Musik

"Ich will nicht verzweifeln" Wolfgang Niedecken trinkt auf die Guten

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Alles fließt: BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken.

(Foto: Tina Niedecken / Universal Music)

Man kann mit Fug und Recht sagen: Wolfgang Niedecken ist eine Institution im deutschen Rock-Geschäft. Mit "Alles fließt" bringt er am Freitag nun das 20. Studio-Album mit BAP heraus. Mit ntv.de spricht er aber auch über seine Gesundheit, die Corona-Krise, Donald Trump und darüber, was ihn "regelrecht schockiert".

ntv.de: Eigentlich würden wir gerade nicht hier zusammensitzen. Sie hatten ursprünglich geplant, zu dieser Zeit im Urlaub zu sein ...

Wolfgang Niedecken: Das stimmt. Den Urlaub habe ich wegen Corona verschoben. Aber das ist nicht schlimm. Wir wollten nach Kreta. Wir kennen dort alle und sind im ganzen Dorf bekannt. Wir können die Leute jederzeit anrufen und fragen, ob sie etwas frei haben. Und wenn sie nichts frei haben, dann haben es die Nachbarn. Wir können also auch später noch fahren. Ich habe ein bisschen Hoffnung, dass es vielleicht im Oktober noch klappt.

Sie zählen sich selbst wegen Ihres Alters und Ihres Schlaganfalls vor neun Jahren zur Risikogruppe. Macht Ihnen das Coronavirus persönlich Sorgen?

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Seit Kurzem ist Niedecken doppelter Großvater.

(Foto: imago images/Future Image)

Nicht wirklich, ehrlich gesagt. Wenn mir etwas Sorgen macht, dann dass die Leute es inzwischen zu sehr auf die leichte Schulter nehmen. Ich sorge mich um die zweite Welle - insgesamt und für alle. Es sieht vielleicht so aus, als ob alles wieder normal wäre. Aber mit dem Virus kann man halt nicht diskutieren.

Sie nehmen die Gefahr also ernst …

Auf jeden Fall! Jetzt bin ich zwar nach Berlin gefahren, um ein bisschen Rummel für das Album zu machen. Aber bis dahin hatte ich mich total zurückgezogen. Das fällt mir allerdings auch leicht. Wir haben ein Haus mit Garten. Mein Arbeitsplatz ist mit Rheinblick. Und einmal am Tag bin ich mit unserem neuen Hund abends in den Stadtwald gegangen. Ich vermisse nichts.

Zumal sie mitten in der Corona-Zeit auch noch zum ersten Mal Großvater geworden sind …

Zweimal sogar! Innerhalb von zehn Tagen.

Zweimal?

Ja, als mein Sohn Robin am Aschermittwoch Vater wurde, hat das kaum für Aufsehen gesorgt, weil er nicht Niedecken heißt. Bei meiner Tochter Isis war das anders. Sie lebt ebenso wie meine andere Tochter in Berlin. Die beiden und Isis' Freund, der auch Kölner ist, sind für die Geburt extra nach Köln gekommen. Sie waren einen Monat vorher angereist und sind dann auch durch den Corona-Lockdown noch drei Monate geblieben. Alle waren in einem Haus. Wir waren eine große Familie und hatten eine beneidenswerte Idylle. Auch deshalb waren die vergangenen Monate für mich alles andere als eine Schreckenszeit.

Als Sie vor neun Jahren den Schlaganfall erlitten haben, haben Sie auch öffentlich große Anteilnahme erfahren ...

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Verdammp lang her - Niedecken stand bereits in den 60ern mit einer Schülerband auf der Bühne.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Das stimmt. Das hat auch wirklich geholfen. Es ist schon ein schönes Gefühl, wenn man weiß, dass die Leute einen mögen.

Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Gut. Das mit dem Schlaganfall war ganz merkwürdig. Eigentlich bin ich kein außerordentlicher Optimist. Dennoch war ich damals wahrscheinlich der einzige Mensch, der wusste, dass alles wieder gut werden wird. Meine rechte Seite war noch gelähmt, mein Sprachzentrum war total durcheinander und ich hatte große Probleme, Worte zu finden. Den linken Daumen konnte ich aber heben,um zu sagen, dass alles top ist. (lacht) Das war unfassbar.

