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Schweizer "Tatort"-Premiere "Züri brännt" noch immer

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Bei dem neuen Kommissarinnen-Duo läuft in der Zusammenarbeit nicht immer alles glatt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ein Jahr nach dem letzten Fall aus Luzern melden sich die Eidgenossen beim Sonntagabend-Krimi zurück. Der Auftakt gerät durchweg vielversprechend: Die politische Zeitreise in die 80er verfügt über Esprit und Spannung, Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher überzeugen als eigenwilliges Duo mit viel Potenzial.

"Eine lustvolle Überhöhung soll den 'Tatort' aus Zürich prägen", so hatte es Urs Fitze, Ressortleiter Fiktion des Schweizer Rundfunks, wortstark angekündigt. Klingt erst einmal nach jeder Menge Ambition. Nimmt man dann noch den Umstand hinzu, dass Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) sich umgehend in die Haare kriegen, Zeitsprünge schon die ersten Minuten prägen, Leichen brennen, Molotow-Cocktails fliegen und Schweizer Punkrock erklingt, kann ein erstes Zwischenfazit nur lauten: Mission erfüllt.

Im Oktober 2019 verabschiedeten sich Flückiger und Ritschard aus Luzern, das Duo hatte es in 17 Fällen nie so wirklich geschafft, sich in der Gunst des Publikums einen Platz zu erobern. Mal gerieten die Drehbücher arg behäbig, dann wieder stand sich die Synchronisation selbst im Weg, spannende Fälle blieben Mangelware. Mit "Züri brännt" nun, ersonnen von den Autoren Stefan Brunner und Lorenz Langenegger, vollzieht der Schweizer Rundfunk nicht nur einen örtlichen Neuanfang, auch was den dramaturgischen Ton angeht, werden neue Saiten aufgezogen.

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Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, l-r), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) und Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) sind im neuen Schweizer Tatort zu sehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dabei geht es zunächst einmal in die Vergangenheit. Wem beim Titel "Züri brännt" die Bilder einstiger Straßenschlachten und Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden auf der einen Seite, der Polizei auf der anderen in den Sinn kommen, der liegt völlig richtig. Der legendäre Film gleichen Titels aus dem Jahre 1980 dokumentiert die damaligen Auseinandersetzungen, im Mittelpunkt jene sogenannten "Opernhauskrawalle", die am 30./31. Mai 1980 ihren Höhepunkt fanden, als der Zürcher Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovierung des Opernhauses bewilligte, gleichzeitig jedoch alle Forderungen nach einem Jugendzentrum ablehnte.

Einschalten lohnt sich

In einer gekonnten Auftaktmontage kombiniert Regisseurin Viviane Andereggen den Arbeitsweg der neuen Kommissarin Tessa Ott mit Bildern aus der damaligen Produktion des Videoladens Zürich. Noch ist kein Detail über den ersten Fall bekannt, aber schon in den ersten Minuten wird so klar: Es gibt Verbindungen in diese an Kontroversen so reiche Zeit. "Ich war lange in der Punkbewegung in Zürich und Basel und so auch in der Besetzerszene. Nie wieder wurde mit so unkonventionellen und kreativen Mitteln für mehr kulturelle Autonomie gekämpft. Das finde ich nach wie vor beeindruckend", erläutert Andereggen ihren ganz persönlichen Zugang zu dieser Geschichte. "Da sich Geschichte wiederholt, wiederholen sich auch die Themen aus den 80ern. Die Forderungen nach günstigerem Wohn- und Freiraum, Kritik am Überwachungsstaat, etc. haben weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren."

Nun ist die Sache mit den Rückblenden und den Verknüpfungen ins Hier und Jetzt so eine Sache für sich. Mal hakt es am Zeitkolorit und der Ausstattung, dann wieder erweisen sich allzu fantasievolle verwobene Plots als überdreht. Zudem die Frage, wie sich das neue Tandem wohl schlägt, wer sind Tessa Ott und Isabelle Grandjean? Wie kommen die Kommissarinnen in ihrem ersten gemeinsamen Fall miteinander klar, wie ist das Verhältnis zum Chef und zur Staatsanwältin und was machen die beiden eigentlich sonst so?

"Züri brännt" umkurvt die vielen Fußangeln äußerst selbstbewusst und durchweg unterhaltsam. Wie Ott und Grandjean hier einander abchecken, mal in eine Richtung zusammenarbeiten, dann wieder total aneinander geraten, ist umso vieles nachvollziehbarer als die meisten anderen Grabenkämpfe auf den Revieren. Sie umgibt ein schauspielerisches Ensemble, das Glamour und Geheimnis durchzieht, die Story selbst gönnt sich zudem eine dramaturgische Drastik, die beeindruckt, ohne überzeichnet zu wirken. Um es ganz plakativ zu sagen: Einschalten lohnt sich. Und macht jetzt schon neugierig auf den zweiten Fall. "Schoggiläbe" wurde parallel zu "Züri brännt" gedreht und ist im Frühjahr 2021 zu sehen.

Quelle: ntv.de