieder etwas Neues ausprobieren. Das haben wir bei diesem Album gemacht - aber auch schon bei allen Alben zuvor. Ich denke, in der Rückschau kann man von Album zu Album eine richtige Entwicklung hören. Mal sind die Entwicklungssprünge größer und mal kleiner.

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Wolstenholme ist Bassist und seit Neuestem auch Teilzeit-Sänger der Band.

(Foto: REUTERS)

Wo würdest du denn rückblickend die größten Sprünge bei euch verorten?

Für mich bedeutete "Absolution" im Vergleich zu den beiden Alben zuvor einen ziemlich großen Schritt nach vorn. Und ich denke, gemessen an "The Resistance" ist dieses Album der vielleicht größte Schritt, den wir insgesamt genommen haben. Es gibt ein paar Genres, von denen sogar wir selbst erstaunt sind, dass sie uns beeinflusst haben. Wir betreten auf dem Album einiges Neuland. Manche Leute werden ganz schön überrascht sein, wenn sie es zum ersten Mal hören.

Insbesondere scheint euch elektronische Musik beeinflusst zu haben, namentlich Dubstep - oder siehst du das anders?

Auf jeden Fall haben wir uns schon immer für elektronische Musik interessiert, einfach, weil sie sich so schnell verändert. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass sie unmittelbar von der verfügbaren Technik beeinflusst wird. Und die Technik entwickelt sich nun mal sehr schnell. Das hat uns schon immer interessiert und beeinflusst, aber auf diesem Album vielleicht noch einen Tick mehr als sonst. Wir wollen dabei natürlich nichts abkupfern, sondern überlegen uns, wie wir bestimmte Elemente mit dem, was uns als Band ausmacht, kombinieren können.

Zugleich hat man den Eindruck, dass ihr euch mehr und mehr von klassischen Pop- oder Rocksongs verabschiedet. Lieder wie "Supremacy", "Survival" oder der Titelsong des neuen Albums sind ja schon geradezu Rock-Opern …

Ja, es scheint so, dass vor allem unsere Gitarren-basierten Stücke dahin tendieren, immer größer und größer zu werden. Zugleich glaube ich, dass einige Gitarren-Sachen auf dem Album zu den härtesten Stücken gehören, die wir seit Langem gemacht haben. Sogar "Survival" geht am Ende in Richtung Metal. (lacht) Aber es gibt auf dem Album natürlich auch ganz andere Songs. "Madness" zum Beispiel ist sehr zurückgenommen und einfach - das ist schon eher ein Popsong. Es geht um die Balance auf dem Album.

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"The 2nd Law" ist das mittlerweile sechste Studioalbum von Muse.

(Foto: Warner Music Group)

So bombastisch, wie sich die Stücke mittlerweile teilweise anhören, könnte man euch fast schon als die neuen Queen bezeichnen - einverstanden?

Na ja, das sehe ich nicht so ganz, auch wenn ich Queen sehr mag - sie sind schließlich eine der besten Rockbands, die es je gegeben hat. Was wir vielleicht gemeinsam haben, ist, dass wir furchtlos an Musik herangehen. Wir haben keine Angst vor einem gewissen Sinn für Humor in der Musik oder davor, etwas Irrwitziges zu machen. Aber musikalisch - so, wie Matt beim Schreiben die Akkorde anordnet und so, wie wir den Rhythmus spielen - sind wir schon sehr unterschiedlich. Wir wurden in all den Jahren mit so vielen verglichen - manchmal mit Künstlern, von denen wir noch nie gehört hatten. (lacht)

Zum Beispiel?

Als wir etwa unser erstes Album "Showbiz" gemacht haben, gab es den Vergleich mit Pink Floyd. Damals kannten wir die Sachen von Pink Floyd aber gar nicht. Also sind wir losgezogen und haben uns all ihre Platten gekauft - und fanden, dass wir überhaupt nicht wie Pink Floyd klangen. Aber jeder hört aus Musik etwas anderes heraus.

