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Rostocker Sexmord-"Polizeiruf" Papa, bringst du Frauen um?

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Will ihren Mann als Mörder hinstellen: Elke Hansen (Angelika Winkler)

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Der hohe Norden ist bekannt für seine düsteren Mordserien - zumindest im Rostocker "Polizeiruf". Das ist auch im neuesten Fall der Kommissare König und Bukow nicht anders: Diesmal geht es um echte und eingebildete Monster in der eigenen Familie.

Stell dir vor, du wachst eines Tages auf und hast plötzlich das ungute Gefühl, dein Vater könnte ein Mörder sein. Und zwar nicht irgendeiner, sondern der Typ, der in den letzten 15 Jahren sechs junge Frauen in deinem Alter umgebracht und sich aus ihren toten Körpern "Andenken" herausgeschnitten hat, um damit seine kranken sexuellen Fantasien zu befriedigen. Muss ein ziemlich beschissenes Gefühl sein. Die junge Marla (Emilia Nöth) muss sich das nicht vorstellen, sie weiß ganz genau, wie sich sowas anfühlt.

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Ist Marla (Emilia Nöth, l.) die Tochter eines Sexualmörders?

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Der erste Absatz verrät es bereits: Die neueste Auflage des "Polizeiruf 110" aus Rostock kommt so düster daher, wie man es von den Nordlichtern gewohnt ist. Die ganz schweren Themen lagen den Ermittlern Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) schon immer, und das ist - schon mal vorweggenommen - auch diesmal nicht anders. Bleibt nur die Frage, für wen die unzähligen Abgründe des Films schwerer zu verdauen sind: Für die abgebrühten Kommissare, die darüber stolpern, oder für die Zuschauer, die in sie hineinblicken müssen?

Wobei "müssen" in dem Fall vielleicht nicht unbedingt der richtige Ausdruck ist, weil Regisseur und Drehbuchautor Damir Lukacevic eine Gratwanderung hinbekommt: Auf der obersten Ebene ist "Dunkler Zwilling" ein enorm spannender Krimi, der nicht nur die Ermittler sondern vor allem auch die Zuschauer immer wieder in die Irre führt und bei dem bis kurz vor Schluss ein Zweifel bleibt, wer denn nun wirklich der grausame Sexualmörder ist: der unscheinbare und scheinbar brave Umzugsunternehmer Kern (Simon Schwarz) oder der exaltierte Menschenfänger und Dauerstudent Hansen (Alexander Beyer).

Ein "Soziopath außerhalb der Gesellschaft"?

Die beiden Hauptverdächtigen sind ausgezeichnet besetzt: Der Österreicher Schwarz wirkt wie immer, als könnte er kein Wässerchen trüben, obwohl so vieles für ihn als Täter spricht; Beyer dagegen kann einen subtilen Wahnsinn in seinen Blick legen, der einem sogar im heimischen Fernsehsessel durch Mark und Bein geht. So einer kann doch unmöglich unschuldig sein, oder etwa doch? Der Fall wird für Zuschauer und Kommissare gleichermaßen zum echten Vexierspiel, weil immer wieder sicher geglaubte Indizien den Ermittlungsbach hinuntergehen, und neue Zweifel auftauchen.

Wer will, kann sich aber auch eine Ebene tiefer in die unappetitlichen Untiefen begeben, die dieser "Polizeiruf" aufmacht - die wahre Hölle auf Erden machen nämlich die Angehörigen der beiden Verdächtigen durch, allen voran Kerns Tochter Marla. Die 15-Jährige liebt ihren Vater über alles, auch weil Kern alles andere als ein "Soziopath außerhalb der Gesellschaft" ist, wie es König in der öffentlichen Fahndungsmeldung verkündet, die die Kommissare irgendwann aus purer Verzweiflung schalten.

Dabei stimmt irgendetwas ganz gewaltig nicht, das spürt Marla: Was ist mit dem Blut auf den Sitzen, warum hat Papa Gaffer Tape und ein Messer im Handschuhfach seines Autos - und was ist mit den Tagebucheinträgen, die bestätigen, dass ihr Vater kein Alibi für die jeweiligen Mordtage hat? Irgendwas ist da, aber gleichzeitig sind Kerns Erklärungen so gut, und sie will ihrem Vater auch einfach glauben. Marla geht bei ihren Überlegungen einmal durch die Hölle und zurück - und die Zuschauer gehen mit ihr mit, wenn sie bereit dafür sind. Am Ende bleibt eine quälende Frage: Wo endet gesunde Skepsis und wo beginnt Paranoia? Noch dazu innerhalb der Familie?

Quelle: n-tv.de

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