Dass Sie sich nicht in Ihrem Tatendrang bremsen lassen, zeigt nun auch die Veröffentlichung des sage und schreibe 20. Studio-Albums von BAP namens "Alles fließt". Wie sind Sie das Album angegangen?

Alterswerk ist so ein blöder Begriff. Aber ich wollte auf jeden Fall ein Album machen, das altersentsprechend ist und keines, bei dem man mich als Berufsjugendlichen erwischt. Ich gehe nun mal auf die 70 zu. Die Texte sollten alle aus meiner heutigen Warte geschrieben sein - und mich nicht in eine Zeit zurückversetzen, in der ich noch über Tische und Bänke springen konnte. Vor allem unser Gitarrist Ulle hat mir dabei ein Bett bezogen, in dem ich mich nur wohlfühlen konnte. Er hat mir genau die Musik geschrieben, die ich für Texte von himmelhochjauchzend bis zum Tode betrübt brauchte.

Schon länger sind Sie das letzte verbliebene Gründungsmitglied von BAP. Mit Jürgen Zöller hat 2014 auch der letzte langjährige Wegbegleiter die Gruppe verlassen. Ist BAP heute eigentlich noch eine Band oder ganz im Sinne der Bezeichnung "Wolfgang Niedeckens BAP" ein Niedecken-Projekt?

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BAP Mitte der 80er - so sieht die Gruppe schon lange nicht mehr aus.

(Foto: imago images/United Archives)

Viele Leute verwechseln die Originalbesetzung mit der Besetzung, als sie BAP gerade zum ersten Mal wahrgenommen haben. Die Originalbesetzung kriegt außer mir wahrscheinlich kein Mensch mehr zusammen. Auch Jürgen Zöller war ja schon kein Gründungsmitglied mehr. Er ist 1987 dazugekommen. Es war immer ein fortschreitender Prozess, in dem ich mich nie an jemanden geklammert habe. Im Rock'n'Roll und in der Liebe klammert man nicht. Und im Fußball schon gar nicht - da bekommt man sogar die gelbe Karte dafür. Anders ausgedrückt: Reisende soll man nicht aufhalten. Das hat mein Vater sinngemäß auch schon immer gesagt. Andere Mütter haben auch schöne Töchter.

Ich frage das auch, weil Sie ja zugleich auch Soloalben machen, zuletzt 2017 "Reinrassije Stroossekööter". Wo liegt der Unterschied für Sie zwischen BAP und Ihrem Soloprojekt?

Die Soloalben sind aus verschiedenen Gründen entstanden. Aber ihnen allen ist gemein, dass sie die Stammformation nochmal auf einen anderen Weg bringen konnten. Mein erstes Soloalbum mit den Complizen zum Beispiel griff eigentlich die Restbestände vom BAP-Album "Ahl Männer, aalglatt" auf, mit dem ich nicht glücklich war und hat bewiesen, dass wir mit BAP damals auf dem Holzweg waren. Auf dem "Leopardefell"-Album habe ich die ganzen Dylan-Songs aufgenommen - mit einer Band, die gar nicht erst groß in den Proberaum gegangen ist. Das war endlich wieder purer Rock'n'Roll. Die beiden letzten Soloalben wiederum waren einfach Projekte. Auf dem einen habe ich mich bei meiner Frau bedankt, dass sie es geschafft hat, mich rechtzeitig in die Uniklinik zu bringen. (lacht) Und "Reinrassije Stroossekööter" war mein Familienalbum - eine Herzensangelegenheit. Die habe ich mit amerikanischen Musikern in Woodstock und New Orleans aufgenommen, was auch wieder für BAP inspirierend war.

Der erste Song, der von "Alles fließt" veröffentlicht wurde, war "Huh die Jläser, huh die Tasse" zu Ehren der "Corona-Helden". War der Song von Anfang an als Hymne geplant?

Nein. Wir hätten das Lied im August 2019 fast noch nicht mal aufgenommen, weil ich dachte, dass es nicht unbedingt zum Rest des Albums passen würde. Aber als es in Spanien und Italien damit losging, dass die Menschen für die "Corona-Helden" auf den Balkonen applaudierten, haben wir uns gedacht: "Eigentlich haben wir genau das Stück dafür." Mir hat auch gefallen, dass dieser Reggae so fröhlich daherkam und fand, dass es eigentlich ein Trinklied werden muss. Und auf wen trinke ich? Ich trinke einfach mal auf die Guten.

