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The Edge und Bono im September 2017 auf ihrer "Joshua Tree"-Tour.
The Edge und Bono im September 2017 auf ihrer "Joshua Tree"-Tour.(Foto: imago/ZUMA Press)
Samstag, 09. Dezember 2017

"Wollen immer noch cool sein": U2 have found what they were looking for

"Kann ich mal was Verrücktes tun und ein Bier bestellen?", fragt Bono, als er mit U2-Kollege The Edge im oberen Stockwerk des Berliner "Waldorf Astoria" zum Interview Platz nimmt. Der Ausblick von der Suite ist phänomenal. "Ist der Bahnhof Zoo von hier aus zu sehen?", will der U2-Frontmann wissen. Die Antwort lautet: Ja, aber auf der anderen Seite des Hotels, da liegt er dir zu Füßen. Dann lobt er die Schönheit der Gedächtniskirche, die er direkt gegenüber sieht. "Ich hätte Lust, den Weihnachtsmarkt da unten zu besuchen. Gibt es da nette Sachen?" Die Antwort jetzt wäre: Ja, wie auf jedem Weihnachtsmarkt, aber die viel wichtigere Information ist: Dies ist der Weihnachtsmarkt, der vor einem Jahr Tatort eines der schlimmsten terroristischen Anschläge der Berliner Geschichte wurde. Anis Amri steuerte einen Lastwagen in die Menschenmenge auf dem Breitscheidplatz und tötete insgesamt 12 Menschen, verletzte 55 zum Teil lebensgefährlich. Aber lassen wir das. Die Atmosphäre hier oben ist entspannt. Auch wenn die Veröffentlichung des neuen, 14. Studioalbums "Songs Of Experience" von den Finanzenthüllungen rund um die "Paradise Papers" überschattet wird. Aber darüber redet die Band nicht. Schließlich gibt das vielschichtige und stadiontaugliche Album, welches Fortsetzung und Gegenstück zu "Songs Of Innocence" aus dem Jahr 2014 ist, auch so genug her. Mit n-tv.de sprachen Bono und The Edge über Rockstar-Egos, Nahtod-Erfahrungen und die Intensität einer U2-Show.

n-tv.de: Meine Herren, am Mittwoch haben Sie die Hauptstadt mit Ihrem U-Bahn-Konzert aufgemischt. Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal privat mit der U-Bahn unterwegs gewesen?

Bono: Es gibt eine ganz in der Nähe meines Hauses in Dublin. Die heißt Dart. Ich setze dort meine Kinder mit dem Auto ab, wenn sie zur Schule müssen. Ich selbst bin seit Jahren nicht mehr mit der Dart gefahren. Aber in New York nehme ich immer noch die Subway, wenn ich ins Studio muss.

The Edge: Das trifft auch auf mich zu.

Flippen die Leute da auch so aus wie am Mittwoch in der U2?

Menschenauflauf in der U2.
Menschenauflauf in der U2.(Foto: dpa)

Bono: Ach, nein. Ich mache das ja nie im Sommer, sondern immer nur im Winter, wenn ich mir den Schal bis unter die Nase ziehen kann.

The Edge: Bei mir ist es noch gar nicht lange her, dass ich privat Zug gefahren bin. Meine Frau hat ein gutes Händchen für Möbel. Sie liebt es, auf Flohmärkten danach zu stöbern. Wir machten einen Spaziergang durch Dalkey und kamen an einem Müllcontainer vorbei, in dem ein wunderschöner alter Schreibtischstuhl war. Meine Frau meinte, sie würde gerne zurückkommen, um den zu holen. Und ich schlug vor, ihn gleich mitzunehmen. Wir stiegen in die Dart, um ihn zu transportieren. Ich stellte den Stuhl in die Mitte des Abteils und setzte mich während der Fahrt einfach drauf. Die Leute haben sich köstlich darüber amüsiert - ohne auszuflippen.

Es ist ja noch gar nicht lange her, als Tausende die U2 in Richtung Berliner Olympiastadion genommen haben, um zum U2-Gig zu kommen.

Bono: Mitte Juli war das, oder? Das Konzert war besonders, sehr besonders. In Berlin zu spielen, ist uns immer wichtig. Weil wir hier so viel Zeit verbracht haben und "Achtung Baby" aufnahmen. Da will man es nicht versauen. Dieses Gefühl, das dir Berlin gibt, davon gibt es nur wenige andere Plätze auf der Welt.

