"That's why the Lady is a Champ"Collien Fernandes: "Ich habe Lust auf einen Neuanfang"
Von Sabine Oelmann 
Zum Kinostart von "That's why the Lady is a Champ" geht Collien Fernandes auf die Barrikaden. Und auf Kinotour: Im Zuge des Filmstarts klärt sie über Frauenrechte und häusliche Gewalt auf. Mit ntv.de spricht sie über Hoffnung und ob Vergebung möglich ist.
Was passiert, wenn Gewalt dort stattfindet, wo eigentlich Vertrauen herrschen sollte? Zu Hause? Im Sportverein? In der Ehe? Welche Warnzeichen gibt es? Und warum bleiben Frauen bei ihren Peinigern, warum schweigen sie, wo finden sie Hilfe? Wie können sie sich aus einer toxischen Beziehung befreien? Diese Fragen stehen nicht erst seit #metoo, Epstein, Weinstein und wie sie alle heißen, die Frauen missbraucht und abhängig gemacht, gequält oder (fast) ermordet haben, im Raum. Nein, diese Fragen stellen sich, seit es Frauen und Männer gibt.
"That's why the Lady is a Champ" erzählt die Geschichte einer Frau, die fast gestorben wäre, weil ihr machtbesessener, kontrollsüchtiger, toxischer Ehemann ihren Erfolg, ihre Eigenheiten, ihre Selbstständigkeit, ihre Vorstellungen und Wünsche nicht aushalten konnte. Es ist die wahre Geschichte von Christy Martin, die in den 1990er Jahren zur bekanntesten Boxerin der Welt aufstieg und es als erste Frau auf den Titel der "Sports Illustrated" schaffte. Doch während Christy im Ring triumphierte und 49 Siege holte, war ihr Privatleben von Kontrolle und Gewalt durch ihren damaligen Trainer und Manager - der zu allem Übel auch noch ihr Ehemann wurde - geprägt. Wie es dazu kommen konnte, erzählt der Film auf verständnisvolle und augenöffnende Art und Weise.
Am Ende kämpfte Christy Martin ums nackte Überleben. Dass ihr "Ende" dann zu einem Anfang werden konnte, gibt Hoffnung. Sie wird in diesem bewegenden Film mit einer überragenden Performance von Sydney Sweeney verkörpert: "Ich wollte dieses Projekt unbedingt: Mitproduzieren, mitwirken, Christys Geschichte erzählen. Denn Christy möchte, dass wir Leben retten - und ich wollte ein Teil davon sein."
Keine Hilfe weit und breit
Sweeney hat sich wahrlich ins Zeug geschmissen: Sie hat sich nicht nur etliche Pfunde angefuttert, trainiert wie eine Besessene, unzählige blutige Nasen kassiert (und verteilt), ihr Geld in den Film gesteckt - nein, sie ist auch vollkommen in ihrer Rolle aufgegangen.
Christy Martin hat nach ihrer Karriere und nach der Zeit, in der sie schlicht um ihr Leben kämpfen musste, eine Organisation gegründet, "Christy's Champs". Sie unterstützt Betroffene und Überlebende häuslicher Gewalt mit Aufklärung, Vernetzung, Beratung und Hilfsangeboten. Denn - wie Christy schmerzlich feststellen musste - nicht mal in ihrem engsten familiären Umkreis bekam sie die Hilfe, die sie gebraucht hätte: eine Mutter, so homophob wie verlogen; ein Vater, zu schwach, seiner Frau zu widersprechen.
Christy Martins Story geht auch an Collien Fernandes nicht spurlos vorüber: Seit Offenlegung der mutmaßlichen Taten ihres Mannes Christian Ulmen ist sie eine unermüdliche Kämpferin für Frauenrechte und Aufklärung. ntv.de verrät sie, was sie am meisten berührt an dem Film: "Die Ambivalenz der Hauptfigur, die man so deutlich spürt: Sie hat zum einen diese starke Persönlichkeit, zum anderen ist sie die Person, die krass unter häuslicher Gewalt leidet."
