Panorama

Ende aller Corona-Maßnahmen Dänemark könnte ein Vorbild sein

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Für die Dänen wir das Leben bald (noch) unbeschwerter.

(Foto: imago images/Dean Pictures)

Am 10. September beendet Dänemark trotz hoher Inzidenzen alle Corona-Maßnahmen. Es kann sich diesen Weg erlauben, denn das Land managt die Krise viel souveräner als sein Nachbar Deutschland.

Während Deutschland besorgt auf Herbst und Winter blickt und über 2G- und 3G-Regelungen oder die Hospitalisierungsrate als neuen Leitwert diskutiert, hebt Dänemark am 10. September alle Corona-Beschränkungen auf. Das wirkt auf den ersten Blick sehr riskant, doch unsere Nachbarn gehen kein unkalkulierbares Risiko ein, sondern handeln sehr überlegt und konsequent. Deutschland könnte sich daran ein Beispiel nehmen, aber dazu fehlen die entscheidenden Voraussetzungen.

Schon im März öffnete Dänemark nach einem harten Lockdown wieder die Geschäfte und machte einen Plan, wie es in den kommenden Monaten aus der Krise herauskommen wollte. Das Ziel war klar gesteckt, Ende Juni sollten alle Corona-Schranken fallen.

Es hat etwa länger gedauert als geplant, die Delta-Variante machte eine Anpassung der Strategie nötig. Aber auch das war einkalkuliert, denn die staatliche Gesundheitsbehörde Statens Serum Institut (SSI) nimmt regelmäßig Risikobewertungen vor, um den Überblick über die Pandemie zu bewahren.

72 Prozent vollständig geimpft

Der ursprüngliche Plan war, alle Maßnahmen zu beenden, sobald alle über 50-Jährigen geimpft sind. Angesichts der neuen Situation durch die aggressivere Virus-Variante trat Dänemark etwas auf die Bremse, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren. Jetzt sind dort bereits rund 72 Prozent der Gesamtbevölkerung beziehungsweise fast 82 Prozent der Impfberechtigten vollständig geimpft. Damit sei die Epidemie unter Kontrolle und gelte nun nicht mehr als Bedrohung für die Gesellschaft, sagt Gesundheitsminister Magnus Heunicke.

Eine Aussage, die Jens Spahn noch länger nicht treffen könnte, falls er dazu bei einer entsprechenden Impfrate bereit wäre. Denn in Deutschland genießen bisher nur etwa 61 Prozent der Gesamtbevölkerung beziehungsweise rund 68 Prozent der über 12-Jährigen den vollständigen Impfschutz.

Gewaltiger Unterschied bei über 60-Jährigen

Besonders ins Gewicht fallen dabei die Quoten der älteren und damit besonders gefährdeten Altersgruppen. So sind in Dänemark laut SSI-Dashboard knapp 95 Prozent der über 60-Jährigen durchgeimpft, in Deutschland sind es nur rund 83. Der Unterschied ist umso gewaltiger, wenn man berücksichtigt, dass Deutschland mit einem Median von 45,9 Jahren die zweitälteste Bevölkerung der EU hat. Nur Italien ist mit 47,2 Jahren noch älter. Dänemark hat einen Altersmedian von 42,1.

In der Bundesrepublik sind knapp 24,1 Millionen Menschen älter als 60 Jahre. Das heißt, rund vier Millionen von ihnen sind noch gar nicht oder nur unzureichend vor Covid-19 geschützt. Allein schon deshalb würde ein Ende der Corona-Maßnahmen in Deutschland vermutlich in einer Katastrophe enden.

Ginge man wie Dänemark mindestens davon aus, dass so weit wie möglich alle über 50-Jährigen geimpft sind, sieht es hierzulande wahrscheinlich kaum besser aus, die genaue Situation geben die RKI-Zahlen allerdings nicht her. Man weiß nur, dass bisher 62,2 Prozent der 18- bis 59-Jährigen vollständig geimpft sind. In Dänemark sind etwa 92 Prozent der Frauen zwischen 50 und 59 Jahren durchgeimpft, bei den Männern knapp 91 Prozent.

Auch in den Altersgruppen darunter ist unser Nachbarland weit vorne. Rund 85 Prozent der 40- bis 49-Jährigen sind dort bereits vollständig geschützt, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es etwa 68 Prozent und rund 69 Prozent bei den Dänen von 20 bis 29 Jahren. Und obwohl sie erst seit dem 19. Juli die 12- bis 15-Jährigen impfen, haben unsere Nachbarn bei den 10- bis 19-Jährigen schon eine Quote von etwa 50 Prozent erreicht. In Deutschland sind bisher 21,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen durchgeimpft.

Hohe Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen

Trotz der hohen Impfquote hat Dänemark mit 105 Infektionen pro 100.000 Einwohner eine höhere Sieben-Tage-Inzidenz als Deutschland, wo sie bei knapp 76 liegt. Das bedeutet, dass sich dort aktuell in den Altersgruppen mit niedrigerer Quote besonders viele Menschen anstecken. Wie hierzulande sind das besonders Kinder und Jugendliche. Rund 43 Prozent der 6768 Infizierten der vergangenen sieben Tage war jünger als 20 Jahre, mit 1599 Ansteckungen fanden mit Abstand die meisten Infektionen bei den 10- bis 19-Jährigen statt.

