Panorama

Ende krimineller Großfamilien? Clans sind der Justiz (noch) überlegen

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Die Berliner Polizei kontrolliert im August 2019 eine verdächtige Shisha-Bar.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Jahren drangsalieren kriminelle Großfamilien Deutschland. Der Prozess gegen Clanchef Arafat Abou-Chaker, bei dem Rapper Bushido als Nebenkläger auftritt, zerrt ihre Geschäfte ins Scheinwerferlicht. Der Kampf gegen sie ist aber ein Marathon, sagt der Berliner Oberstaatsanwalt Knispel.

Am vergangenen Montag versammeln sich die deutschen Gerichtsreporter in Berlin: Am Kriminalgericht Moabit beginnt der Prozess gegen Clanchef Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder. Sie sollen Rapper Bushido unter anderem eingesperrt, erpresst, genötigt und beleidigt haben, als der keine Geschäfte mehr mit ihnen machen wollte. Es sind die typischen Vorwürfe aus dem Umfeld arabischstämmiger Clans und krimineller Großfamilien. Meist mit dem besseren Ende für sie: Allein Arafat Abou-Chaker stand schon mehrere Dutzend Mal vor Gericht, wurde aber entweder von seinen Anwälten rausgeboxt oder kam mit geringen Geldstrafen davon.

Er könne den Unmut der Bevölkerung darüber nachvollziehen, sagt Ralph Knispel, der Vorsitzende der Vereinigung Berliner Staatsanwälte. Aber auch für Menschen wie Arafat Abou-Chaker sei nicht entscheidend, was die Mehrheit der Bevölkerung denke, sondern der Rechtsstaat. Und in dem müssen Straftaten vor Gericht bewiesen werden. Was im Fall krimineller Großfamilien häufig leichter gesagt ist als getan. Denn selbst wenn es Zeugen gibt, schweigen die im entscheidenden Moment plötzlich oder ändern ihre Aussage.

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Ralph Knispel, Vorsitzende der Vereinigung Berliner Staatsanwälte.

(Foto: imago images/Rolf Kremming)

"Man muss der Tatsache ins Auge blicken, dass polizeiliche Vernehmungen in einem anderen Rahmen ablaufen als die Hauptverhandlung. Dort sitzen nicht nur Gerichtspersonen, Staatsanwalt und Verteidiger, sondern auch die Angeklagten", sagt Oberstaatsanwalt Knispel. "Und im Zuhörerbereich vielfach auch Personen, die aus dem Umfeld der Angeklagten stammen."

14.000 Straftaten in zwei Jahren

Es lässt sich schwer belegen, dass die Clans Zeugen einschüchtern oder bestechen. Aber sie besäßen die finanziellen Mittel dafür und sind auch nicht für ihre Friedfertigkeit bekannt. In Berlin kam es schon häufiger vor, dass sie ihre Fehden untereinander mit Fäusten und Macheten auf der Straße austragen haben. Allein in Nordrhein-Westfalen sollen 104 türkisch- und arabischstämmige Großfamilien zwischen 2016 und 2018 über 14.000 Straftaten begangen haben. Das geht aus dem deutschlandweit ersten Lagebild zur Clankriminalität hervor. Drogenhandel, Prostitution, Erpressung, Diebstahl, Betrug - es ist alles dabei. Und ihre Spuren verwischen sie mit Geldwäsche.

Trotzdem machen Polizei und Staatsanwaltschaft langsam aber sicher Fortschritte. Im Sommer 2018 hat die Berliner Justiz 77 Immobilien der Großfamilie Remmo - manchmal auch Rammo - im Wert von mehr als neun Millionen Euro beschlagnahmt. Bei allen besteht der Verdacht, dass sie für Geldwäsche genutzt wurden. Bisher sind alle Versuche der Besitzer, sich juristisch gegen die Maßnahmen zu wehren, gescheitert. Auch dank einer Gesetzesänderung: Seit drei Jahren müssen die Beschuldigten beweisen, dass sie ihr Vermögen legal erworben haben. Vorher war es umgekehrt.

"Kurzfristiges Anrennen reicht nicht"

Solche Erfolge produzieren aber nur kurzzeitig positive Schlagzeilen und rufen Zufriedenheit hervor, sagt Oberstaatsanwalt Knispel. "Um die Clan- oder organisierte Kriminalität zu besiegen, bedarf es großer Ausdauer. Da wird ein kurzfristiges Anrennen nicht ausreichen."

Es handelt sich um einen Marathon, für den der Justiz aus Sicht von Ralph Knispel derzeit das Personal fehlt. In der gesamten Strafverfolgung seien viele Stellen unbesetzt, sagt der Ermittler. Natürlich könne sich die Justiz auf den Kampf gegen Clans und Großfamilien konzentrieren, das führe sicherlich auch zu mehr Haftbefehlen und Verurteilungen. Aber dann fehlten Polizeikräfte in anderen Bereichen. Erst recht, wenn die Polizei jetzt auch dabei hilft, Corona-Vorschriften wie die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen zu kontrollieren.

Aber das fehlende Personal ist aus Sicht von Ralph Knispel nur eines von vielen Problemen. Es mangelt auch an der technischen Ausstattung. Die Clans sind dem Staat "vielfach in ganz weiten Bereichen überlegen", sagt er. Rechtlich könnte die Polizei zum Beispiel Telefone, Nachrichtenapps und das Internet von verdächtigen Mitgliedern verschiedener Großfamilien überwachen, aber dafür fehlt ihr das Equipment.

"Capital hat keine Angst vor ein paar Arabern"

Dabei gibt es viel zu tun: Allein im vergangenen Jahr hat die Berliner Polizei bei 382 Einsätzen im Bereich der Clankriminalität 322 Lokale, 190 Shisha-Bars, 60 Wettbüros, 25 Friseure und 11 Juweliere kontrolliert. Denn gerade in Geschäften, in denen häufig bar gezahlt, aber selten eine Rechnung verlangt wird, lassen sich die Einnahmen ganz leicht künstlich nach oben "korrigieren". Wer in seiner Nachbarschaft über Monate hinweg eine dauerhaft leere Shisha-Bar sieht, darf der Polizei gerne einen Tipp geben. Dicke Autos, aber wenig Kunden können ein Indiz für Geldwäsche sein. Ein schlechtes Gewissen muss in so einem Fall niemand haben: "Damit denunziert man niemanden", sagt Oberstaatsanwalt Knispel. "Gesetzt den Fall, Sie zeigen das an, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bestätigt sich der Verdacht, dann haben sie hilfreiche Angaben gemacht. Wenn man feststellt, dass Sie sich geirrt haben, passiert demjenigen, der kontrolliert wird, aber auch nichts weiter."

So, wie das ein anderer erfolgreicher Rapper aus dem Bereich der Großfamilien getan hat. Capital Bra ist im vergangenen November zur Polizei gegangen, als Mitglieder des libanesischen Miri- und des tschetschenischen El-Zein-Clans versucht haben sollen, eine halbe Million Euro und eine Gewinnbeteiligung an seinen Musikeinnahmen von ihm zu erpressen. "Was soll ich sagen: Capital hat keine Angst vor ein paar Arabern", hat der 25-Jährige wenige Tage später in einem neuen Song gerappt. Hoffentlich, denn Berliner Medien berichten übereinstimmend, dass Capital Bra im Prozess zwischen Bushido und Arafat Abou-Chaker als Zeuge geladen ist.

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Quelle: ntv.de