Dieser Film zeigt, dass das miteinander einhergehen kann, und Fernandes fährt fort: "Was viele nicht verstehen oder sich nicht vorstellen können ist, dass wenn eine Frau stark auftritt, sie in den Augen vieler Menschen ja kein Opfer sein kann. Und hier haben wir DAS Beispiel dafür: Eine Boxerin, die eine Frau nach der anderen vermöbelt und trotzdem nicht gegen ihren Partner ankommt. Eine Frau, die zeigt, dass sie stark und schwach zugleich sein kann."
Schweigen schützt Täter, das ist bekannt. Aber wenn eine Frau, die ihr Geld damit verdient hat, Gegnerinnen K.o. zu schlagen, es nicht schafft, sich gegen ihren gewalttätigen Ehemann zu wehren, wie sollen es dann "normale" Frauen schaffen? Fernandes: "Wir müssen diese Taten aus dem Dunkelfeld holen. Vom Staat verlangen, dass funktionierende Systeme geschaffen werden, mit unkomplizierten Hilfsmöglichkeiten, wirksamen Gesetzen und gesellschaftlicher Aufklärung - dieser Film trägt dazu bei."
Deshalb begleitet Fernandes den Kinostart in Deutschland: "Hier sollte niemand nach Hause gehen, ohne zu wissen, wo es Hilfe gibt."
"Typisches" Opferverhalten
Christy ist tatsächlich sehr selbstbewusst: In Pressekonferenzen, in Interviews, vor den Kämpfen, hat sie, einhergehend mit ihrem Erfolg, immer frechere Sprüche drauf, provoziert ihre Gegnerinnen, die sich von ihr umhauen lassen wie die Fliegen. "Ja, sie hat in der Öffentlichkeit eine große Klappe", lacht Fernandes, "und ist dennoch so verletzlich in einem anderen Bereich. Das ist hoffentlich das Learning, dass alles Hand in Hand gehen kann. Viele Menschen haben eine vollkommen falsche Vorstellung davon, wie Opfer sich verhalten."
Sie weiß das aus Erfahrung und ergänzt: "Mir schreiben gerade so viele Frauen. Ich lese jede einzelne Nachricht. Sie schildern mir, dass sie genau dieses Feedback bekommen: Sie würden sich gar nicht wie ein Opfer verhalten." Wie verhält sich denn ein Opfer, fragt man sich? Schwach, zitternd, weinend, klein, unsicher? Collien Fernandes: "Das zeigt doch ganz klar, dass wir gesellschaftlich eine vollkommen falsche Vorstellung von Opferverhalten haben, oder?"
"Was DU getan hast!"
Fernandes hat angefangen, sich stark zu machen - für sich und für andere Frauen. Sie hat inzwischen Vorbildfunktion und wird dafür gefeiert. Sie wird aber auch dafür gehasst: Gehasst dafür, ihrem Mann die Karriere und ihrem Kind den Vater "vermiest" zu haben. Es ist bekannt, was Christian Ulmen getan haben soll - und es ist absurd, dass man ihr einen Strick daraus dreht. Es ist ebenso absurd, dass die Männer, die die Fake-Videos, die wohl aus dem Hause Ulmen stammen, deren Inhalt eine gefakte Collien Fernandes in unmissverständlichen Posen und Anliegen zeigen, sich nicht längst öffentlich bekennen und ihre Mitschuld einräumen und dass sie sich damals nicht sofort bei ihr gemeldet haben. Dieser Zug ist natürlich abgefahren.
