Musik

"Es groovt unglaublich!"Ruhrpottrocker Stoppok findet den Blues

15.11.2014, 16:12 Uhr
Stoppok-band-quer-4c-b82a6730d-2
Stoppok mit seiner Band: Er will die Popmusik schützen "vor Leuten, die auf dem Computer nur irgendein Programm abspielen und das als Musik verkaufen". (Foto: Starkult Promotion)

Stoppok zeigt mit seinem Album "Popschutz", dass deutsche Sprache und Rhythm & Blues sehr wohl zusammenpassen. Derzeit tourt er durch Deutschland. Beim Gespräch mit n-tv.de erzählt der Ruhrpottpoet, warum er eine Sparte für sich ist und wie es in seiner Mülltonne aussieht.

Stefan Stoppok ist unverwüstlich. 1982 erschien das erste Album unter seinem Nachnamen, seither ist er eine beständige Größe in der deutschen Rocklandschaft. Seine Texte mit Haltung trägt er mit Witz und Verve vor. Mit seiner neuen Platte "Popschutz", seinem ersten Band-Album seit sechs Jahren, hat er es erstmals in die Top 20 der deutschen Charts geschafft. Und gerade wurde bekannt, dass der in Essen aufgewachsene Musiker den Deutschen Kleinkunstpreis 2015 in der Sparte Chanson/Lied/Musik erhalten wird. Eigentlich sieht also alles gut aus. Und trotzdem läuft wenige Stunden vor dem Tourstart nicht alles rund, wie uns Stoppok immer noch ganz entspannt erzählt.

n-tv.de: Stefan, am ersten Showtag eurer Tour um 11 Uhr morgens ein Interview zu geben ist bestimmt großartig, oder?

Stefan Stoppok: Ach, wir hatten heute schon ein größeres Chaos hier! Die Autos von der Vermietungsfirma waren nicht die Autos, die wir gebucht hatten, und dann hatten wir ein Platzproblem. Da ist irgendwie alles noch am Kochen.

Aber wenn man so lang dabei ist wie du, dann behält man die Lässigkeit?

Ja, das auf jeden Fall. Ich muss mich ja auch nicht direkt drum kümmern, aber es ist trotzdem immer ärgerlich. Aber auch irgendwie normal.

Bist du generell aufgeregt vor einer Tour?

Ich freue mich jedes Mal wieder und ich habe so viel im Vorfeld zu tun, weil ich ja jetzt bis Weihnachten unterwegs bin. Da muss ich gucken, dass im Haus alles klar Schiff ist und alle versorgt sind – das ist eigentlich das Schlimmste. Jetzt gleich muss ich noch meine Koffer packen mit den ganzen Sachen bis Weihnachten, das ist auch immer recht aufwendig.

Aber wenn du erstmal raus bist, ist das wie in den Urlaub fahren?

Ja, dann ist alles entspannt. Ich habe eine super Band. Wir haben zwei Tage Proben hinter uns, was für uns viel ist – auch wenn andere ein halbes Jahr vorher damit anfangen. Eric Burdons Drummer Wally Ingram ist mit dabei, der so eine ganz spezielle Art am Instrument hat. Und das funktioniert mit dem Reggie Worthy am Bass vorzüglich – es groovt unglaublich! Wir freuen uns tierisch!

Das Debüt unter dem Namen Stoppok erschien 1982. Fühlst du dich in der deutschen Musiklandschaft wie ein Dinosaurier? Oder wie deine eigene Szene?

Ich habe das Gefühl, dass ich Vermittler zwischen allen Stilrichtungen, allen Generationen bin. Letztens hat mal einer gesagt, ich sei das fehlende Bindeglied zwischen unterschiedlichsten Szenen. Das sieht man auch daran, dass ich bald mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet werde. Es gibt Leute, die sagen: "Das ist doch ein Rock'n'Roller, was hat der denn mit Kleinkunst zu tun?" Aber diese Kleinkunst-Preise beziehen sich ja auf die Bühnen, die sehr an der Basis sind, die nicht groß sind, wo die Leute dicht dran sind, wo sie spüren, was da vorne abgeht. Das ist bei mir auch so. Ich habe auch deshalb eine spezielle Position, weil meine Karriere nicht wie bei den meisten anderen abhängig ist von irgendwelchen Hits oder von der ganz großen Öffentlichkeit.

Erstmals in deiner Karriere ist ein neues Album von dir in die Top 20 der deutschen Charts eingestiegen. Merkst du auch selber, dass da plötzlich ganz viel zurückkommt?

Ja, schon. Das Speziellere und weniger Plakative braucht natürlich länger, bis es die Öffentlichkeit kriegt und die Leute das auch verstehen. In den Achtzigern und Neunzigern hatte ich immer mal wieder Verträge mit großen Plattenfirmen. Da hat die Marketingabteilung sich die Zähne an mir ausgebissen, weil sie mich keiner Szene zuordnen konnten, was ich natürlich toll fand.

Kommst du dir manchmal vor wie eine verkannte Rockgröße in Deutschland? Man liest das ja auch gerne über dich.

Nö. Wenn sich jemand verkannt fühlt, hat das immer so etwas Verbissenes. Ich habe mich immer in dem, was ich gemacht habe, sehr wohlgefühlt und habe meine Leute erreicht. Ich habe mich zum Teil selber runtergebeamt in dem Erfolg. Das können ja viele Leute nicht verstehen. Die meinen, wenn man auf der Bühne steht, dann will man auch ganz groß werden. Das war ja nie meine Absicht. Auch jetzt nicht. Ich will Leute erreichen, aber ich will nicht im goldenen Käfig wohnen und von allen begafft werden. Die Musik ist das, was mich immer glücklich gemacht hat.

