Ex-Genetiker verspricht HeilungAfrikas mächtigster "Prophet" und sein gefährlicher Einfluss
Von Fabian Maysenhölder
Ein ehemaliger Genetiker, der angeblich Aids heilt und das nahende Weltende predigt: David Owuor kennt hierzulande kaum jemand, in Kenia gehört der selbsternannte Prophet zur mächtigen Elite des Landes. Aber auch in Deutschland begegnet man seinen Anhängern - und ihm persönlich.
An einer Ampel am Alexanderplatz, am Übergang zum Alexa-Einkaufszentrum, steht ein Mann mit Megafon. Seine Botschaft an die, die auf Grün warten, eindringlich: "Jesus kommt bald. Ihr müsst Buße tun, liebe Menschen. Es ist wichtig, dass wir heilig leben. Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, es geht um eure Ewigkeit. Es gibt nur die Hölle und den Himmel!"
Beachtet wird er kaum - zu sehr ist man in der Hauptstadt an kuriose Gestalten und Prediger aller Couleur gewöhnt. Was vielleicht niemand ahnt: Der Mann, der hier einsam seine Botschaft verbreitet, gehört zum deutschen Ableger einer Mega-Bewegung, für deren Anführer man in Ostafrika ganze Straßenzüge sperrt.
"Wendepunkt Deutschland" - so nennt sich der Verein mit Hauptsitz im schwäbischen Winnenden. Der Verein betreibt Gebetshäuser in mehreren Städten und veranstaltet kleine Konferenzen, zuletzt im Juni in Herrenberg. Von seinen Mitgliedern und Sympathisanten gehen auch die Missionseinsätze wie jene am Alexanderplatz aus. Es ist die deutsche Filiale des "Ministry of Repentance and Holiness" ("Dienst der Buße und Heiligung") - einer weltweiten Organisation, die 2005 in Kenia von dem selbsternannten Propheten David Owuor gegründet wurde. Einem Mann, der weder in der deutsch- noch in der englischsprachigen Wikipedia überhaupt einen Eintrag hat, aber zu den wohl einflussreichsten Männern in Kenia gehört. Seine Kirche hat in Kenia Tausende Ableger. Dass man ihn in Deutschland nicht kennt, sagt mehr über den "westlichen" Blick auf die Welt aus als über die Bedeutung und den Einfluss, den er für Millionen Menschen hat.
Doch man sollte ihn und seine Organisation kennen, denn sie wollen expandieren - und seine Botschaft ist alles andere als harmlos: Er predigt nicht nur die Wiederkunft Jesu und den Untergang der Welt, sondern behauptet auch, er könne jegliche Krankheiten heilen.
Vom Genetiker zu Gottes Buß-Prophet
Edward David Owuor, geboren 1966 in Westkenia, war zunächst in ganz unreligiösen Gefilden unterwegs - er ist promovierter Naturwissenschaftler. Seinen Bachelor machte er in Nairobi, dann ging er nach Israel, seine Promotion in Molekulargenetik schloss er an der Universität Haifa ab. Später forschte er als Postdoc in Chicago. Für seine Anhänger und Anhängerinnen ist dieser Hintergrund wichtig - denn hier spricht, so glauben sie, einer, der nicht nur göttliche Autorität, sondern auch Ahnung von der Sache hat.
Irgendwann vertauscht Owuor seine Vornamen: Aus Edward David (seinem Geburtsnamen, unter dem er die wissenschaftlichen Arbeiten publiziert hat) wird David Edward Owuor, verkürzt David - das klingt biblischer, prophetischer. Er beschreibt, wie er selbst mehrere prophetische Visionen gehabt haben will, erst in den 90er Jahren in Israel, dann in seiner Zeit in den USA. Und wie er beschließt, seine Karriere ans Kreuz zu hängen und als Prophet für die nahende Wiederkunft Jesu tätig zu werden. 2004 kehrt er nach Kenia zurück und beginnt, auf den Straßen von Nakuru zu predigen.