Es war auch das erste Konzert, wo mir das deutsche Grundgesetz vorgelesen wurde.

Bono: (grinst schweigend)

The Edge: Das sind so Sachen, die wir gerne machen. Unsere Shows korrespondieren immer damit, wo wir gerade sind oder was gerade geschieht. Und das ist der spaßigere Teil an der Planung von U2-Shows: Wenn da etwas in der Luft liegt, auf das wir reagieren können. Wir bezahlen sogar extra Leute dafür, die diese Ideen vorantreiben.

Hallo, wir sind eine Band!
Hallo, wir sind eine Band!(Foto: dpa)

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal Berlin?

The Edge: Klar, sogar sehr gut. Das muss 1980 gewesen sein. Wir fuhren mit einem Van durch den ostdeutschen Korridor in Richtung Berlin. Unser Manager Paul McGuinness (war bis 2013 U2s Manager, Anm. d. Red.) saß am Steuer. Es war das letzte Mal, dass er uns fuhr. Er hätte uns nämlich fast umgebracht! Wir schliefen hinten, während er eine falsche Ausfahrt nahm und direkt in eine ostdeutsche Militärbasis fuhr. Und plötzlich waren wir umzingelt von einer Truppe bewaffneter Soldaten, die auf die Seiten des Vans klopften, und bellenden Hunden. Wir mussten mit erhobenen Händen das Auto verlassen und es brauchte 20 Minuten, um denen zu erklären, dass wir eine Band sind und keine Spione oder Republikflüchtige.

Bono: Wir haben über dieses Grenzüberschreitungserlebnis auf unserem zweiten Album den Song "Stranger In A Strange Land" geschrieben. Es hatte bleibenden Eindruck auf uns hinterlassen, dass die Typen mit den Waffen in unserem Alter waren. Daher rührt die Zeile: "There is a stranger in a strange land, he looked at me like I was the one who should run." Ich glaube, ich muss den Text noch mal googeln.

The Edge: Normalerweise kann ich mich an Songzeilen immer besser erinnern als er.

Bono: Ich habe den Text nicht mehr vor Augen gehabt, seitdem ich das Stück 1981 geschrieben habe. Wir spielen das Lied nie. Aber es ist wie eine Postkarte über die besagte Nacht.

Was ist denn die bessere Phase einer Band: Die der Unschuld, wenn man gerade anfängt und die Welt erobern will? Oder die als erfahrene Band mit 14 Alben auf dem Buckel?

The Edge: Eigentlich ist es die der Unschuld. Aber es gibt da großartige Ausnahmen. Leonard Cohen ist eine - er wurde im Laufe seiner Karriere immer tiefsinniger und interessanter. Darum bemühen wir uns auch.

Bono: Wir bilden uns derzeit ein, dass wir am Ende aller Erfahrung, ganz hinten am Horizont, mit Weisheit belohnt werden. Wir sind dann vielleicht in der Lage, die Unschuld zurückzugewinnen und so frei und naiv zu sein wie in U2s Anfängen. Dann ist auch Bono wieder ein anderer.

Wären Sie denn gerne ein anderer?

Bono: Manchmal. Man lernt zu viel über die Welt, wenn man erwachsen wird. Es hat oft viel mehr Stärke, etwas nicht zu wissen. Darum geht es auch auf den beiden Alben "Songs Of Innocence" und "Songs Of Experience". Wenn man sie hintereinander hört, ist das ein Zwiegespräch zwischen dem jungen und dem älteren Ich. Ich bin mir dennoch nicht sicher, was mein jüngeres Ich von mir hält.

Inwiefern?

Bono: Der junge Bono sieht alles schwarz und weiß und ist viel schonungsloser - so nach dem Motto: Wir gegen den Rest der Welt. Er wirft mit Steinen nach dem Feind. Aber wenn man älter wird, begreift man, dass der größte Feind der Mensch im Spiegel ist. Das größte Hindernis, dich weiterzuentwickeln, bist du selbst und das, was in dir ist.

Bono hatte eine Nahtoderfahrung, will aber kein Fass aufmachen deswegen.
Bono hatte eine Nahtoderfahrung, will aber kein Fass aufmachen deswegen.(Foto: dpa)

Ist es schwer, in Würde im Rockzirkus zu altern, wenn man von so viel Zynismus umgeben ist?