Eine weitere Single aus dem Album ist "Ruhe vor dem Sturm". Der Song setzt sich mit dem Rechtspopulismus auseinander ...

Das war tatsächlich der erste Text, den ich für das Album geschrieben habe - zu Musik von Ulles Demo-CD, die mich schon beim ersten Hören angesprungen hat. Das war schon ziemlich Led-Zeppelin-verdächtig und hat den Knoten richtig platzen lassen. Zu der Zeit war Trump schon zwei Jahre im Amt. Aber auch was sich danach noch auf der ganzen Welt an Rechtspopulismus entwickelt hat, ist einfach nur widerlich. In dem Song habe ich mich endlich mal so richtig ausgekotzt. (lacht)

War es ein Zufall, dass Sie das Lied am 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes und der Befreiung, veröffentlicht haben?

Ich habe es nicht dafür geschrieben. Aber dann war es schon bewusst, weil wir gemerkt haben, dass es wie die Faust aufs Auge passt. Das zu machen, war auch gut. Es hat große Aufmerksamkeit erregt. Das war die eigentliche Rückmeldung.

Worüber machen Sie sich beim Blick auf die Welt im Jahr 2020 die meisten Gedanken? Über den Rechtsruck und Populismus, den Klimawandel, den Bedeutungsverlust von Wahrheit und Fakten ...

Ich kann nicht in Prozentzahlen ausdrücken, was mich am meisten beunruhigt. Als ich eben hierhergekommen bin, stand auf dem Boden gesprüht: "Der Klimawandel ist tödlicher als Corona." Das fand ich gut, denn da ist was Wahres dran. Wir müssen alle viel, viel grüner denken. Auch ich. Es gibt Dinge, bei denen auch ich denke: "Das kannst du so nicht weiter machen. Das geht einfach nicht mehr." Okay, ich habe alle Fernreisen der Welt gemacht und habe da gut reden. Es ist schon großartig, um die Welt zu reisen. Aber muss das unbedingt sein? Wir haben keine Ersatz-Welt im Kofferraum. Ich hoffe, dass die Corona-Geschichte nicht einfach so spurlos vorüber geht, sondern die Leute daraus doch noch Lehren ziehen.

Die Auseinandersetzung mit Themen wie diesen begleitet schon Ihre ganze Karriere. Auch in den 80ern ging es bereits um Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus oder Atomkraft. Hätten Sie sich vorstellen können, dass es noch einmal zu solch einem Rechtsruck und Rollback kommen könnte?

Ich habe nicht vor zu verzweifeln. Ich gebe mir jedenfalls Mühe, das nicht zu tun. Aber mit einigen Dingen hätte ich wirklich nicht mehr gerechnet. Die Populisten-Welle zum Beispiel hat mich regelrecht schockiert. Ich verstehe einfach nicht, wie Menschen auf diese Typen reinfallen können. Wie kann man auf einen Trump reinfallen? Den siehst du und weißt, dass er dich anlügt, bevor er den Mund aufgemacht hat.

Sie haben in einem Interview gesagt: "Ich bin kein Aktivist, sondern ich formuliere meine Gefühle und überlasse den Hörern, daraus ihre Schlüsse zu ziehen." Haben Sie nicht die Ambition, Dinge zu verändern?

Doch. Aber als Aktivist bin ich fehl am Platz. Ich nütze der Sache viel mehr, wenn ich Poesie mache, die die Leute dazu bringt, selbst weiterzudenken. An der Stelle fühle ich mich wohler. Als Aktivist bist du immer irgendwo auch bevormundend. Das würde ich aber schon für mich selbst nicht wollen. Wenn bei mir jemand damit anfängt, mich zu bevormunden, wird es eng.

Eine Kollegin von mir hat 2014 wiederum geschrieben: "BAP-Geschichte ist auch immer deutsche Geschichte, die Lieder sind eine Art Chronik der Gesellschaftspolitik." Verstehen Sie sich als Chronist?