Dein neues Album heißt "Popschutz". Muss man den Pop schützen oder muss man uns vor dem Pop schützen?

Da gibt es mehrere Ansatzpunkte. Der hauptsächliche ist, dass man, wenn man das Album kauft, vor gewöhnlichem Pop geschützt ist. Aber die Popmusik als solches muss auch geschützt werden vor Leuten, die auf dem Computer nur irgendein Programm abspielen und das als Musik verkaufen.

Wie findet man als Mann aus dem Ruhrpott zum Blues?

Das Ruhrgebiet hat schon sehr viel Ähnlichkeit mit den ganzen Zentren, wo der Blues ursprünglich entstanden ist. Auch dort gab es Arbeiter, die sich bei Laune gehalten haben und anfingen zu singen. Das Ruhrgebiet war in der Zeit, wo ich da aufgewachsen bin, kein Zuckerschlecken. Vom Gefühl her wusste ich also, was gemeint ist. Jemand, der in superreichen Verhältnissen aufwächst, der kann den Blues vermutlich nicht verstehen, weil er an das Gefühl nicht herankommt.

Darum geht’s also?

Dieses Gefühl, es wirklich schwer zu haben, das ist das eine. Ansonsten geht es in erster Linie um den musikalischen Ausdruck. Der hat bei mir damit zu tun, dass ich mit der Blues-Musik sozialisiert worden bin. Ich habe mich ja auch lange gar nicht getraut, das auf Deutsch zu machen. Dass ich mit meiner Musik mehr in die Blues-Richtung gehe, ist erst seit ein paar Jahren so. Ich hatte zu viel Respekt vor dem ursprünglichen Blues. Aber jetzt habe ich für mich endlich einen Weg gefunden, wo das authentisch klingt und trotzdem mit meiner Sprache zusammengeht.

Und anders herum gefragt: Wie viel Ruhrpott steckt noch in Stoppok?

Ganz viel! Im Ruhrgebiet herrscht eine spezielle Multikulti-Szene. Wenn du dort sozialisiert bist, bleibt das auch. Das merkt man nicht nur an der Sprache. Aber was den Ruhrgebietler auszeichnet, das mache ich wirklich auch andauernd, ist, dass er Sätze nicht zu Ende spricht. Ich muss mich immer bemühen, auch jetzt, einen Satz zu Ende zu sprechen. Denn der Ruhrgebietler fängt immer an und dann spricht er schon den nächsten Satz. Worauf das zurückzuführen ist, weiß ich nicht, aber es ist so.

Glücklicherweise bringst du in deinen Song-Texten deine Gedanken auch zu Ende.

Deswegen schreibe ich wahrscheinlich Texte, um mal meine Gedanken zu Ende zu bringen.

"Dreck bleibt Dreck – da könn’ wir uns doof recyceln", heißt es im neuen Stück "La Kompostella". Wie hältst du es denn mit der Mülltrennung?

Ich gebe mir da jetzt nicht übermäßig Mühe, weil ich weiß, dass das Schwachsinn ist, denn mitunter wird es am Ende doch wieder alles zusammengekippt – und zwischendurch hat nur wieder einer dran verdient.

Und ich hatte dich eigentlich für einen Öko gehalten, weil es auch in deinen älteren Stücken "Mülldeponie" und "Scheiße am Schuh" um ein ähnliches Thema geht.

Ich bin zwar in Hamburg geboren und in Essen aufgewachsen, aber ich bin Pole, denn meine Eltern sind Polen. Da ist man automatisch ein Öko, denn der Pole schmeißt nichts weg – das ist die Grundlage für ein ökologisches Handeln. Ich kriege immer einen Hals, wenn Leute alte Bretter wegwerfen, dann in den Baumarkt gehen und ein neues Brett, in Plastik eingehüllt, kaufen. Ich verwende wann immer es geht alte Sachen, das bin ich von klein auf so gewohnt. Ich lebe also automatisch umweltbewusst, weil ich keinen Bock habe, wegzuschmeißen und wieder neu zu kaufen.

Würde man das Ihren Wohnräumen ansehen?

Schon, ich baue zum Beispiel meine Regale selber. Vor allem ist es aber auch wichtig, was Klamotten betrifft. Teilweise habe ich Sachen auf der Bühne an, dass ich – wenn ich Bilder sehe von vor 20 Jahren – denke: Oh scheiße, das Teil hatte ich damals schon! Sonst würde ich das alles noch tragen.

Mit Stoppok sprach Katja Schwemmers

Das Album "Popschutz" bei Amazon bestellen

Stoppok mit Band auf Tour:

15.11. Berlin, Postbahnhof am Ostbahnhof

16.11. Koblenz, Festung Ehrenbreitstein

17.11. München, Ampere/Muffathalle

18.11. Geislingen, Rätschenmühle

19.11. Erfurt, HsD (Gewerkschaftshaus)

20.11. Leipzig, Werk 2 (Halle A)

21.11. Bremen, Kulturzentrum Schlachthof

22.11. Hamburg, Fabrik

23.11. Ahaus, Logo-Kulturcafé

24.11. Neunkirchen, Neue Gebläsehalle

25.11. Ludwigsburg, Scala-Theater

26.11. Karlsruhe, Tollhaus-Kulturzentrum

27.11. Freiburg, Jazzhaus

28.11. Darmstadt, Centralstation

29.11. Köln, Gloria-Theater

30.11. Bochum, Zeche

(Solotour ab Dezember)

Quelle: ntv.de