Fernandes hat momentan keinen oder kaum Kontakt zu ihrem Kind - ein weiterer "Beweis" für die, die sagen, sie hätte den Mund nicht so aufreißen sollen. Wie hält sie das aus? "Ich schlafe wenig, bin ständig unter Strom, und es fühlt sich so ungerecht an, weil der Hass nicht auf Tatsachen beruht", sagt Fernandes ntv.de. "Der Hass rührt ja daher, dass Leute meinen, ich würde lügen. Wobei das Gegenteil der Fall und sogar belegt ist!"
Die altbekannte Täter-Taktik - leugnen, schweigen, diffamieren - funktioniert. "Dazu gibt es inzwischen mehrere Gerichtsurteile", sagt Fernandes, "dennoch versucht der Täter nach wie vor, es so wirken zu lassen, als würde ich lügen und gibt permanent Pressemitteilungen raus, die entweder Falschbehauptungen enthalten oder so klingen, als sei er in der Sache entlastet worden und als habe ich die Unwahrheit gesagt." Kurzes Zögern: "Wenn Leute mich hassen wollen, können sie das gerne tun - aber bitte aus Gründen, die der Wahrheit entsprechen."
Und bei all dem, was sie gerade durchmacht, schafft sie es, hier und da zu lachen, andere aufzumuntern, ihnen beizustehen, ihre Stimme zu sein. Das ist unglaublich stark. "Ich würde mich gar nicht als stark bezeichnen", wiegelt sie ab, "aber zumindest ist mein Kampfeswille zurück. Ich komme einfach nicht mit Ungerechtigkeiten klar. Ich glaube, es liegt an meinem Gerechtigkeitssinn, der ist sehr ausgeprägt. Sobald sich etwas ungerecht anfühlt, muss ich rausgehen und es geradebiegen", lacht sie. "Egal, ob es um mich oder um andere geht. Mein Gerechtigkeitssinn treibt mich an. Und im Bereich des Gewaltschutzes sind wir einfach auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Täter werden juristisch kaum zur Rechenschaft gezogen. Hier muss sich dringend etwas ändern."
Ist Gewalt gegen Frauen inzwischen so normalisiert, dass wir kaum noch mit der Wimper zucken? Warum gehen Frauen so spät an Öffentlichkeit, wenn ihnen Gewalt widerfahren ist? Vielleicht, weil sie aus lauter Scham erst später den Mut finden? Weil sie alles verarbeiten müssen, weil ihnen sowieso niemand glaubt? Weil sie Angst vor weiterer Gewalt haben? Vor einer Gewalt, die so komplex ist und oft nicht körperlich, sondern mit Beleidigungen, Erniedrigungen beginnt, die dann durch schöne Momente, Geschenke, Versprechungen "wiedergutgemacht" werden. Frauen wollen so unbedingt glauben, dass es besser wird. Denn bis eine Frau bereit ist, alles aufzugeben, was ihr Leben ausmacht - Kinder, soziale Sicherheit, Familie, Freundeskreis, Ansehen - kann viel Zeit vergehen.
"Wünsche mir einen Neuanfang"
Auf die Frage, ob sie verzeihen kann, sagt Collien Fernandes: "Grundsätzlich ja, aber in manchen Fällen nicht." Und ob sie je wieder vertrauen kann? "Ja! Das kann ich auf jeden Fall!" Auf die Frage, was ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft sind, überlegt sie nicht lange und sagt: "Ich würde gern noch mal einen Neuanfang wagen. Einen Neuanfang, in dem alles normal und gesund läuft, und keine toxischen Dinge passieren."
Das ist stark, ob sie es nun will oder nicht. Stark wie Christy Martins Leistungen als Pionierin im Frauenboxsport und Sydney Sweeneys Darstellung in "That's why the Lady is a Champ", der seit dem 3. September in den deutschen Kinos läuft und den hoffentlich auch sehr viele Männer sehen. Und Frauen, die wissen, was sie sich nicht mehr, nie wieder, gefallen lassen.
Hier können Sie sich Hilfe holen: Terres des Femmes, S.I.G.N.A.L., B.I.G., Hilfetelefon.