Wir müssen also nicht befürchten, dass Matt sich demnächst einen Freddie-Mercury-Schnauzer wachsen lässt …

(lacht) Nein, auch wenn ich das gern sehen würde.

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Die Live-Shows der Band beeindrucken nicht nur musikalisch.

(Foto: Danny North / Warner Music Group)

Der Albumtitel "The 2nd Law" bezieht sich auf das "Zweite Gesetz der Thermodynamik". Das zu erklären, würde vermutlich den Rahmen dieses Interviews sprengen …

Wir haben eine kurze Antwort auf diese Frage eingeübt. (lacht) Das "Zweite Gesetz der Thermodynamik" beschreibt den Verlust von Energie in einem isolierten Energiesystem. Das heißt: Wenn man keine neue Energie zuführen kann, ist es unvermeidlich, dass die Energie nach und nach schwindet, bis man am Ende ohne irgendetwas dasteht. Die Menschen sind damit im Konflikt. Sie sind besessen von Wachstum und Energieverbrauch. Allein unsere Existenz steht zu diesem Gesetz im Widerspruch.

Okay, das ist dann schon weitergedacht. Aber eigentlich ist das ja ein Thema aus der Physik. Konntest du Physik in der Schule leiden?

Ach, Physik fand ich ganz okay. Aber mein naturwissenschaftliches Lieblingsfach war wahrscheinlich Biologie. Ich glaube, der menschliche Körper hat mich ziemlich fasziniert. (lacht)

Mit "Liquid State" und "Save Me" sind auf dem Album auch zwei Songs von dir. Es sind die ersten Songs auf einem Muse-Album, die nicht von Matt geschrieben wurden oder eine Coverversion sind. Wie kam es dazu?

Ich schreibe schon seit einigen Jahren an Songs. Aber ich hatte nie den Mut, das in die Band einzubringen. Vieles blieb unvollendet. Und ich hatte immer mit den Texten zu kämpfen. Ich wusste irgendwie nie so recht, worüber ich eigentlich schreiben soll. Ich glaube, das sind die ersten Songs, die ich richtig vollendet habe. Als ich sie der Band vorgestellt habe, kamen sie bei den Jungs gleich gut an. Wie schon gesagt: Diese Band will immer Schritte nach vorne unternehmen. Und dass ich Songs schreibe, ist einer dieser Schritte. 

Du hast sie ja nicht nur geschrieben, sondern singst sie auch …

Ja, damit hatte ich, ehrlich gesagt, zunächst nicht gerechnet. Ich dachte anfangs, dass Matt sie singen würde. Aber die Texte sind doch sehr persönlich. Es wäre für Matt sehr seltsam gewesen, sie zu singen. Er war es auch, der mich, als die Musik im Kasten war, ermutigt hat, den Gesang zu übernehmen. Speziell bei "Save Me" hatte Matt wohl auch das Gefühl, dass meine Stimme besser dazu passen würde als seine.

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Zum Muse-Einsatz während der Olympischen Spiele gehörte auch die Teilnahme am Fackellauf.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wie du gesagt hast, sind die Texte der beiden Songs sehr persönlich - es geht um die Alkoholprobleme, die du in der Vergangenheit hattest. Euer Album wird vermutlich millionenfach verkauft werden. Weshalb teilst du diese Probleme mit einem derart großen Publikum?

So einfach ist es ja nicht. Die Songs behandeln das, was du ansprichst, ja nicht direkt. Natürlich war das eine harte Zeit in meinem Leben, aus der die Songs hervorgegangen sind. Aber "Save Me" lässt den Hörern den Spielraum, den Text für sich selbst zu interpretieren. Für mich ist das ein sehr positiver Song. Es geht nicht um Erschöpfung, sondern um das Bedürfnis nach Liebe und darum, wie wichtig es besonders in schweren Zeiten ist, Seelenverwandte zu haben und tiefe Liebe zu verspüren. Das ist ja nichts, was nur speziell auf meine Probleme gemünzt werden könnte. Wir alle haben mit Unsicherheiten zu kämpfen. Und wir alle brauchen letztendlich Liebe, um durchs Leben zu kommen.