Auf seiner Website wird daraus eine schöne Geschichte: der vermeintlich brillante Wissenschaftler, der ein Haus in bester Lage und eine vielversprechende Karriere aufgibt, um dem göttlichen Ruf zu folgen. Er tauscht den Wohlstand gegen den Dienst als Bußprediger. Die Botschaft dahinter ist leicht zu durchschauen: Ein so kluger Kopf würde doch niemals ohne triftigen - göttlichen - Grund alles hinwerfen! Die Wahrheit ist: Ja, Owuor hat seine wissenschaftliche Karriere aufgegeben. Aber nicht für ein Leben als mittelloser Prediger. Owuor ist heute Multimillionär und einer der mächtigsten Männer Kenias.
Wer regiert Kenias Straßen?
Sein "Repentance and Holiness Ministry", offiziell um 2005 gegründet, gilt vielen als Kenias größte pfingstlich-prophetische Bewegung. Gewachsen ist sie schnell, auch weil Owuor früh begriff, wie Macht in Kenia funktioniert - nämlich eng verwoben mit Religion und Glaube. Owuor zeigte sich mit Politikern. Er taufte und "salbte" sie öffentlich, verlieh ihnen aus seiner Sicht also göttliche Autorität. Das Ganze ist ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht: Die Politiker bekommen den Segen, er sichert sich ihre Gunst. Seinen wohl größten Coup landete er 2009, als er den damaligen Premierminister Raila Odinga öffentlichkeitswirksam taufte.
Auch wenn er formal keine weltliche Macht hat, sieht die Realität anders aus: Owuor auf den Schlips zu treten, kann Konsequenzen haben. Politiker wissen, dass ein Wort des Propheten unter Umständen Hunderttausende Wähler beeinflussen kann. Selbst nach dem Shakahola-Massaker, das 2024 bekannt wurde, blieb Owuors Ministry weitgehend unbehelligt, obwohl das Land massiv unter Druck stand, Religionsgemeinschaften genauer unter die Lupe zu nehmen. Andere Kirchen wurden mitunter intensiv geprüft. Beobachter in Kenia beschrieben die Situation folgendermaßen: "Es ist ein heikler Tanz zwischen einem Staat, der den Einfluss der Kanzel fürchtet, und einem Anführer, der genau weiß, wie er diese Angst für seine Autonomie nutzt. Am Ende bleibt die Frage: Wer regiert wirklich Kenias Straßen?"
Und das ist nicht übertrieben. Wenn Owuor in eine kenianische Stadt kommt, ist das nicht zu unterscheiden von einem Staatsbesuch. Straßen werden gesperrt, Polizeieskorten fahren vorneweg. Bilder einer Reportage zeigen Lastwagen voller Seife, hinter denen Menschen mit Schrubbern herlaufen und die Straßen putzen, bevor Owuor in die Stadt kommt. Bucht er ein Hotel, soll er Berichten zufolge gleich das ganze Hotel buchen. Zu seinen Veranstaltungen kommen Zehntausende Gläubige.
Hinter dem Heiligenschein
Und diese Veranstaltungen sind es, mit denen er die Massen begeistert - vor allem durch die Hoffnung, Krankheiten zu heilen. Natürlich hat Owuor eine klare Botschaft - es ist in etwa die, die auch am Alexanderplatz durch das Megafon schallt: Kehrt um, sündige Menschen, Jesus kommt bald zurück. Tut Buße! Diese Botschaft zu verbreiten, ist die Mission Owuors.
Göttliche Autorität inszeniert er durch seine vermeintlichen Heilungsveranstaltungen, die gekonnt choreografiert sind - und die entsprechend auch auf Social Media wirken. Der Prophet spricht vor den Massen, ruft angeblich geheilte Menschen auf die Bühne. Bei diesen Veranstaltungen weckt Owuor stets die Hoffnung, jegliche Krankheit heilen zu können. Ärzte, die vor Ort sind und mit den Veranstaltern zusammenarbeiten, sollen die Heilungen offiziell dokumentieren.