Doch auch 1000 Dänen über 50 Jahre haben sich in der vergangenen Woche mit Sars-CoV-2 angesteckt. Darunter dürften auch etliche Geimpfte sein, was bei einer so hohen Impfquote wie in dieser Altersgruppe in Dänemark zu erwarten ist.

Hospitalisierungen steigen bisher nur leicht

Entsprechend haben in den vergangenen Wochen in dem Land auch die Hospitalisierungen zugenommen. So stieg der dänischen Statistikbehörde zufolge die Zahl der Covid-19-Patienten vom 1. bis zum 24. August von 57 auf 131. Davon lagen 20 auf Intensivstationen, am Anfang des Monats waren es 8. Die Zahl der Intensivpatienten, die beatmet werden mussten, blieb im gleichen Zeitraum praktisch unverändert, am 1. August waren es sieben, am 24. zählte die Behörde sechs.

Noch deutlicher wird der Unterschied der aktuellen Situation in Dänemark zur Winterwelle, wenn man die Zahl der Corona-Toten betrachtet. Seit Mitte März bewegt sich der Sieben-Tage-Durchschnitt zwischen einem und drei bestätigten Covid-19-Todesopfern, gestern lag er bei zwei Fällen.

Die Fall-Sterblichkeitsrate, die das Verhältnis der Anzahl der Todesfälle zu der Anzahl der Infektionen im Sieben-Tage-Schnitt angibt, steigt in Dänemark zwar leicht an. Sie liegt mit 0,23 Prozent allerdings noch unter der deutschen, die aktuell 0,36 beträgt.

Regierung bleibt wachsam

Bei der günstigen Entwicklung muss es nicht bleiben, das weiß auch die dänische Regierung und ihre Gesundheitsbehörde. So schrieb das SSI schon im März, dass das Land jederzeit in der Lage sein müsse, schnelle Gegenmaßnahmen zu ergreifen, falls sich die Lage verschlechtere. Die Regierung werde rasch handeln, sollte das Coronavirus erneut die "wesentlichen Bereiche" des gesellschaftlichen Zusammenlebens bedrohen, sagte Gesundheitsminister Magnus Heunicke vergangenen Freitag.

Das SSI behält dabei auch Long Covid im Blick. Es befragt dafür seit Anfang August 600.000 Dänen nach Symptomen bis zu 18 Monate nach einer Corona-Infektion. Das Institut möchte mit dem Projekt "Efter-Covid" unter anderem herausfinden, wie groß das Problem tatsächlich ist und unter welchen Bedingungen Langzeit-Folgen auftreten.

Gesundheitssystem ist mächtig auf Zack

Dass es im Ernstfall rechtzeitig reagieren kann, ist dem Land zuzutrauen. Denn Dänemark hat eines der modernsten und effizientesten Gesundheitssysteme der Welt. Es wird aus Steuern und nicht aus Sozialabgaben finanziert und ist komplett in staatlicher Hand statt sich auf verschiedene Versicherungsgesellschaften zu stützen. Jeder, der in Dänemark gemeldet ist, ist auch automatisch in der nationalen Krankenversicherung versichert.

Die elektronische Patientenakte ist in Dänemark schon länger eine Selbstverständlichkeit. Dreh- und Angelpunkt ist das Gesundheitsportal sundhed.dk, das 2018 monatlich 1,7 Millionen Dänen besuchten. Mit der Geburt erhält jeder Däne eine persönliche Identifikationsnummer, über die er sich dort einloggen kann. Dort erhält er einen Überblick über seine gesamte Krankengeschichte, inklusive aller Diagnosen, Behandlungen, Operationen und Medikationspläne oder Laborwerte.

Mit der Zustimmung des Patienten können auch der Hausarzt oder Apotheker auf die Daten zugreifen. Das Portal wird außerdem für die Abrechnung von Gesundheitsdienstleistungen genutzt. Und Dänemark konnte darüber auch seine Impfkampagne in Höchstgeschwindigkeit starten, da es kein Problem war, Alte und vulnerable Personen zu identifizieren und gezielt anzuschreiben.

Dänemark hat es einfacher

Hinzu kommt, dass es nur 5,8 Millionen Dänen gibt, etwas weniger als die Einwohnerzahl von Hessen. Außerdem hat Dänemark nur eine Festlandgrenze und für Europa eine sehr junge Bevölkerung.

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Deutschland hat eine vergleichsweise alte Bevölkerung von 83 Millionen Einwohnern in 16 Bundesländern und liegt mitten in Europa. Es hat aber auch kein so effizientes Gesundheitssystem oder eine so hohe Impfquote, die es in die Lage versetzen könnte, ähnlich früh die Corona-Maßnahmen zu beenden wie Dänemark.

Die kommende Regierung könnte das Nachbarland aber als Beispiel nehmen, um das deutsche Gesundheitssystem ins 21. Jahrhundert zu bringen. Und kurzfristig kann sich der noch impfunwillige Teil der deutschen Bevölkerung ein Beispiel an den Dänen nehmen - es lohnt sich, wie man sieht.

Quelle: ntv.de

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