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Es werden immer mehr Wie oft kommt es zu Impfdurchbrüchen?

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Kein Covid-19-Vakzin schützt zu 100 Prozent - vor allem nicht gegen die Delta-Variante.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Berichte über Tausende Impfdurchbrüche lassen Zweifel an der Wirksamkeit der Covid-19-Vakzine aufkommen. Doch wie groß ist das Problem tatsächlich? Ein Blick ins Ausland zeigt, dass man es ernst nehmen muss, aber auch nicht überbewerten sollte.

Im RKI-Wochenbericht vom 12. August steht, insgesamt seien in Deutschland seit dem 1. Februar 2021 10.827 Impfdurchbrüche identifiziert worden. Das scheint eine sehr hohe Zahl zu sein, doch angesichts der in diesem Zeitraum erfassten 1.608.847 Neuinfektionen ist sie sogar sehr niedrig.

Allerdings spiegeln die registrierten Impfdurchbrüche die Realität nur sehr unvollständig wider, die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher. Das ist ein Problem. Denn um die Effektivität der eingesetzten Vakzine bestimmen zu können, ist es wichtig, die Quantität der Impfdurchbrüche möglichst genau einschätzen zu können.

Das RKI kennt das Problem der Untererfassung natürlich. Unter anderem fallen Krankheitsverläufe bei infizierten Geimpften oft sehr mild oder sogar asymptomatisch aus, weshalb viele Ansteckungen gar nicht bemerkt oder durch einen Test bestätigt werden. Möglicherweise wurde oder wird bei einem positiven Test auch nicht immer der Impfstatus korrekt erfasst.

Für Delta gelten neue Spielregeln

Außerdem spielte am 1. Februar die Delta-Variante (B.1617.2) noch keine Rolle, sondern die Alpha- und Beta-Mutanten (B.1.1.7 und B.1.351) bestimmten das Infektionsgeschehen. Erst Ende Mai setzte sich Delta rasch durch und ist jetzt für nahezu 100 Prozent der Ansteckungen verantwortlich. Fast zeitgleich ging die Impfquote nach oben.

Um einer Überschätzung der Wirksamkeit der Vakzine entgegenzuwirken, vergleicht das RKI wöchentlich den Anteil vollständig Geimpfter unter den Covid-19-Fällen mit dem Anteil vollständig Geimpfter in der Bevölkerung und bildet einen Mittelwert. Daraus ergibt sich aktuell eine Effektivität für alle Altersgruppen über 18 von 85 Prozent.

Das RKI mahnt allerdings zur Vorsicht. Trotz der Mittelwert-Berechnung könne "die aktuelle Dynamik sowohl in den Impfquoten als auch in den Infektionswahrscheinlichkeiten sowie ein möglicherweise unterschiedliches Testverhalten bei Geimpften und Ungeimpften zu Verzerrungen führen."

Dabei kann es auch einen Effekt der Unterschätzung geben, der mit ansteigenden Fallzahlen relevanter wird: Geimpfte verhalten sich unter Umständen riskanter als Ungeimpfte. Das heißt, sie gehen beispielsweise öfter auf Partys, treffen sich in Bars, halten allgemein seltener Abstand, weil sie sich sicher fühlen.

Nur aktuelle Zahlen interessant

Um die tatsächliche Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die jetzt vorherrschende Delta-Variante bestimmen zu können, sind zunächst nur die aktuellen Zahlen interessant. So gingen laut RKI vom 12. Juli bis 8. August 95 bis 97 Prozent der Impfdurchbrüche auf das Delta-Konto.

Im gesamten Erfassungszeitraum seit dem 1. Februar sind es bei den über 60-Jährigen nur 25 Prozent, bei den 18- bis 59-Jährigen 62 Prozent und bei den 12- bis 17-Jährigen 78 Prozent. Man erkennt hier unter anderem den Impffortschritt. Denn bei jüngeren Menschen konnte es kaum zu Impfdurchbrüchen mit Alpha kommen, da bis Juni nur wenige von ihnen geimpft waren.

