Panorama

Sinnvoll oder billige PR? Anbieter wittern Geschäft mit Impfreisen

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Erst zum Arzt, dann auf dem Kamel in die Wüste vor Dubai - geht das wirklich?

(Foto: imago images/Arabian Eye)

In Deutschland kommt die Impfkampagne gegen das Coronavirus nur langsam voran. In Israel und in den Vereinigten Arabischen Emiraten läuft es deutlich besser. So viel besser, dass Reiseanbieter neuerdings Urlaub plus Impfung anbieten. Eine sinnvolle Idee oder nur billige PR?

"First Come. First Go. Freedom for you." So wirbt das Portal impfreisen.at für Trips mit Spritzengarantie. Der österreichische Verleger Christian Mucha sieht darin die "Antwort auf das Versagen der Europäischen Union". Für Interessierte, die sehnsüchtig eine Corona-Impfung haben wollen, sind laut Webseite drei unterschiedliche Angebote in Planung. Los geht es bei 3000 Euro bis hin zu einem Luxustrip für 20.000 Euro, hat Mucha kürzlich der "Wirtschaftswoche" gesagt. Mögliche Reiseziele seien Ägypten, Dubai und Serbien.

Mit seinem Impfreisen-Portal steht der Österreicher nicht alleine da. Auch der Frankfurter Anbieter "Fit Reisen" arbeitet laut eigener Aussage an entsprechenden "Konzepten". Auf der Homepage grüßt ein Mann, der offensichtlich Vertrauen wecken soll. Hellblaues Hemd, Stethoskop um den Hals, perfektes Zahnpasta-Lächeln. "Lassen Sie sich im Urlaub gegen Corona impfen", steht dort. Es wird aber immerhin eingeschränkt: "Grundvoraussetzung ist, dass eine solche Impfreise auch behördlich gewünscht und genehmigt wird."

Torsten Kirstges, Professor für Tourismus und Management an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven, kann diesen und weiteren Angeboten nicht viel abgewinnen. "Ich denke, das sind eher gute PR-Gags. Da hatten einige eine pfiffige Idee und diese dann lanciert. Erst einmal klingt das interessant, für manche auch ein bisschen abstrus oder verwerflich. Auf jeden Fall hat man damit aber eine gewisse Publicity", sagt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Freiheit durch Impfreise?

Ein elitärer Concierge-Dienst aus London hat die Idee einer Impfreise als Erstes für sich entdeckt. "Knightsbridge Circle" wollte seinen zahlungskräftigen Mitgliedern bereits im Januar Entspannungsausflüge samt Arztbesuch anbieten. Über 65-Jährige könne man in die Vereinigten Arabischen Emirate fliegen und dort privat impfen lassen, hieß es. Prompt soll es Tausende neue Mitgliedsanfragen gegeben haben, obwohl der Jahresbeitrag stattliche 25.000 Pfund beträgt. Wenig später deckte der britische "Guardian" allerdings auf, dass es sich um eine Luftnummer handelte. Fünf Mitglieder des elitären Klubs wurden zwar geimpft, aber das waren ohnehin Staatsbürger der Emirate.

Noch gibt es für Impfreisen keinen Markt, weil diese privat gar nicht angeboten werden dürfen, sagt Torsten Kirstges. "Es gibt einige Länder, die da gehandelt wurden oder gehandelt werden. Manche haben dann auch wieder abgewunken, wie beispielsweise Israel, die von einem Veranstalter ins Gespräch gebracht wurden. Es müssen gewisse Voraussetzungen gegeben sein, damit es überhaupt funktionieren kann."

Nötig seien eine ausreichende Menge Impfstoff im Zielland. Dieser müsse selbstverständlich auch "an Dritte weitergegeben" werden können. "Normalerweise bedingt das, dass die eigene Bevölkerung erst einmal ausreichend geimpft ist, bevor man Dritte davon profitieren lässt."

Das könne aber von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt werden, gibt Kirstges bei "Wieder was gelernt" zu bedenken. In einem eher totalitären Staat könnten theoretisch Touristen bevorzugt behandelt werden. "Ich denke, in einer Demokratie wird das sehr schnell zu Protesten führen. Das würde dann also ein Schuss nach hinten sein."

Dennoch scheinen einige Länder in Impfreisen tatsächlich eine Chance zu sehen, ihren Tourismus wieder anzukurbeln. Zum Beispiel Kuba, das aktuell seinen eigenen Impfstoff testet und diesen ab dem Frühjahr auch Touristen verimpfen will. Das Emirat Dubai will aufstrebende Unternehmer mit dem "Virtual Working Programme" ins Land holen. Neben einer einjährigen Aufenthaltsgenehmigung gibt es eine Covid-19-Impfung inklusive.

Rufschäden drohen

Das alles ist für Touristik-Professor Kirstges aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Spätestens, wenn die Impfkampagnen auch in der EU endlich richtig ins Rollen kommen, müsse kein anderes Land mehr mit Impfungen locken. "Wenn also in Deutschland, in Europa, weitgehend Impfungen für alle, die es wollen, vorhanden sind, hat das Geschäftsmodell keine Zukunft mehr. Warum sollte ich ins Ausland fahren, um mich impfen zu lassen? Das ist also ein Geschäftsmodell, das nur einige Wochen oder Monate relevant sein kann."

Torsten Kirstges sieht noch einen weiteren Punkt, der gegen ausufernden Impftourismus spricht. Seiner Einschätzung nach könnten sich solche Reisen für Anbieter eher rufschädigend auswirken. Erst recht, wenn die Menschen im Zielland nicht ausreichend geimpft sind. "Selbst wenn ein Land sagen würde, wir sind schon relativ stark durchgeimpft, wir können Impfstoff abgeben an Touristen. Selbst wenn dem so wäre, würde man ja anderen Ländern den Impfstoff wegnehmen", gibt der Tourismus-Experte zu bedenken.

Deshalb sieht er "negative Imageverluste" auf Anbieter solcher Reisen zukommen. "Dann wäre der wirtschaftliche Schaden in meinen Augen größer als der Nutzen." Auch aus der Politik kommt bereits Gegenwind. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach gegenüber dem WDR von einem "unethischen Geschäftsmodell". Zudem würden auch für den Reisenden die Gefahren überwiegen, ergänzt Kirstges. "Kann man wirklich sicher sein, dass alles reibungslos läuft, dass keine Gesundheitsschäden vor Ort auftreten und so weiter."

Impfreisen.at wirbt mit einem "garantiert originalem Impfstoff". Welcher das sein soll, verrät das Portal noch nicht. Fraglich, ob man dafür Tausende Euro ausgeben möchte. Erst recht, wenn der Impfstoff hierzulande kostenlos verabreicht wird - wenn auch etwas später und nicht in Kombination mit einem Ausflug in die Wüste.

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Quelle: ntv.de