The Edge: Ich denke, wir machen unsere Sache ganz gut. Klar, da ist viel Häme. Aber wir lassen uns davon nicht beirren - wir wollen immer noch cool sein! Wir fühlen noch dasselbe wie vor 40 Jahren, als wir anfingen. Wir sind eine Straßengang, die nie erwachsen wurde. Und so lange wir das Gefühl aufrechterhalten können ...

Bono: ... können wir auch noch würdevoll erwachsen werden. (lacht)

Sie haben einige der neuen Songs als Liebesbriefe an Menschen und Orte verfasst, Bono. Ein Dichter gab Ihnen den Tipp, diese so zu schreiben, als seien Sie bereits tot. Wie kommt man auf so eine verrückt klingende Idee?

Bono: Ich hatte vor ein paar Jahren einen schlimmen Fahrradunfall im New Yorker Central Park. Ich wusste nicht mal, ob ich jemals wieder Gitarre spielen könnte. Und genau vor einem Jahr hatte ich eine Nahtoderfahrung. Ich will da nicht konkreter werden, denn dann verkommt man schnell zur Seifenoper. Ich will nicht den Boulevard damit füttern oder mich so anhören, als würde ich in Selbstmitleid versinken. Aber was ich auch nicht will, ist, mir weiterhin vorzumachen, ich wäre als Rockstar unsterblich. Ich bin nicht unsterblich! Ich muss ein Mittelmaß für mich finden. Der Ansatz, aus der Sicht des Toten zu schreiben, gab den Texten mehr Dringlichkeit.

Mit dem Song "The Showman" beweisen Sie Humor. Darin singen Sie: "I lie for a living" - ich lüge von Berufs wegen. Den könnte Robbie Williams geschrieben haben.

Bono: Ich bin Robbie Williams!

The Edge: Er hat früher auf Robbie Williams aufgepasst, damit der keine Dummheiten macht.

Bier und Weihnachtsmarkt - mehr will er doch gar nicht.
Bier und Weihnachtsmarkt - mehr will er doch gar nicht.(Foto: AP)

Bono: Wenn man sich U2-Shows in den Achtzigern und besonders auch in den Neunzigern ansieht, wie zum Beispiel die "Zoo TV Tour", dann war da immer viel Humor. Auf "Achtung Baby" gibt es den großartigen Hangover-Song "Tryin' To Throw Your Arms Around The World". Und wenn man an die Anfänge von U2 denkt, war da das Lied "Trash, Trampoline And The Party Girl" - der ist auch recht lustig. Ich denke, dass es wichtig ist, wenn du ernsthafte Sachen machst, auch die andere Seite zu zeigen. Aber nur weil "The Showman" humorvoll ist, heißt das nicht, dass er weniger bedeutungsvoll ist. Denn ich spreche darin über Performer und wie man sich vor ihnen in Acht nehmen muss. Denn sie können jedes Weinen und jedes Lachen vortäuschen, sogar den Orgasmus.

The Edge: Da fällt mir der Spruch ein: Frauen können Orgasmen faken, Männer faken eine ganze Beziehung. (lacht)

Wie oft lügen Sie auf die Art auf der Bühne?

Bono: Ach, ich wünschte, ich würde es öfter tun! Denn ich habe meine Gefühle auf der Bühne nicht immer unter Kontrolle und das würde helfen.

The Edge: Was Bono sagen will ist, dass da ein Unterschied besteht zwischen dem Handwerk des Singens und dem Moment, wenn du auf sehr verletzbare Art die Songs performst. Wenn Bono sein Handwerk benutzt, was er selten tut, ist es nicht dasselbe. Er kann gut ohne das existieren. Er taucht dann in die Songs ein, um sie zu performen. Da ist Wahrheit und Rohheit in seinem Vortrag, was unglaublich mächtig ist. Am Ende ist es das, was einen großartigen Sänger auszeichnet - die Gabe, in die Songs abzutauchen. Es gibt zu viele handwerklich perfekte Sänger, die aber keine emotionale Verbindung herstellen können.

Und Sie, Edge, haben immer noch Spaß dabei, Bono jede Nacht beim Singen zuzuhören?

The Edge: Oh, ja, total! Ich bin ein Kritiker von Bono, aber ein großer Fan seines Gesangs. Es gibt nur ganz wenige Sänger, die das können, was er macht: Elvis, Nick Cave und Sinéad O'Connor fallen mir da ein.