Infektions-Statistiken mit Impfstatus fehlen

Um den Überblick zu behalten, wären Statistiken mit Infektionen nach Impfstatus wertvoll. Das RKI hat die Daten theoretisch, veröffentlicht sie bisher aber nicht. Man muss daher ins Ausland blicken. Relativ aufschlussreich sind monatliche Meldungen von Infektionen nach Impfstatus einiger US-Bundesstaaten, David Wallace-Wells von "Intelligencer" hat sie zusammengetragen.

In Michigan waren von den zwischen dem 15. Juni und dem 30. Juli registrierten Fällen 19,1 Prozent Impfdurchbrüche, in Delaware waren es vom 1. Juli bis 22. Juli 13,8 Prozent. Anfang Juni waren in Utah 8 Prozent der neuen Fälle Durchbrüche, bis Ende Juli stieg der Anteil mit der Verbreitung der Delta-Variante auf 20 Prozent.

Laut durchgesickerten Dokumenten der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurden Ende letzten Monats unter 162 Millionen geimpften US-Bürgern jede Woche 35.000 Durchbrüche registriert, was etwa 10 Prozent der Neuinfektionen entspricht. Dabei handelt es sich um symptomatische Erkrankungen, die Dunkelziffer könnte wesentlich höher sein.

Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen

Um einen genaueren Eindruck zu gewinnen, sind Studien nötig, die den Delta-Zeitraum abbilden. Es gibt sie, aber sie zeichnen kein einheitliches Bild. Eine kürzlich veröffentlichte Arbeit stammt von der Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE), die die Effektivität der Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca gegen die Delta-Variante mit der gegen die Alpha-Variante verglich.

Dieses Ergebnis ist recht ermutigend, denn der Biontech-Impfstoff zeigte nach zwei Dosen mit 88 Prozent nur einen etwas geringeren Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung als gegen die Alpha-Variante (94,7). Bei dem Astrazeneca-Vakzin sank sie von 74,5 auf 67 Prozent.

Ebenfalls aus Großbritannien stammt eine Vorab-Studie (Preprint) des Imperial College London im Rahmen der Langzeit-Beobachtung REACT-1. Hier untersuchten die Wissenschaftler 254 Proben aus einer Gruppe von 100.000 Menschen, deren Infektion nach einem Schnelltest per PCR bestätigt wurde. Die Sequenzierung ergab bei allen eine Ansteckung mit der Delta-Variante.

Es stellte sich heraus, dass 44 Prozent der Infektionen bei vollständig geimpften Personen auftraten. Letztendlich schätzen die Wissenschaftler den Schutz vor Ansteckungen bei 18- bis 64-Jährigen auf 49 Prozent ein, vor symptomatischen Erkrankungen auf 59 Prozent.

Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten mit zeitlichen Abständen zur Impfung zusammenhängen. Großes Aufsehen erregte eine Pressemitteilung des israelischen Gesundheitsministeriums Ende Juli. Denn demnach schützt der Biontech-Impfstoff vollständig Geimpfte nur noch zu 39 Prozent vor einer Infektion mit Covid-19. Die Effektivität gegen eine symptomatische Erkrankung beträgt ebenfalls nur noch 40 Prozent. Vor einer schwereren Erkrankung schützt der Wirkstoff aber mit 88 bis 91,4 Prozent nach wie vor sehr gut.

Schutz vor Ansteckung nimmt mit der Zeit deutlich ab

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Der Schutz vor schweren Erkrankungen bleibt hoch, das Ansteckungsrisiko steigt dagegen mit zunehmendem Abstand zur Zweitimpfung.

(Foto: Israel Ministry of Health)

Eine Grafik zeigt, dass die Durchbruch-Rate bei Personen, die bereits früh die zweite Dosis erhalten hatten, besonders hoch ist. Bei einer Zweitimpfung im Januar beträgt der Schutz vor einer Ansteckung nur noch 16 Prozent, fand sie im Februar statt, sind es 44 Prozent. Wer im März die zweite Spritze erhielt, ist noch zu 67 Prozent geschützt, April-Geimpfte haben ein um 75 Prozent geringeres Risiko als Ungeimpfte, sich zu infizieren.

