Musik

Kein Beat wie der andereTom Gaebel weiß, was er kann

19.09.2014, 16:38 Uhr

Auf "So Good To Be Me" rollt der sechsfache Jazz-Award-Preisträger pompös inszenierten Swinging-Sixties-Erinnerungen den roten Teppich aus. Macht sich der leidenschaftliche Crooner denn nichts aus neuzeitlichen Sounds? n-tv.de fragte mal nach.

Ein schnieker Zweiteiler, gelackte Schuhe und eine stets perfekte Frisur: Tom Gaebel steht auf den großen Auftritt. Wenn Deutschlands swingender Gentleman Nummer eins die Bühne betritt, weht selbst in der hintersten Provinz ein Hauch von Broadway. Auch auf dem neuen, mittlerweile sechsten Studioalbum "So Good To Be Me" lädt der Gelsenkirchener mit dem Sinatra-Organ zur Zeitreise in die Swinging Sixties. Mit reichlich Tamtam im Gepäck setzt der von seinen Fans liebevoll genannte "Dr. Swing" abermals alles auf die Retro-Karte. Wir verabredeten uns mit dem Verfechter der alten Crooner-Schule und sprachen über allgemeines Wohlbefinden, überproduzierte Musik und lebensverändernde Momente unter der Dusche.

n-tv.de: Tom, dein neues Album heißt "So Good To Be Me". Keine Angst davor, dass der Titel den einen oder anderen Neueinsteiger vielleicht abschrecken könnte? So, von wegen: arrogant, überheblich …

Tom Gaebel: (lacht) Das ist natürlich ein Titel, über den sich gut reden lässt, keine Frage. Mit Arroganz oder Überheblichkeit hat das aber nichts zu tun. Ich war halt einfach auf der Suche nach etwas Passendem und hatte viele Leute in meinem Umfeld, die meinten, dass eben dieser Songtitel den Nagel auf den Kopf trifft. Es geht darum, dass es den Leuten zeigen soll, dass da jemand ein Album aufgenommen hat, mit dem er rundum zufrieden ist. Ich fühle mich momentan einfach extrem wohl in meiner Haut, was aber nicht heißt, dass ich mich auch automatisch für den Geilsten halte.

Vier Jahre mussten deine Fans auf ein neues Album warten. Was war los?

Mein damaliges Umfeld und ich hatten nach dem letzten Album einfach das Gefühl, dass wir uns auseinandergelebt haben. So was soll ja nicht nur in Ehen vorkommen (lacht). Leider ziehen sich solche Angelegenheiten aber meistens auch extrem lange hin, ehe Neues angepackt werden kann. So war das auch bei mir. Dazu kam noch, dass ich keine Lust mehr auf ein neues Label hatte, was dann dazu führte, dass ich meine eigene Plattenfirma gründete. Dieser Prozess verschlang auch nochmal viel Zeit. Ich bin nämlich jemand, der mit sich selbst bisweilen sehr nachlässig ist und des Öfteren einen Tritt von Außen braucht, um auf den Punkt zu kommen. Da ich aber nun die Chef-Hosen an hatte, waren da plötzlich nicht viele Leute, die mich hätten treten können. So zog sich das dann alles in die Länge.

Schwamm drüber. Jetzt bist du ja wieder da. Und abermals mit reichlich Pauken und Trompeten im Gepäck. Was hält ein Tom Gaebel eigentlich von neuzeitlicher Musik?

Es ist nicht so, dass ich die Charts verteufle. Hin und wieder begeistern mich auch neue Bands und Künstler. Womit ich allerdings nicht warm werde, ist das Sound-Fundament, auf dem 95 Prozent aller neuen Veröffentlichungen gebettet sind. Das hat mit organischer Musik nur noch sehr wenig zu tun.

Früher war alles besser?

Was heißt besser? Ich finde Musik aus den 50ern oder 60ern einfach lebendiger, ehrlicher und greifbarer. Heutzutage klingt ein Beat wie der andere. Alles ist fett, überproduziert und mit Effekten übersät. Selbst die Stimmen werden per Computer verfälscht. Das ist nicht mein Ding. Es gibt wirklich viele tolle Songs da draußen, die eine gruselige Hülle mit sich rumschleppen müssen. Das finde ich schade. Und ja: Dahingehend war früher alles besser. Heute wird mir einfach zu viel geschraubt und zu wenig musiziert.

Hast du für dein neues Album keinen Computer gebraucht?

