ChatGPT bekommt Erotik-ModusSex-Talk mit der künstlichen Intelligenz könnte zum Bumerang werden
Lauren Ramoser
Die KI-Plattform ChatGPT wird um einen Erotik-Modus erweitert. Nutzer können künftig auch intime Gespräche mit der künstlichen Intelligenz führen. Das kann zur Gefahr für unsere Sexualität werden.
Ab Dezember plant das Tech-Unternehmen OpenAI eine Erotikfunktion für ihre verbreitete KI ChatGPT. Ähnliche Modelle gibt es bereits von anderen Anbietern, etwa xAI und Character.AI. Verifizierte Erwachsene sollen dann auch intime Gespräche mit dem Bot führen können, der individuell und feinfühlig auf die Bedürfnisse des Schreibenden eingehen kann.
ChatGPT sei in der Vergangenheit bewusst restriktiv gehalten worden, um die psychische Gesundheit der Nutzer zu schützen, sagte OpenAI Chef Sam Altman bei der Verkündung der neuen Funktion. Jetzt wolle man den Bot von der kurzen Leine lassen und "Erwachsene wie Erwachsene behandeln". Nutzer können dann explizit sexuelle Unterhaltung mit der KI führen, die sich mit der Dauer der Gespräche immer mehr an sie anpasst. Schon zu Beginn lässt sich einstellen, ob der Bot mit vielen Emojis oder besonders menschlich antworten soll.
Genau das kann ein großes Problem werden, sagt Sexualtherapeutin Dr. Beatrice Wagner. In ihrem Buch "Roboterliebe" warnt die Therapeutin vor den Folgen des Einflusses der KI auf unser Sexleben. "Es spricht dagegen, dass ich damit verlerne, eine wirkliche Sexualität, also den Kontakt über Sexualität zu einem anderen Menschen aufzubauen", sagt Wagner.
Was passiert bei Sexting mit der KI?
Entgegen dem Eindruck durch das Gerüst einer klassischen Unterhaltung handelt es sich bei "Gesprächen" mit ChatGPT um eine Unterhaltung mit der Auslagerung des eigenen Ichs, sagt Wagner. "Ich kommuniziere mit mir selbst" - was harmloser klingt als es ist.
"Ich kann mir natürlich einbilden, dass die KI eine Art von Bewusstsein hat, weil sie ja so passgenau antwortet und ich glaube, dass sich viele Menschen auch in diese Illusion hineinbewegen", sagt die Therapeutin. Mit der Zeit verlernen Nutzer Sexualität und alles, was dazu gehört. Einfühlungsvermögen, Nähe, Toleranz. Da sei es in der Liebe wie beim Kochen. Wer nur mit einer Küchenmaschine kocht, verlernt das Handwerk dahinter.
Die meisten Menschen werden den Bot zur Selbstbefriedigung nutzen und ihn mit der Zeit immer genauer mit ihren Fantasien füttern, damit sich die Maschine individuell auf ihre Anforderungen anpasst.
KI-Sex hat langfristige Folgen für die Liebe
Nutzen mehr Menschen die KI als Bedürfnisbefriedigung, stellen sie das reine Bedürfnis in den Mittelpunkt. Um eine Verbindung mit anderen Menschen geht es nicht mehr. Und die herzustellen wird mit der Zeit auch immer schwerer, denn andere Menschen reagieren nicht so geschmeidig und unmittelbar wie ein Computer, der darauf trainiert ist, uns zu bestätigen. Singles verlernen im Zweifel, sich im Bett auf andere Menschen einzustellen.
Menschen in Beziehungen untergraben ihre Partnerschaft und nehmen sich die Chance, Sex als gemeinsames, intimes Erlebnis zu teilen. "Man hat etwas, was man nur mit dem anderen teilt", sagt die Therapeutin. "Man teilt dieses tolle, orgastische Gefühl miteinander. Und all das wird durch das Psychische und Hormonelle beziehungsfördernd und dient als Beziehungskitt", so Wagner.
Dass der Sex-Chat Folgen für ihr Liebesleben haben könnte, ahnen manche Menschen. Sie haben Bedenken, sich dieser vermeintlich einfachen Form der Bedürfnisbefriedigung zu öffnen. Auch, weil sie die Folgen, die das auf ihr Beziehungsverhalten haben wird, nicht abschätzen können, erzählt Wagner über Erfahrungen mit Klienten. "Viele ahnen, dass das nicht gut ausgehen könnte", sagt sie. Sie befürchten, sich für andere, menschliche Erfahrungen zu verderben, denn kein menschlicher Partner kann sich so selbstlos auf die Bedürfnisse anpassen.
Paartherapeutin zieht dystopische Bilanz
Die Entwicklung zum Individualismus zeigt sich in einem zunehmenden Egoismus, bei dem persönliche Bedürfnisse über gemeinschaftliche Werte gestellt werden. Menschen werden zu Inseln, soziale Geflechte dünnen aus. Wenn wir uns jetzt auch in unserer Intimsphäre von anderen Menschen lösen - was bleibt dann noch?
"Warum soll ich mich denn mit meinem unbequemen Gegenüber auseinandersetzen, wenn ich doch mit dem Chat alles habe", sagt die Therapeutin. "Das geht so lange gut, bis ich mich meiner sozialen Fähigkeiten beraubt habe."
"Bis dann irgendwann der Punkt kommt, an dem ich mich nicht mehr öffnen kann. Einem anderen gegenüber. Weil ich keine Resilienz mehr entwickle. Weil ich nicht mehr weiß, wie es ist, Kompromisse einzugehen. Weil ich nicht mehr weiß, wie es ist, eine Ungewissheit zu ertragen", erklärt Wagner. Weil Beziehungen mit anderen Menschen eben nicht perfekt sind, weil sie Zeit brauchen, nicht berechenbar sind und manchmal unbequem - und genau dadurch bestechen.
Es ist nicht alles schlecht
Es gibt allerdings einen Bereich, in dem der Erotik-Modus Verbesserungen bringen kann. In der Pornoindustrie dominieren die KI-generierten Avatare schon jetzt einen beachtlichen Teil der Videos. "Ich halte es hier für einen Segen. Dieser Aspekt, dass sich Frauen nicht mehr entwürdigen müssen, in real erstellten Pornos ist ein großer Vorteil", sagt die Therapeutin.
Die weitere Entwicklung der KI ist weder zuverlässig vorauszusagen, noch aufzuhalten. Bislang hat sich OpenAI nicht dazu geäußert, wie explizit der Erotik-Modus sein wird. Werden Bild- und Videoprogramme implementiert sein? Wie schützt man Nutzer vor Deepfakes? Ebenfalls noch ungeklärt ist, wie das Alter der Nutzer verifiziert werden soll.