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Das schon eher. Ich schreibe ja über das, was mich bewegt. Je länger mich etwas beschäftigt, umso mehr reift der Gedanke: "Ey, daraus scheint ein Lied werden zu wollen. Mal gucken, was wir damit anstellen." Dagegen setze ich mich nie hin und überlege: "Vielleicht vertone ich jetzt mal die Titelgeschichte vom 'Spiegel'." Genauso habe ich nie Auftragskunst gemacht. Zum Beispiel wollte der 1. FC Köln vor vielen Jahren eine Hymne von mir haben. Ich bin wirklich ein Die-Hard-FC-Fan! Aber ich wollte keine Auftragshymne schreiben. Das haben dann Die Höhner gemacht. (lacht) Das ist total okay! Aber es ist nicht meine Sache.

Stimmen wie Ihre waren auf jeden Fall immer wichtig. Vermissen Sie die heute manchmal in der Musik? Wenn man sich zum Beispiel Genres wie den Rap anschaut, wird da ja inzwischen oftmals das Gegenteil propagiert: Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus ...

Das ist eine andere Generation. Die heutigen Rapper sind für mich eigentlich sehr rückwärtsgewandt und spießig. Der Erfolg von ihnen beruht ja darauf, dass viele kleine Jungs es geil finden, schlimme Worte vertont zu hören und dazu auf dem Schulhof abzukichern. Aber vielleicht bin ich da auch ein bisschen unfair. Ich höre ja nun wirklich nicht viel von dem Zeug und kriege nur die Eisbergspitzen mit. Aber die sind platt genug.

Ich komme nicht umhin, Sie auf Xavier Naidoo anzusprechen. Sie haben mit ihm mehrfach musikalisch kooperiert, waren mit ihm für "Sing meinen Song" in Südafrika - und haben ihn vor Kurzem noch gegen Kritik wegen seiner Verschwörungserzählungen verteidigt ...

Ja, jetzt aber nicht mehr. Es geht nicht mehr. Diesen Hang zu Verschwörungstheorien hat er tatsächlich schon seit ich ihn kenne gehabt. Schon als wir in Südafrika waren, ging er allen Leuten damit auf den Wecker, dass die Welt eine Scheibe sei. Das konnte man vielleicht noch amüsant finden, aber er meinte es leider ernst. Es tut mir total leid um diesen lieben Kerl, diesen großartigen Künstler und fantastischen Sänger. Aber das, was ich in letzter Zeit von ihm gesehen habe und er auch selbst zu verantworten hat, ist nicht mehr zu verteidigen. Ich habe immer gehofft, ihn irgendwann mal zufällig zu treffen und unter vier Augen mit ihm darüber reden zu können. Der gehört therapiert.

In einem Song wie "Volle Kraft voraus" beamen Sie sich noch einmal in die Vergangenheit und lassen die Jugend Revue passieren. Blicken Sie nostalgisch zurück?

Das kann ich mit einem Zitat aus "Volle Kraft voraus" beantworten. Im Mittelteil heißt es: "Hätt nix met Nostalgie zo dunn, eher met Therapie. Ne kleine Kurs enn Demut, Dankbarkeit un c'est la vie". Ich singe mich in dem Lied ja selbst an - mich und meine alten Freunde. Zwei von ihnen sind schon tot. Ab und zu seufzt man schon mal. Aber ich gucke nicht nostalgisch zurück. Ich bin eher sehr, sehr dankbar für all das, was ich erleben durfte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit dem bisschen Rock'n'Roll um die Welt komme und dieses Leben führen darf, in dem ich nur tue, was ich gerne tue. Ich freue mich, dass ich zwei Enkel habe. Ich habe mich heute Morgen noch darüber gefreut, dass mich der Hund geweckt hat. Ich kann mich an den kleinen Dingen, die das Leben immer noch für mich bereithält, erfreuen und brauche keine Nostalgie.

Treibt es Sie um, dass Sie nächstes Jahr 70 werden oder halten Sie es mit dem Spruch, dass das ja nur eine Zahl ist?

Für mich ist das wirklich nur eine Zahl. Schon als ich 60 wurde, wurde ich dauernd danach gefragt. Ich kann mich aber auch noch an den 50. oder den 40. erinnern. Ich weiß immer genau, was an diesem Tag los war. Am 40. war ich zum Beispiel mit meinen kleinen Söhnen auf den Malediven und habe mir eigentlich nur gewünscht, in Ruhe "Die Zeit" lesen zu dürfen. (lacht) Aber hey, das war alles gut! Ein kleiner Kurs in Demut, Dankbarkeit und Empathie - c'est la vie.

Mit Wolfgang Niedecken sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de