Panorama

Collegium Russicum im Vatikan Missionare oder Spione im Talar?

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Das Gebäude des Collegium Russicum in der Via Carlo Cattaneo 2/A.

(Foto: LPLT/Wikimedia Commons)

Die Frage, ob das Päpstliche Collegium Russicum im Vatikan Missionare oder Agenten ausbildet, ist so alt wie das Kolleg selbst. Gerade deswegen hofft man jetzt, dass es zu Friedensgesprächen zwischen Moskau und Kiew beiträgt.

Vom Päpstlichen Collegium Russicum in Rom wissen nur wenige Gläubige. Das Kolleg befindet sich im Herzen der Ewigen Stadt, in unmittelbarer Nähe zur Basilika Santa Maria Maggiore. Gegründet wurde es 1929 unter Papst Pius XI. und wird bis heute von den Jesuiten getragen. Ursprüngliches Ziel dieser Institution war es, Missionare auszubilden, die bereit waren, in die Sowjetunion zu reisen, um dort den katholischen Glauben am Leben zu halten. Für die Bolschewiken war es wiederum ein Ausbildungsort des Vatikans für Spione.

Vieles hat sich mittlerweile geändert. Das Russicum sei eine überalterte Institution, meint der Jesuit Germano Marani, Professor an der Päpstlichen Universität Gregoriana und Mitglied des Kollegs im Gespräch mit ntv.de. Seit 2016 ist das Collegium Russicum Teil der päpstlichen Universität Gregoriana. "Heute fokussiert sich unser Bestreben auf die ökumenische Verständigung unter den christlichen Kirchen. Die ursprüngliche Bestimmung mag überholt sein, seine Vermittlerrolle aber nicht. Und gerade wird das Kolleg als möglicher Brückenbauer zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat gesehen.

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Kyrill I. und Papst Franziskus bei einem digitalen Austausch Mitte März.

(Foto: picture alliance/dpa/Vatican Media)

Denn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat auch die Beziehungen zwischen dem Papst und dem russischen Patriarchen zerrüttet. Franziskus verurteilt den Krieg, spricht von Gräueltaten und Massakern und dem leidgeprüften ukrainischen Volk. Kyrill I. steht stattdessen an der Seite von Präsident Wladimir Putin und rechtfertigt die "Spezialoperation", wie der Angriffskrieg in Russland heißt, als "metaphysischen Kampf" des Guten gegen das Böse und den westlichen Verderb.

Brückenbau zwischen Franziskus und Kyrill I.

Wie stark sich die Fronten zwischen den zwei Kirchen verhärtet haben, kann man daraus entnehmen, dass das im Juni in Jerusalem vorgesehene Treffen von Franziskus und Kyrill I., fürs Erste abgesagt ist. Ende voriger Woche ließ der Papst in einem Interview mit der argentinischen Zeitung "La Nacion" wissen: "Unsere Diplomaten sind zum Schluss gekommen, dass ein Treffen zu dem jetzigen Zeitpunkt für viel Verwirrung sorgen könnte."

Der Entschluss ist nachvollziehbar, macht aber stutzig. Dafür, dass der Papst immerfort den Dialog heraufbeschwört, hört sich die Absage fast schon wie eine Kapitulation an. Doch Diplomatie heißt auch Arbeit hinter den Kulissen, und da könnte das Kollegium ins Spiel kommen oder schon gekommen sein.

Laut "il venerdì", der Wochenbeilage der Tageszeitung "la Repubblica", richten sich gerade viele Blicke auf das Russicum. Das Kolleg besitzt einzigartige Russlandkenntnisse und -kontakte. Deswegen könnten hier auch die Grundlage für Friedensgespräche zwischen Katholiken und Russisch-Orthodoxen geschaffen und die Weichen für friedensorientierte Gespräche zwischen Moskau und Kiew gestellt werden.

Auch Kyrill I. ging im Russicum ein und aus

Dass die Versöhnung zwischen den beiden Kirchen in diesem Krieg eine Rolle spielen könnte, ist weniger weit hergeholt als es scheinen mag. Nicht zuletzt wegen des engen Verhältnisses zwischen Putin und Kyrill I. In der Breschnew-Ära ging Nikodim, damaliger Metropolit von Leningrad, im Russicum ein und aus. Begleitet wurde er von seinem jungen Assistenten Wladimir Michailowitsch Gundjajew, dem späteren Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I.

Um zu verstehen, warum das Kolleg eine so wichtige Rolle einnehmen könnte, muss man in die Geschichte dieser Institution zurückblicken. Als die Bolschewiken die Macht in Russland übernahmen, gehörte es zu Lenins vorrangigen Zielen, alle Glaubensgemeinschaften im Land auszurotten. Besonders verhasst waren ihm die orthodoxe und die katholische Kirche, weswegen ihre Vertreter allesamt entweder in die Gulags geschickt oder ermordet wurden.

1927 gab es in der Sowjetunion keinen freien katholischen Priester mehr. Um den katholischen Glauben im Land trotzdem zu erhalten, wurde das Kolleg Russicum gegründet. In diesem wurden die Priester nicht nur in orthodoxer und byzantinischer Liturgie, sowie in der russischen Sprache unterrichtet, sondern lernten auch die Fundamente der sowjetischen Ideologie. Die Priester wussten, dass sie sich mit ihrem Entschluss in die Sowjetunion zu begeben, auch großer Gefahr aussetzten. Nichtsdestotrotz "herrschte unter den Missionaren ein gewisser Enthusiasmus, nach Russland zu gehen, um das Evangelium zu verkünden und notfalls dafür zu sterben", erzählt der Jesuitenpater Ludwig Pichler im italienischen Dokumentarfilm "Russicum le spie del Vaticano" (Russicum, die Spione des Vatikans). Pichler ist selbst Mitglied des Russicum.

Für die Sowjets war das Kolleg ein Affront, über das man aber bestens Bescheid wusste. Und so ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie im Laufe der Jahre dort den einen oder anderen Agenten einschleusten. Ob auch Kyrill I ., der für den KGB arbeitete, zu diesen zählte, ist nicht belegt. Die These des Spionagenetzes nahm auch der italienische Regisseur Pasquale Squitieri als Grundlage seines jedoch allzu klischeehaften Films "Russicum".

Nicht wieder ein Bruch wie einst zwischen Juden und Christen

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Heute geht es dem Jesuitenpater Marani und somit dem Kolleg aber um etwas ganz anderes. "Dieser Krieg, mit seinen Gräueltaten, wird dieselbe Auswirkung haben, wie Auschwitz zwischen den Christen und den Juden." Nichts werde mehr so sein wie früher, sagt er "il venerdì" im Interview. Deswegen stehe das Kolleg heute mehr denn je "für gemeinsame Initiativen, die Schritt für Schritt zu einer wahrhaftigen und tiefen Hoffnung auf Frieden zwischen den Kirchen führen", fügt er im Gespräch mit ntv.de hinzu.

Man mag Zweifel hegen, dass die Verständigung zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat auch zum Waffenstillstand führen kann, es darf aber nichts unversucht bleiben, damit das Leid der Ukrainer ein Ende findet.

(Dieser Artikel wurde am Montag, 25. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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