"Polizeiruf 110" im SchnellcheckNoch so ein stiller Gast

Polizeiliche Ermittlungen im Halbdunkel, zwischen freundschaftlichem Bier und Whiskey aus dem Flachmann, verhuschte Damen und Blumen auf dem Fenstersims - "Der Wanderer zieht von dannen" in Halle.
Was passiert?
Die alte Dame hatte es sich so richtig gemütlich machen wollen. Ein Stück Kuchen, ein Tässchen Kaffee, das Radio an und ab in die Badewanne. Doch dann muss etwas etwas Ungeheuerliches geschehen sein, denn bald stehen die Kommissare Koitzsch (Peter Kurth) und Lehmann (Peter Schneider) am Wannenrand, die Frau ist auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen. Auf dem Revier erhält Lehmann zudem Besuch von der nonchalanten Katrin Sommer (Cordelia Wege), die den Verdacht äußert, es sei jemand heimlich in ihre Wohnung eingedrungen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Sachverhalten? Was hat es mit dem schratigen Hausmeister (Henning Peker) auf sich und was ist die Geschichte von Rita Schmidtke (Jule Böwe), die Sommer in einer Selbsthilfegruppe kennenlernt?
Die Untersuchung des Türschlosses ergibt schließlich, dass sich jemand daran zu schaffen gemacht haben muss. Doch wer ist der heimliche Besucher, dieser stille Gast? Koitzsch besucht schließlich seinen Kumpel Roman Schuster (Thomas Lawinky) im Knast, der bei einem guten Schluck Hochprozentigen Interessantes über den Schlüsseldienst in NVA-Zeiten zu berichten weiß.
Worum geht es wirklich?
"An der Saale hellem Strande" und "Der Dicke liebt", das sind die Titel der zwei bisherigen "Polizeiruf 110-Fälle aus Halle. Es ging unter anderem um den Messermord an Uwe Bauder, der nie geklärt werden konnte. Hier nun laufen die Fäden zusammen, denn ausgerechnet Katrin Sommer kannte den Toten. Zudem findet sich in der Wohnung der alten Dame eine getrocknete Blüte auf der Fensterbank, eine Parallele zum Fall Bauder, die jetzt erst in Koitzsch' Fokus rückt.
Wegzapp-Moment?
Nicht vorhanden. Koitzsch' Vision in der Pathologie ist optisch herausfordernd, und der etwas übersteuerte erste Auftritt von Frau Sommer kratzt an der üblichen Sonntagabendkrimi-Ironie, aber dann findet der Film schnell in die Spur und entwickelt eine außergewöhnliche Eigendynamik, die gekonnt zwischen Suspense und stillen Momenten changiert, zuweilen beides miteinander verbindet und so für diese gewisse Unbehaglichkeit beim Zuschauer sorgt, die einen guten Psychothriller auszeichnet.
Wow-Faktor?
Ausgesprochen hoch. Wenn Kommissare einen düsteren Keller betreten, in dem die Duftbäume von der Decke baumeln, ist spätestens seit Finchers "Sieben" klar, dass es gleich eklig wird. Das Reizvolle an "Der Wanderer zieht von dannen" sind die sorgfältig arrangierte Räume, sei es die Werkstatt im Industriegebiet, die aufgeräumte Wohnung der alleinstehenden alten Dame oder das etwas unkommod illuminierte Zuhause von Kommissar Koitzsch, die alle soviel mehr aussagen, als der x-te Erklär-Monolog. Überhaupt sind die Gespräche hier wohltuend dezent gesetzt, das Geschehen entfaltet sich oft in der Stille zwischen den Sätzen. Die Dynamiken zwischen Lehmann und Koitzsch als auch zwischen Schmidtke und Sommer sind ausgesprochen stimmig angelegt. Dass man bis zum Schluss auf das Schlimmste gefasst sein muss, erweist sich als weiteres Qualitätsmerkmal dieses Trilogie-Finales, das durchweg Lust auf Nachschlag macht.
Wie war's?
9 von 10 Punkten - spooky, melancholisch, spannend. Es darf noch nicht Schluss sein!