Panorama

Kann zu viel getestet werden? Darum sind Massentests problematisch

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Corona-Strategie made in Germany: Frühe Tests auf breiter Front, um dem Virus über Ketten infizierter Menschen hinweg möglichst auf der Spur zu bleiben.

(Foto: picture alliance/dpa)

In der Pandemiebekämpfung prescht Bayern vor und will als erstes Bundesland Corona-Tests für alle anbieten. Doch Wissenschaftler zweifeln an den erhofften Vorteilen von Massentests und warnen sogar vor möglichen Gefahren.

Kostenlose Corona-Tests für alle - auch wenn sie keine Symptome haben: Die Bayern bekommen, was andere nicht haben können. So kommt es zumindest in der Öffentlichkeit an, wenn Ministerpräsident Markus Söder verkündet, dass bald jede und jeder kostenlos getestet werden kann. Bayern übernimmt die Kosten. "Wir warten nicht auf endlose Gespräche zwischen einzelnen Kostenträgern, sondern wir gehen in Vorleistung - weil wir glauben, dass, neben Abstandhalten, Testen die einzige ernsthafte Chance ist, Infektionsketten zu unterbrechen", sagte Söder. Doch sind Massentests tatsächlich das Allheilmittel?

In Deutschland ist die Pandemiebekämpfung Ländersache. Eine bundesweite Teststrategie gibt es nicht. "Jedes Bundesland macht, was es will", monierte Patientenschützer Eugen Brysch. "Das ist für mich und auch für viele Patienten außerordentlich unbefriedigend." Dabei gibt es inzwischen ein bundesweites Konzept, das unter anderem deutlich mehr Tests auf Kassenkosten auch ohne Krankheitsanzeichen vorsieht - besonders in sensiblen Bereichen wie Kliniken, Pflegeheimen, Schulen und Kitas. Die Teststrategien sind in den einzelnen Bundesländern allerdings nach wie vor sehr unterschiedlich.

Während Bayern demonstrativ zur umfassenden Testoffensive bläst, geht Hessen den Weg über eigene Studien, um herauszufinden, welche Gruppen von Menschen für eine Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährdet sind. Diese werden dann künftig bevorzugt getestet.

In Baden-Württemberg gibt es derweil politischen Streit über die Strategie von Gesundheitsminister Manfred Lucha. Der will Lehrerinnen in Schulen und Erzieherinnen in Kitas nur anhand von wenigen Stichproben testen lassen und das auch erst ab dem 1. Oktober - Kultusministerin Susanne Eisenmann fordert hingegen so schnell wie möglich flächendeckende Testmöglichkeiten für alle Angehörigen dieser Berufsgruppen. In Sachsen ist das seit Juni möglich. Berlin will seine Testkapazitäten für Risikogruppen erhöhen. Bürgermeister Michael Müller schließt zudem nicht aus, dass es auch in der Hauptstadt kostenlose Tests für alle geben wird. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zeigte sich hingegen skeptisch gegenüber dem bayerischen Vorstoß.

Die Gefahr von falsch-positiven Ergebnissen

"Es ist verständlich, dass Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, in denen es kaum Fälle gibt, nicht das Gleiche tun wollen wie etwa Bayern", sagte Sandra Ciesek, Virologin am Uniklinikum Frankfurt, der "Zeit". Komplett ohne Anlass zu testen, hält die Wissenschaftlerin dennoch nicht für sinnvoll. "Dafür sind die vermuteten Infektionszahlen derzeit einfach zu niedrig. Man würde also im Vergleich zum Aufwand viel zu wenige Erkrankte finden."

*Datenschutz

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg sieht in Massentests, wie Bayern sie plant, hingegen die Möglichkeit, ein Frühwarnsystem zu schaffen. Insofern wären auch Tests in Dörfern sinnvoll, in denen es seit Wochen keine Infektionen gab, sagte er ntv und RTL. Es gehe darum, Infektionsherde früh aufzudecken, um schnell eingreifen zu können.

Allerdings sind Massentests nicht unproblematisch: Wie genau ein Test ist, hängt immer auch von der Verbreitung der Krankheit ab. Das bedeutet: Je geringer der Anteil von Infizierten in einer Testgruppe ist, desto höher ist die Gefahr von falsch-positiven Ergebnissen. Bei den prinzipiell sehr präzisen PCR-Tests hat man diesen Effekt bisher vermeiden können, da meist nur Patientinnen und Patienten mit Kontakt zu einem nachweislich Infizierten getestet wurden, die auch spürbare Anzeichen einer Covid-19-Erkrankung hatten.

Selbst gute Tests hätten laut Epidemiologe Max Geraedts von der Universität Marburg in rund einem Prozent der Getesteten ein positives Ergebnis, obwohl keine Infektion vorliege. Dadurch könnten viele Menschen in Quarantäne gehen, die eigentlich gesund sind - am Ende würden zum Beispiel Pflegekräfte fehlen. Zudem könne es sein, dass der Test 1 Prozent der Infizierten nicht als solche erkennt. Von 100 in Wahrheit Infizierten finde der Test dann 99. "Eine Person wird nicht entdeckt und denkt, sie habe nichts." Dann könne sie weiter ungeschützt andere infizieren.

"Testen, testen, testen - aber gezielt"

Einige Getestete könnten sich auch in falscher Sicherheit wiegen, gibt Hans-Georg Kräusslich von der Universität Heidelberg zu bedenken: "Negativ getestete Menschen sind nur zum Zeitpunkt des jeweiligen Tests negativ, den Status von einer Woche zuvor oder einer Woche danach kann der Test nicht erkennen." Deswegen seien aus epidemiologischer Sicht eher Tests bei speziellen Personen sinnvoll.

Um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, müsste man Epidemiologe Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg zufolge den Test regelmäßig im Abstand von wenigen Tagen wiederholen. Das wiederum wäre logistisch sehr aufwendig und für die deutschen Labore derzeit nicht zu leisten, sagte Reintjes der "Zeit".

Auch wenn Deutschland seine Testkapazitäten zuletzt nicht mal annähernd ausgeschöpft hat, sind die Ressourcen endlich. "Wenn alle getestet werden, läuft man Gefahr, dass sich der Ergebnisbericht verzögert und Kapazitäten, die für diese Gruppen nötig sind, ausgeschöpft sind", mahnt Epidemiologe Geraedts. Effektiver als Massentests für jeden seien daher regelmäßige Untersuchungen in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Arztpraxen, Schulen und Kindergärten.

"Testen, testen, testen", schrieb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zuletzt auf Twitter. Er fügte jedoch an: "Aber gezielt." Einfach nur viel zu testen klinge gut, sei aber ohne systematisches Vorgehen nicht zielführend. "Denn es wiegt in falscher Sicherheit, erhöht das Risiko falsch-positiver Ergebnisse und belastet die vorhandene Testkapazität."

Quelle: ntv.de, mit dpa