Panorama

Das Geschäft mit der HoffnungMit dem Porsche ins Paradies

11.04.2026, 10:03 Uhr Mittel-Fabian-Maysenhoelder-Fotoatelier-EbingerVon Fabian Maysenhölder
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Denkst du auch gerade über halbseidene Coaching-Angebote, Trainings und Gurus nach? Lass es! (Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Finanz-Gurus und deren Plattformen versprechen finanzielle Freiheit, exklusives Wissen und eine aktive Gemeinschaft. Der vermeintlich schnelle Weg zur Million ist aber vor allem eins: ein Geschäft mit der Hoffnung.

Die Instagram-Posts sind immer ähnlich: ein junger Mann, Mitte zwanzig, Sonnenbrille, teures Auto. Vielleicht Palmen im Hintergrund, ein Luxus-Hotel oder ein Jachthafen. Dazu ein Text, der erklärt, dass er vor zwei Jahren noch in einem Callcenter gearbeitet habe. Jetzt sei er, so behauptet er, Millionär und rühre keinen Finger mehr für sein Geld.

"Finanzielle Freiheit", "Passives Einkommen" - das sind Codewörter, die viele locken sollen. Denn sie stehen dafür, dass alle Geldsorgen passé sind. Und fest steht auch, was das Feindbild ist, das man nicht mehr möchte: den langweiligen Nine-to-five-Job, den nervigen Chef, den Wecker morgens um 6 und das Hamsterrad des Alltags. Denn klar ist: Wer für sein Geld noch in einem regulären Arbeitsverhältnis schuften muss, macht irgendwas falsch.

In diese Richtung gehen viele Angebote, die sich in Social Media tummeln. Gelockt wird mit schicken Instagram-Posts, die das Blaue vom Himmel versprechen, etwa: "Millionär in sechs Monaten" oder "Leicht Millionär werden". Wie das funktioniert? Das erfährt man dann entweder durch einen "Live-Call" via Zoom (erstmal kostenlos, aber keine Sorge: Die Gebühr kommt), durch das Senden einer privaten Nachricht für weitere Informationen oder gleich durch das Abschließen einer Mitgliedschaft auf diversen Plattformen wie Iyovia, Tribe oder der "Dreamtrade Academy". Dort werden dann entsprechende Kurse bereitgehalten oder anderweitige Informationen geliefert, die den Weg zur eigenen Million ebnen sollen - für Dutzende oder gar Hunderte Euro Monatsbeitrag.

Eingeweiht und auserwählt

Die Funktionsweise solcher Communitys erinnert stark an Mechanismen, die man auch in problematischen Gruppierungen findet. Es beginnt schon bei der Frage nach der Rekrutierung neuer Mitglieder. Solche Systeme (oder besser: deren Gründer und Gurus) leben davon, dass sie Missionare haben, die begeistert von ihrer Sache erzählen. Es wird die Geschichte einer Gemeinschaft erzählt, in der sich vermeintlich jede und jeder ganz entfalten kann, in der Wohlstand und finanzielle Unabhängigkeit keine Frage von sozialem Status ist, sondern vom richtigen Mindset und der richtigen Technik.

Wer neu in solche Gruppen kommt oder etwa eine dieser privaten Nachrichten schreibt, um mehr zu erfahren, wird herzlich begrüßt. Diese Person bekommt Aufmerksamkeit, Lob, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben und das Gefühl, in etwas Besonderes eingeführt zu werden. In Fachkreisen kennt man das aus sogenannten Sekten und nennt es "Lovebombing". Das funktioniert überall dort besonders gut, wo jemand gerade auf der Suche ist: nach Orientierung und nach Zugehörigkeit. Und vielleicht nach einer Erklärung dafür, warum das Leben sich für einen selbst schwieriger anfühlt als für diejenigen, denen ich auf Instagram folge.

Nicht selten steht dahinter ein Multi-Level-Marketing-System wie zum Beispiel bei "Tribe", einer neuen Social-Media-Plattform. Sie lockt mit dem Versprechen, durch den Aufbau eigener Tribes am Gewinn beteiligt zu werden - Kostenpunkt für die Jahresmitgliedschaft: 777 Euro. Wer monatlich abbuchen lässt, zahlt 99 Euro pro Monat. Einkommen generiert man dann dadurch, indem man selbst neue Mitglieder wirbt.

