Panorama

Lockerungswelle in Europa Alle verrückt, nur Deutschland nicht?

imago0116962636h.jpg

Wann kehrt der Alltag zurück? In Deutschland derzeit noch ungewiss.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Der Wonnemonat Mai naht, doch Deutschland verharrt weiter im Lockdown. Ganz anders jedoch einige Nachbarländer, welche Öffnungen planen oder bereits umgesetzt haben - trotz zum Teil deutlich kritischerer Pandemie-Lage. Wer macht es richtig?

Es geht eine Lockerungswelle durch Europa. Obwohl die Inzidenzen, also die Zahl der Neuinfektionen je Einwohner, noch hoch sind, öffnen viele Länder die Außenbereiche ihrer Bars und Restaurants sowie Kinos und Museen zumindest eingeschränkt wieder für Besucher. Nur in Deutschland regiert weiterhin die Bundes-Notbremse. Von Lockerungen ist hierzulande erstmal kaum noch die Rede.

Das Verwunderliche: Die Inzidenz in den lockernden Ländern ist meist ähnlich hoch oder höher als jene in Deutschland von derzeit knapp 155. Krassestes Beispiel sind die Niederlande mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 300, also doppelt so viel. Aber auch die Schweiz (Inzidenz: 160) hat seit mehr als einer Woche die Restaurantterrassen wieder geöffnet. Frankreich (Inzidenz: 285,9) plant Ähnliches für den Mai. Es drängt sich die Frage auf: Wer macht jetzt was falsch - Deutschland oder die anderen?

Der frühere Chef der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, mahnte mit Blick auf die Nachbarländer im Gespräch mit ntv zur Vorsicht: "Das sind ja Großversuche, die einzelne Staaten unternehmen, wo man sehr genau hinschauen muss." Besonders mit Blick auf die Niederlande ist es aus der Sicht des Mediziners "erstaunlich, dass die Politik diese Schritte geht".

In den Niederlanden droht "Code Schwarz"

Die Regierung der Niederlande hatte die Lockerungen beschlossen, obwohl die wissenschaftlichen Berater dringend davon abgeraten hatten. Denn die Infektionszahlen sind hoch und der Druck auf Krankenhäuser ist groß. Es drohe ein "Code Schwarz", hatte der Vorsitzende der Vereinigung der Intensivmediziner, Diederik Gommers, gewarnt. Bei "Code Schwarz" muss eine Triage-Kommission in Krankenhäusern entscheiden, welchen Patienten noch geholfen wird.

Auf seinem Instagram-Kanal schrieb Gommers Anfang der Woche, dass die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen weiter zunehme. "Deshalb haben wir die Regierung gebeten, mit der Lockerung der Regeln zu warten, bis wir sicher sind, dass der Rückgang eingesetzt hat", so der Mediziner. Er warnte: "Der Effekt dieser Lockerungen wird sich erst in drei bis vier Wochen in Form von zusätzlichen Aufnahmen auf der Intensivstation bemerkbar machen."

Der geschäftsführende niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hatte die Lockerungen in seinem Land als "kalkuliertes Risiko" bezeichnet. Durch die zunehmende Zahl der Impfungen werde Anfang Mai ein Rückgang der Infektionen erwartet.

Forscher: Schweizer Öffnung ein "Fehler"

Auch andere Länder mit vergleichbaren oder höheren Infektionszahlen als in Deutschland planen Öffnungen oder haben sie bereits umgesetzt. In der Schweiz, die aktuell eine Inzidenz von mehr als 160 aufweist, haben bereits seit Anfang März Läden, Museen und Bibliotheken trotz steigender Infektionszahlen wieder geöffnet. Seit 19. April sind auch Restaurantterrassen, Kinos, Theater und Fitnesszentren wieder in Betrieb. Aber auch dieser Schritt stieß bei Experten auf heftige Kritik.

Dominique de Quervain, Neurowissenschaftler der Universität Basel, hatte die Schweizer Lockerungsschritte auf Twitter als einen "Fehler" bezeichnet und vor den Folgen durch "verfrühten Optimismus und damit unvorsichtiges Handeln" gewarnt. "Schon bald wird man einen umso höheren Preis dafür bezahlen müssen - auch psychischer Natur", schrieb de Quervain - und erklärte zugleich seinen Rücktritt aus der wissenschaftlichen Taskforce, welche die Schweizer Regierung berät.

Auch der Chef dieser Taskforce, der Biologe Martin Ackermann, hatte gegenüber der Tageszeitung "Blick" angesichts der hohen Fallzahlen vor dem Risiko gewarnt, dass neue Ansteckungsketten entstehen und sich das Virus immer weiter verbreitet. "Die jetzige Situation ist ein Wettlauf zwischen dem Anstieg von Neuinfektionen und der Durchimpfungsrate", so Ackermann.

"Zur französischen Lebenskunst zurückfinden"

Auch in Frankreich, das derzeit eine Inzidenz von fast 300 aufweist, können Außengastronomie, Kulturstätten und alle Geschäfte am 19. Mai wieder öffnen, wie Präsident Emmanuel Macron in einem vorab veröffentlichten Interview mit Regionalzeitungen ankündigte. Die Lockerungen erfolgten "trotz hoher Inzidenzwerte, die höher sind als die unserer Nachbarn". Das Land müsse jedoch zur "französischen Lebenskunst zurückfinden", so der Präsident.

Allerdings ist die Lage auf den Intensivstationen Frankreichs immer noch dramatisch. Am Montag meldeten die Gesundheitsbehörden mehr als 6000 Menschen, die mit Covid-19 behandelt werden - 1100 mehr als auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle im November. In Deutschland gibt es derzeit noch knapp über 5000 Intensivpatienten. Intensivmediziner Janssens gibt zudem zu Bedenken, dass Frankreich "bei Weitem nicht so viele" Intensivkapazitäten habe wie Deutschland.

Alles in allem ist Janssens überzeugt: Trotz vielleicht niedrigerer Inzidenzen hierzulande sollte man sich nicht "an Nachbarländern orientieren, die einen anderen Weg gehen." Auch wenn der aktuelle Kurs Deutschlands für die Bevölkerung anstrengend sein mag - aus Sicht von Medizinern sollte er "unbedingt" weiterverfolgt werden.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.