Ich habe natürlich auch das eine oder andere Finetuning am Computer vornehmen müssen. Aber die Basis ist Live-Musik. Das ist das, was mir wichtig ist und auch das, was sich viele andere Künstler eigentlich auch wünschen – in einem Raum mit Gleichgesinnten zu sitzen und einfach zu musizieren. Fertig. So hat man das früher gemacht. Ich habe letztens erst wieder einen Doku-Ausschnitt aus den Siebzigern gesehen, in dem gezeigt wurde, wie Sonny und Cher damals aufgenommen haben. Die saßen alle in einem großen Raum, so um die zehn Mann. In der Mitte hing ein Mikrofon und jeder hatte ein Instrument in der Hand. Im Hintergrund hat dann einer auf Aufnahme gedrückt, und ab ging die Post. So haben die früher ihre Hits aufgenommen. So was gibt’s heute doch gar nicht mehr. Heute schickt man sich MP3-Demos via Mail zu und trifft sich dann irgendwann an einem virtuellen Stammtisch, um das Ganze irgendwie zusammenzufügen.

Und trottet mit dem Ergebnis vier Wochen später in Sneakers, Jeans und T-Shirt auf die Bühne. Du hingegen empfängst dein Publikum stilgerecht im gediegenen Zweiteiler. Wie wichtig ist dir das perfekte Zusammenspiel zwischen dem, was der Zuschauer hört und dem, was er sieht?

Das ist mir schon sehr wichtig. Es würde anders aber auch nicht richtig funktionieren. Es gibt halt Bereiche in der Musik, die man auch optisch passend präsentieren muss. Das gehört einfach irgendwie zusammen. Wenn man, wie ich, Erinnerungen an Zeiten wecken will, in denen Leute wie Frank Sinatra oder Dean Martin in den Schlagzeilen waren, dann passen Jeans und T-Shirt irgendwie nicht.

Deine Alben, deine Live-Shows, deine Garderobe: Nirgends findet sich ein Haar in der Suppe. Wie schaffst du es, dass das Paket Tom Gaebel trotz einer vermeintlich konstruierten und perfekten Oberfläche so voller Leben steckt?

Der Schlüssel ist Leidenschaft. Wenn man das, was man macht, aus tiefstem Herzen liebt, dann entsteht automatisch Leben. Viele technisch versierte Musiker verlieren sich irgendwann in einer Welt, in der es nur noch darum geht, schneller und besser zu werden. Diese Verkrampfung blockiert irgendwann. Ich weiß, was ich kann und ich weiß, dass ich ein kompetentes Team im Background habe. Ich verfahre aber nicht nach der Maxime höher, schneller, weiter. Mir ist es wichtig, dass meine Musik locker klingt. Swing und Big-Band-Sounds müssen aus der Hüfte kommen. Das geht aber nur, wenn man die Dinge fließen lässt und keinen Wettbewerb draus macht.

So locker und entspannt warst du aber zu Beginn deiner Karriere nicht, oder? Mir kam zu Ohren, dass du beispielsweise zum Singen erst "gezwungen" werden musstest.

(lacht) Ja, das stimmt. Bevor ich mich in die Swing-Sounds verliebt habe, liefen bei mir zu Hause Queen, die Beatles und Stevie Wonder auf Rotation. Die haben alle ganz schön hoch gesungen. Ich hatte aber eine ziemlich tiefe Stimme, sodass ich erst gar nicht auf die Idee kam, mit dem Singen anzufangen. Irgendwann ging es aber dann mit den ganzen Sinatra-Sachen bei mir los. Da merkte ich plötzlich, dass es auch Musik für meine Stimmlage gab. Irgendwann kam dann einer meiner damaligen holländischen Mitbewohner auf mich zu und sagte: Tom, ich muss mir hier jeden Morgen dein Gesinge aus der Dusche anhören. Kannst du das nicht ins Studio verlagern? Dann kann ich morgens auch mal wieder in Ruhe frühstücken (lacht). Da hat’s dann bei mir Klick gemacht.

Seitdem scheint tagein, tagaus die Sonne in deinem Leben. Gibt es eigentlich irgendwas, was dich so richtig nervt oder ärgert?

Wenn überhaupt, dann ärgere ich mich nur über mich selbst. Ich stehe mir mit meiner Trägheit und meiner Nachlässigkeit manchmal selbst im Wege. Das lässt mich dann schon mal aus der Haut fahren. Ansonsten gibt es aber keinen Grund, mich über irgendwas zu ärgern.

Mit Tom Gaebel sprach Kai Butterweck.

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Quelle: ntv.de