Was schwer nach einem Schneeballsystem klingt (auch wenn man dort vehement bestreitet, eines zu sein), ist mindestens ein System, das eine ungute Dynamik schafft: Die eigenen Freunde und Bekannten werden zur Zielgruppe der missionarischen Tätigkeiten. Das soziale Netz wird zum Vertriebsnetz, indem es nur darum geht, die Menschen, die einem eigentlich wichtig sind, auf die "richtige Seite" zu ziehen. Denn nur wer viele einlädt, verdient tatsächlich Geld - auf Kosten derer, die am Ende der Kette stehen. Für wahrhaften Reichtum, der in diversen Marketing-Videos versprochen wird, reicht es nur für die obersten Zehntelprozente.

Und wer nicht reich wird - trotz aller Versprechen! - der hat versagt. Denn natürlich liegt es am je eigenen "Mindset", wenn das Ganze fehlschlägt. Es erinnert an eine säkularisierte Version des in manchen christlichen Kreisen verbreiteten Wohlstandsevangeliums genauso wie an esoterisch-magisches Denken: Wer richtig glaubt, dem wird auch realer Wohlstand zuteil. Wer arm bleibt, glaubt falsch oder nicht ernsthaft genug. Das ist hochproblematisch. Denn zu den finanziellen Belastungen, die Personen in solchen Systemen erfahren, weil sich der Reichtum nicht einstellt, kommt zusätzlich die Schuldzuweisung, die zu einer psychischen Belastung führen kann.

Geschäft mit der Hoffnung

Erfolgreich sind solche Systeme und Versprechen vor allem deshalb, weil es ein Geschäft mit der Hoffnung ist. Die Hoffnung auf ein Leben, das sich gerechter anfühlt als das, das man momentan lebt. Es ist die Sehnsucht nach einem System, das fair ist und das die Richtigen belohnt. Das funktioniert vor allem dann gut, wenn die "reale" Welt um einen herum genau das nicht mehr bietet: Da ist oft kein Gefühl der Sicherheit und kein Gefühl der Gerechtigkeit mehr. Weltweite Krisen schaffen dafür ebenso den Nährboden wie ganz persönliche Situationen: Mietpreise, Inflation, Altersvorsorge, Berufsbiografien, die sich kaum noch planen lassen. Die Hoffnung, aus all diesen Unsicherheiten auszubrechen, um ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung zu führen, ist nur allzu verständlich.

Hinzu kommt, wenn man einmal im System ist, das, was Psychologinnen und Psychologen die "Sunk Cost Fallacy" nennen: Je mehr jemand bereits investiert hat - Geld, Zeit, soziale Beziehungen - desto schwerer wird es, zu gehen. Bei dreistelligen Monatsbeiträgen tut es weh, nach einem Jahr einzugestehen, dass es rausgeschmissenes Geld war. Der Ausstieg würde bedeuten, zuzugeben, einen Fehler gemacht zu haben. Und dass die Hoffnung, auf die man gesetzt hat, enttäuscht wurde. Das ist eine Hürde, die viele nicht nehmen - und wenn, dann oft nicht öffentlich. Und so bleiben Menschen in Systemen, die ihnen schaden, länger als sie sollten.

Stelle dir eine einzige Frage

Dabei reicht eigentlich eine einzige Frage, um das falsche Versprechen zu entlarven: Wenn das System so gut funktioniert - warum muss es dann so intensiv vermarktet werden? Die Antwort könnte unbequem sein: Weil der eigentliche Verdienst für die vermeintlichen Gurus nicht aus dem eigenen Produkt kommt, nicht aus der Technik, die man angeblich lehrt. Er kommt aus den Abonnements, den Mitgliedsbeiträgen, den Provisionen für geworbene Neuzugänge. Die Gurus leben nicht von dem, was sie verkaufen, sondern davon, dass es gekauft wird.

Und so mag der Porsche auf dem Instagram-Feed real sein - er dient dennoch nur als Köder. Er fährt zwar für den Guru, niemals aber für seine Anhängerinnen und Anhänger. Das versprochene "Paradies" ist kein Ort der finanziellen Freiheit und Selbstbestimmung. Es ist ein teures Abonnement auf eine Hoffnung, die aller Wahrscheinlichkeit nach niemals erfüllt wird.

Quelle: ntv.de

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