Vor großen Behauptungen schreckt der vermeintliche Gottesmann dabei nicht zurück: Bei zwei großen Veranstaltungen in Nakuru, Ende 2025 und Anfang 2026, behauptete Owuor, Aids geheilt zu haben. Ärzte in weißen Kitteln bestätigten die vermeintliche Heilung auf der Bühne. In Kenia kursierte dazu der Hashtag #ScienceBows - "Wissenschaft verbeugt sich".
Doch wenn man genau hinschaut, bleibt nicht viel von vermeintlich göttlichen Wundern - Owuor verkauft erklärbare psychologische Phänomene als göttliches Eingreifen. Man muss keine Wunder bemühen, um zu verstehen, was hier passiert. Wenn jemand 50.000 Menschen zuruft: "Jemand hier wird gerade geheilt", dann ist die Chance sehr hoch, dass irgendwer aufsteht und bestätigt, dass es ihm oder ihr besser geht, und sei es nur aufgrund des gerade ausgeschütteten Adrenalins. Bei genug Behauptungen muss zwangsläufig irgendetwas "passen". Und: Wir hören nur von den Treffern. Wer nicht geheilt wurde, verschwindet in der Masse - er hatte eben "nicht genug Glauben". Misserfolge werden so de facto unsichtbar.
Dazu kommt der Rest - denn wer heilt, hat eben nicht recht: der Placebo-Effekt, der bei subjektiv empfundener Heilung tatsächlich messbar wirkt; die enorm gesteigerte Kraft der Suggestion in einer hochemotionalen Masse; falsch-positive Tests, die eine spätere korrekte Diagnose wie eine Heilung aussehen lassen. Wie zum Beispiel im Fall Peter Oyan. Der kenianische Sender TV47 ging der Heilungsgeschichte 2026 systematisch nach. Angeblich hat Owuor den Mann von Aids geheilt. Das Ergebnis der Recherche ist vernichtend: Das Krankenhaus, in dem Oyan angeblich positiv getestet wurde, hat keine Akte über ihn. Die Patientennummer auf seiner HIV-Versorgungskarte gehört einer Frau aus einem anderen Ort. Im Nairobier Krankenhaus, in dem er sich schließlich angeblich negativ testen ließ, taucht sein Name im System nicht auf. Kurz: Der Fall scheint einfach ein Fake zu sein. Owuor lässt dem Rechercheteam im Laufe der Dreharbeiten Geld überweisen - eine "Spende vom Herrn", die mit der Geschichte angeblich nichts zu tun habe. Das Team gab es nach eigener Aussage zurück, um nicht als bestechlich zu gelten.
Inzwischen hat sich sogar die kenianische Regierung eingeschaltet und klargestellt, dass Glaube keine medizinische Behandlung ersetzen kann. Doch genau das ist das Problem: Solche Heilungsveranstaltungen sind ein gefährliches Spiel mit der Hoffnung. Und es gibt sie auch in Deutschland - zum Beispiel jene Konferenz im schwäbischen Herrenberg Anfang Juni, vor der die evangelische Landeskirche vorab gewarnt hat.
Das große Risiko sind Therapieverschleppungen, die im schlimmsten Fall tödlich enden: Weil Menschen nicht zum Arzt, sondern zum Propheten gehen. Und natürlich - wenn es nicht funktioniert, fällt es auf die kranke Person zurück. Wer nicht geheilt wird, hat zu wenig geglaubt. Es ist eine Ideologie, die den Misserfolg immer beim Individuum ablädt: Du bist selbst schuld. Das macht Menschen nicht nur klein, sondern hält sie zugleich bei der Stange - denn es gibt ja vermeintlich eine Lösung: Man muss festhalten am Glauben, den Propheten unterstützen und, auch wenn das vielleicht nicht immer so explizit gesagt wird: spenden.
In Deutschland ist die Bewegung um Owuor noch klein. So klein, dass man kaum Informationen über diesen Mann findet. Da sind ein paar Megafone bei Straßeneinsätzen und ein paar Gebetshäuser, hier und da eine Heilungskonferenz. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen - damit es auch so bleibt.