Die Abnahme der Wirksamkeit von Covid-19-Vakzinen im Laufe der Zeit bestätigt auch ein neues Preprint der Universität Oxford. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass der Schutz vor einer Infektion 90 Tage nach der zweiten Impfung mit Biontech bei 75 Prozent und bei Astrazeneca bei 61 Prozent lag. Zwei Wochen nach der zweiten Dosis hatte dieser noch bei 85 Prozent beziehungsweise 68 Prozent gelegen.

Paradoxe Statistik bei schweren Erkrankungen

Jetzt werden die Zahlen aus Israel erneut heftig diskutiert. Den aktuell sieht es im Dashboard des Ministeriums so aus, als sei jetzt auch der Schutz vor schweren Erkrankungen deutlich gesunken. Die Grafik für die Gesamtbevölkerung ergibt aktuell, dass von 601 schweren Erkrankungen pro 100.000 Einwohner 333 vollständig geimpft sind, was einem Anteil von rund 55 Prozent entspricht.

Doch das ist kein Zeichen dafür, dass der Biontech-Impfstoff nicht mehr gut vor schweren Erkrankungen schützt, obwohl die Zahlen an sich richtig sind. Daten-Experte Jeffrey Morris erklärt dies in einem Blogpost. Weil fast 80 Prozent der israelischen Bevölkerung geimpft sind, normalisiert er zunächst die Impfquoten, indem er den Anteil pro 100.000 Menschen nimmt.

Daraus ergibt sich zunächst immer noch ein recht geringer Schutz vor einer Hospitalisierung von 67,5 Prozent. Man muss dann aber auch noch die Altersstruktur berücksichtigen. Ältere Menschen sind häufiger geimpft und haben grundsätzlich ein höheres Risiko für schwere Erkrankungen. Mehr als 85 Prozent der Ungeimpften sind jünger als 50 Jahre.

Es gilt also, die Altersgruppen getrennt zu betrachten. Und hier ergibt sich bei den Menschen unter 50 Jahren ein Schutz von mehr als 90 Prozent vor einer schweren Erkrankung, bei den über 50-Jährigen sind es mehr als 85 Prozent - so wie es auch das israelische Gesundheitsministerium mitgeteilt hat.

Dass die Impfwirkung für die Gesamtbevölkerung statistisch betrachtet relativ niedrig ausfällt, für die einzelnen Altersgruppen aber hoch ist, nennt man ein Simpson-Paradoxon. Das sollte man auch im Hinterkopf haben, wenn es heißt, jeder zehnte Covid-19-Patient auf Intensivstationen sei geimpft.

Man muss die richtigen Schlüsse ziehen

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Schutzwirkung der Impfstoffe gegen eine schwere Erkrankung sehr hoch bleibt. Der Schutz der Vakzine gegen eine Ansteckung ist bei der Delta-Variante grundsätzlich niedriger als bei den vorangegangenen Virus-Mutanten und sinkt im Laufe der Monate.

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Daraus ergibt sich, dass es entsprechend der fallenden Effektivität im Herbst und Winter mit steigenden Inzidenzen auch immer mehr Impfdurchbrüche geben wird. Je höher die Impfquote steigt, desto höher wird auch der prozentuale Anteil der Geimpften an den Infektionen sein. Theoretisch kann er bei vollständig geimpften Altersgruppen 100 Prozent betragen.

Es ist also nicht angebracht, die steigende Zahl der Impfdurchbrüche zu dramatisieren. Man muss sich aber von der Idee einer Herdenimmunität verabschieden und realistisch in die Zukunft blicken. Für den Berliner Virologen Christian Drosten heißt das beispielsweise, vulnerable Gruppen benötigen eine Auffrischung, andere vorerst nicht. Man muss aber auch überlegen, in welchen Situationen es auch für Geimpfte eine Testpflicht geben sollte. Denn nach einer Infektion können sie vorübergehend genauso ansteckend wie Ungeimpfte und damit eine Gefahr für vulnerable Gruppen sein.

Quelle: ntv.de

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