Bono: Sei kein Idiot! (lacht) Irgendwann wirst du schon davon loskommen, Buddy! (gibt The Edge einen High-Five) Den Song habe ich jedenfalls geschrieben, um alle zu warnen, dass Sänger einen "Mit Vorsicht zu genießen"-Sticker brauchen - aus unterschiedlichsten Gründen.

Haben Sie denn solche Gemüts- oder Ego-Schwankungen, Bono?

Bono: Ego, was zum Teufel soll denn das sein? (lacht)

Wann ist das Rockstar-Ego eigentlich am größten: am Anfang oder am Ende einer Tour?

Bono: Ha! Man würde annehmen, dass es sich auflädt und irgendwann explodiert, wenn du jeden Abend vor 70.000 Leuten stehst. Aber genau das Gegenteil ist der Fall!

The Edge: Das Ego implodiert.

Bono: Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass mein Ego am Ende einer U2-Tour kleiner ist als am Anfang. Da ist eine Leere. Und in dem Moment, wenn es sich normal anfühlt, dass dir jede Nacht Zehntausende Leute entgegenkreischen, ist es dann auch nicht mehr gut.

Wann haben Sie das letzte Mal auf der Bühne geweint?

Das neue Album "Songs of Experience".
Das neue Album "Songs of Experience".(Foto: AP)

The Edge: Machen Sie Witze? Jede Nacht! Es ist lustig, dass manche Leute uns nicht abnehmen, dass wir durch unsere Musik eine große emotionale Katharsis erfahren. Das ist der Grund, warum U2-Shows so gewaltig sind. Wir sind also auf gleiche Weise emotional berührt davon wie das Publikum.

Bono: Um diese Songs singen zu können, die tonal meist zu hoch für mich sind, muss ich sogar in sie abtauchen. Und dann bleib ich drin stecken. Das ging neulich sogar so weit, dass ich kurz vor der Zugabe einfach nach Hause gehen wollte - so sehr war ich in meinem Film. Irgendetwas war im Publikum passiert, was mich nervte. Ich sagte also: "Los, lass uns abhauen." Und Edge hat ja immer seine In-Ears im Ohr, damit er mir nicht zuhören muss. Er nahm sie raus  und sagte: "Was? Wir müssen zurück auf die Bühne. Da sind noch einige Songs zu spielen, wir haben zahlende Gäste."

Auf dem Albumcover von "Songs Of Experience“ sieht man Ihre beiden Kinder, von dem niederländischen Fotografen Anton Corbijn abgelichtet.

The Edge: Bonos Sohn Eli und meine Tochter Sian hatten Spaß dabei. Bei "Songs Of Innocence", dem Vorgänger zu dieser Platte, waren Larry (Mullen Jr., U2-Schlagzeuger, Anm. d. Red.) und sein Sohn Elvis auf dem Cover - auch wenn man dort das Gesicht von Elvis nicht sieht. Dieses Bild fühlt sich an wie die Antwort auf das Artwork. Da ist etwas an dem Bild, das sehr eindringlich ist: Die Dualität der Unschuld und des Militärhelms, was Unheil erahnen lässt ... Es passt in unsere Zeit.

U2 waren die letzten acht Jahre fast konstant auf Tour. Auf der neuen Platte widmen Sie Ihren besseren Hälften "You're The Best Thing About Me". Ihre Form der Entschuldigung?

Bono: Ach, die ist ja gar nicht nötig! Wenn ich heute das Haus verlasse, sehe ich manchmal sogar ein Strahlen in den Augen von Ali und den Kindern. Es ist anders als früher: Wenn wir da auf Tour gegangen sind, haben wir unsere Familien oft Monate nicht gesehen, aber heutzutage begleiten sie uns auch oft. Meine Frau ist eh sehr unabhängig. Ich glaube, ihr gefällt es sogar, wenn sie mal eine Pause von mir hat.

Im Mai startet schon die "Experience + Innocence Tour". Was können Fans da erwarten?

Bono: Nun, es wird die Schwester der "Innocence + Experience Tour", die wir im Jahr 2015 gemacht haben. Damals ging es in erster Linie darum, woher wir als Band und Menschen kommen. Diesmal wird es etwas futuristischer sein. Es wird Momente der Unschuld geben, aber die Konzerte beginnen mit der Erfahrung. Das Opening wird deshalb der Knaller. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum das so ist, denn dann müsste ich Sie leider töten.

Mit Bono und The Edge von U2 sprach Katja Schwemmers.

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Quelle: n-tv.de