Und "Liquid State"?

Das ist vielleicht etwas direkter, aber ich denke immer noch so, dass jeder den Song für sich interpretieren kann. Für mich geht es darin um meinen inneren Konflikt mit der Abhängigkeit, als ich durch diese Phase meines Lebens gegangen bin. Bei mir war der Alkohol der Grund für diesen Konflikt - aber es könnte dabei auch um alles Mögliche andere gehen.

Darf ich fragen, wie es dir heute geht?

Mir geht es wirklich gut. Ich bin fit und gesund - und immer noch nüchtern. Gut! (lacht)

Ein weiterer Song auf dem Album ist "Follow Me". Darin behandelt Matt seine Erfahrung, im vergangenen Jahr zum ersten Mal Vater geworden zu sein. Du hast bereits sechs Kinder. Das muss dir doch geradezu lachhaft vorkommen …

(lacht) Nein! Wenn man Kinder hat, liebt man sie mehr als alles andere auf der Welt. Aber wer keine Kinder hat, kann das nicht nachvollziehen und findet es ziemlich langweilig, wenn du darüber sprichst. (lacht) Für mich, der ich sechs Kinder habe, ist es großartig mitzubekommen, wie Matt und noch einige andere Freunde von mir auf einmal diese Erfahrung machen. Es erinnert mich daran, wie es bei mir war, als ich mein erstes Kind hatte und alles zum ersten Mal getan habe, aber auch an die Gefühle, die man bei jeder Geburt eines Kindes von sich hat. Es ist toll, jetzt nicht mehr der Einzige mit Kindern in der Band zu sein, sondern in ihr noch jemanden zu haben, der diese Erfahrung teilt.

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Das Album "The 2nd Law" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Warner Music Group)

Eine andere Erfahrung, die ihr gemacht habt, war euer Engagement für die Olympischen Spiele in London. Mit "Survival" habt ihr die offizielle Olympia-Hymne geliefert. Zudem seid ihr bei der Abschlussfeier aufgetreten. Wie habt ihr das erlebt?

Es war fantastisch. Die Begeisterung in London während der Spiele und auch schon davor war unglaublich. Ich war zu der Zeit echt froh, in der Umgebung von London zu wohnen. Einer der ersten Wettbewerbe war das Straßen-Radrennen. Und das führte genau durch das Dorf, in dem ich lebe. London kann manchmal schon etwas trist sein. Aber zur Zeit der Olympischen Spiele war es das nicht. Da lag überall eine positive Stimmung in der Luft. Mit dem offiziellen Song und der Teilnahme an der Abschlussfeier ein Teil davon zu sein, war wirklich eine Riesenehre.

Ihr wart "die" Band der Olympischen Spiele. Ihr habt mehr als einmal in Wembley gespielt. Euer letztes Album "The Resistance" war Nummer 1 in 19 Ländern. Ich frage mich: Was für Ziele hat eine Band wie Muse überhaupt noch?

Oh, eine Menge. Es gibt immer noch viele Länder, in denen wir nie waren. Und bei jeder neuen Tour gibt es immer wieder zwei oder drei Orte, in denen du zum ersten Mal spielst. Natürlich waren zum Beispiel die Auftritte im Wembley-Stadion so etwas wie Meilensteine für uns. Das Erlebnis, zum ersten Mal in einem Stadion zu spielen, werden wir nicht mehr haben. Aber es gibt noch sehr viele Länder, in denen wir bisher in keinem Stadion gespielt haben, es jedoch nur zu gern tun würden. Ich habe das Gefühl, dass die Band immer noch auf ihrem Weg nach oben ist.

Mit Christopher Wolstenholme sprach Volker Probst

Das Album "The 2nd Law" von Muse bestellen

Quelle: n-tv.de

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