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Stuttgarter "Tatort" Ganz heiß im magischen Kreis

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Lannert und Bootz sind die real "True Detectives".

(Foto: dpa)

Ein Fall, der wieder einmal für Unruhe in den unterschiedlichen "Tatort"-Lagern sorgen dürfte: "Hüter der Schwelle" lässt Lannert und Bootz in die Vergangenheit reisen - und an die eigenen Grenzen. Mumpitz oder Mystery? Das ist hier die Frage.

Am Anfang steht eine Assoziation, die beim geneigten Krimi-Fan umgehend für massiven Glückshormon-Ausstoß sorgen dürfte: Wie die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) da auf einer Anhöhe mit Stuttgarter Umland-Panorama im Hintergrund durchs saftige Grün stapfen, von Kameramann Jürgen Carle mit fast metallischer Schärfe gefilmt, sie schließlich den Toten sehen, einen mit rätselhaften Messer-Ritzereien massakrierten nackten Mann, der in einem Kreidekreis liegt, das atmet durchaus etwas vom Geist der ersten "True Detective"-Staffel.

Nun hat der Sonntagskrimi mit überschaubaren 90 Minuten weder die Zeit, mit ähnlich gemächlichem Tempo Suspense aufzubauen, noch Regisseur Piotr J. Lewandowski den Willen, in dieser Art und Weise ermitteln zu lassen. Dabei treibt ihn durchaus ein solider Hang zum Zitatkino an, lediglich seine Stoßrichtung ist eine andere, als die des großartigen Südstaaten-Krimis von Nic Pizzolatto.

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Rätsel. Okkultes? Mach mal 'n Kreis ... mh, schwierig.

(Foto: SWR/ Benoit Lindner )

Doch der Reihe nach: Bei dem Toten mit der durchtrennten Halsschlagader handelt es sich um Marcel Richter (Max Bretschneider), den seine Mutter (Victoria Trauttmansdorf) drei Tage zuvor als vermisst gemeldet hatte. Schnell führt es Lannert und Bootz in den Freundeskreis des jungen Mannes, besonders eine Kommilitonin fällt ihnen - in puncto Bootz im überaus emotionalen Sinne - ins Auge. Die Frau mit dem dick unterstrichenen Symbolnamen Diana (!) Jäger (!!), gespielt von Saskia Rosendahl, verdreht nicht nur dem jungen Kommissar im Handumdrehen den Kopf, sie gibt auch wertvolle Hinweise.

Schwelle übertreten

Ein gewisser Emil Luxinger (André Hennicke) entpuppt sich als die Figur in diesem Ränkespiel, bei der die Fäden zusammenlaufen. Der Freizeit-Schamane erzählt den Stuttgarter Kommissaren von den Verbindungen der Gegenwart zur Vergangenheit und davon, wie es ist, die Schwelle zu übertreten, um mit seinem Ich aus einem fernen Jahrhundert Kontakt aufzunehmen. Doch nicht nur das Außerweltliche scheint hier eine Rolle zu spielen, es gibt auch eine Spur, die zu einem durchaus bodenständigen Verdächtigen führt, dem Drogenhändler (Gerdy Zint) nämlich. Der macht sein Geld zum einen mit allerlei Rauschmitteln, er bietet seinen Kunden aber auch noch eine überaus kontaktfreudige - nein, keine Prostituierten - Freizeitbeschäftigung im Keller seines Etablissements an.

Es ist mal wieder Kontroverse-Zeit in puncto "Tatort", wieder einmal verlässt der Krimi-Klassiker die Sphären des gemeinen Täterrätsels, um sich an außergewöhnlichen Plots zu reiben. So extrem wie diesmal hat man die Grenzen des Machbaren aber wohl noch nicht ausgereizt. Filmemacher Lewandowski, der kürzlich bereits mit André Hennicke im Film "'Jonathan 2' zusammengearbeitet hatte, gibt sich hier längst nicht mit irgendeinem Horrorhaus oder parapsychologischen Petitessen zufrieden, der Mann will ans Eingemachte. Und so gibt es Rückführungs-Spuk und okkulte Rituale, enthemmte Tänze, geheimnisvolle Zeremonien, alte Zeichnungen, historische Schriften und einigen Zinnober mehr.

All das sieht unglaublich atmosphärisch aus, insbesondere von André Hennicke als ledrigem Hohepriester mit der gebotenen Aura gespielt, feiert sich in seinem Zitate-Medley aus "Akte X", "Fight Club" und "Name der Rose" jedoch vor allem selbst. Der Countdown bis zur großen Montagsdiskussion läuft.

Quelle: ntv.de