Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Manche Patienten liegen 150 Tage auf Intensivstation"

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Uwe Janssens, hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Nele Balgo, ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

Die Intensivbettenbelegung durch Covid-Patienten sinkt, doch durch Omikron dürfte es noch einmal voll werden, fürchtet Intensivmediziner Janssens. Bei ntv berichtet er von der Belastung: "Wir hatten in den letzten Jahren und Jahrzehnten kein Krankheitsbild in dieser Menge auf Intensivstationen."

ntv: Die Zahl der Intensivpatienten sinkt seit Tagen. Ist das nur die Ruhe vor dem Omikron-Sturm in den Kliniken?

Uwe Janssens: Das ist zunächst einmal ein gutes Zeichen. Es deutet auch darauf hin, dass in den letzten Wochen in Deutschland alle an einem Strang gezogen haben. Uns ist es tatsächlich - im Gegensatz zu anderen Ländern - gelungen, die Ausbreitung der Omikron-Variante zunächst einmal zurückzudrängen. Aber jetzt gab es erstmalig über 100.000 Neuinfektionen an einem Tag. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir in den nächsten Wochen, also bis Mitte Februar, einen deutlichen Anstieg der aufgenommenen Patienten im Krankenhaus und dann auch in der letzten Konsequenz auf den Intensivstationen haben werden. Aber die gute Nachricht ist: Wir wissen mittlerweile, dass die Rate der im Krankenhaus aufgenommenen Patienten, die dann auf eine Intensivstation kommen, deutlich niedriger ist, als bei der Delta-Variante.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, hat gesagt, dass er wegen der abnehmenden Zahl der Intensivpatienten zuversichtlich ist, was die nächsten Wochen angeht. Gleichzeitig aber sieht in einigen Bundesländern, dass sich die normalen Stationen so langsam mit Omikron-Patienten füllen. Wie passt das zusammen?

Herr Gaß hat ja ganz gezielt auf die Intensivstationen in seiner Bewertung abgehoben. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat - wie auch andere Fachgesellschaften - in den letzten Tagen darauf hingewiesen, dass auf den normalen Stationen eine Belastung droht. Das zusätzliche Problem wird sein, dass die Anzahl der Mitarbeitenden auf den Normalstationen und Intensivstationen jetzt auch in das hohe Infektionsgeschehen einbezogen werden, indem sie selber in eine Isolation wegen Infektionen müssen. Das ist ein Problem, das wir in dieser Welle noch deutlicher sehen werden aufgrund der hohen Infektionszahlen und der hohen Ansteckungsfähigkeit.

Auf den Intensivstationen liegen ja auch noch relativ viele Patienten aus der vierten Welle. Wie lange sind die Patienten denn eigentlich im Durchschnitt bei Ihnen auf der Station?

Es gibt tatsächlich Patienten, die liegen 100 bis 150 Tage auf einer Intensivstation. Und das in einer Quantität, die wir zuvor nie beobachtet haben, weil wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten kein singuläres Krankheitsbild in dieser Menge auf Intensivstationen hatten. Und wenn wir nur 10 bis 20 Prozent Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation haben, blockieren diese Patienten, um das mal so ein bisschen unschön auszudrücken, Betten über viele, viele Wochen und binden auch gleichzeitig sehr viel Personal.

In einigen Kliniken werden schon wieder Operationen verschoben. Welche Patienten betrifft das genau und wie viele sind es? Gibt es da genaue Daten zu?

Bundesweit gibt es da keine klaren Daten. Dazu haben wir schon Ende vergangenen Jahres einen Hilferuf von der Deutschen Krebsgesellschaft aus Heidelberg gehört, die darauf hingewiesen haben, dass wichtige Krebsoperationen verschoben werden. Was bedeutet das? Ich verschiebe eine Operation, bei der ich davon ausgehe, dass der Patient oder die Patientin danach auf einer Intensivstation behandelt werden muss. Diese Operationen, die die Kollegen aus den verschiedenen Fachbereichen verschieben, dürfen natürlich nicht zulasten des Patienten gehen. Es muss also sichergestellt sein, dass der Patient durch die Verschiebung der Operation keinen Schaden erleidet. Wir haben natürlich ganz große Sorge - und in weltweiten Daten sehen wir das schon, dass es bei Tumor-Operationen zu Verschiebungen von bis zu 30 Tagen kommt. Verschiebungen finden vor allem bei harten Lockdowns statt. Wir haben aber noch keine eindeutigen Daten, dass diese Verschiebungen dazu führen, dass sich Tumorleiden so weit im Körper der betroffenen Menschen ausbreiten können, dass ein echter langfristiger Schaden für die Patienten entsteht. Aber das Risiko besteht.

Sie befürchten, dass auch viele Mitarbeiter in den Kliniken erkranken. Wie viel Personal darf maximal fehlen, damit die Patientenversorgung noch gewährleistet ist? Und wann rechnen Sie damit?

Ja, wann wird es kritisch? Wir haben Pflegepersonaluntergrenzen in bestimmten vulnerable Bereichen wie zum Beispiel Intensivstationen. Eine Krankenschwester darf demnach zwei Patienten in der Tagesschicht betreuen. Wenn uns nur 10 bis 20 Prozent in einer Schicht wegfallen, bedeutet das, dass wir diese Grenzen nicht mehr halten können oder umgekehrt Betten schließen müssen. Und diese Bettenschließungen führen dann dazu, dass wir relativ bald wieder aus dem Regelbetrieb aussteigen müssen. Wir sehen auch auf den Normalstationen, dass Personal fehlt, zum Beispiel bei mir: Eine Station hat schon 20 bis 25 Prozent Personalausfälle insgesamt und das bedeutet eine Einschränkung in der Gesamtversorgung der Patienten und eine Zusatzbelastung für diejenigen, die weiter arbeiten.

Lassen Sie uns noch kurz über die Impfpflicht sprechen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat bei "RTL direkt" gesagt, dass er eine Impfpflicht spätestens ab Mai haben möchte. Wie würde sich diese Impfpflicht denn auch in den Kliniken auswirken?

Eine Impfpflicht für die verbliebenen nahezu 30 Prozent der Bevölkerung, die noch nicht geimpft sind, hätte für den Augenblick überhaupt keine Bedeutung. Sie müssen die erste Impfung machen, dann müssen die zweite Impfung und dann, weil wir ja die Omikron-Variante haben, noch eine dritte Impfung hinterher schieben. Der Impfeffekt auf die Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen mit Intensivpflichtigkeit würde sich frühestens im Herbst dieses Jahres zeigen.

Mit Uwe Janssens sprach Nele Balgo

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 19. Januar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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