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Streitpunkt Synodaler Weg Die Angst vor der deutschen Kirchenspaltung

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Droht durch die deutschen Bischöfe ein Schisma? In Rom wird dies offenbar so gesehen.

(Foto: picture alliance/dpa/Deutsche Bischofskonferenz)

Steht die Weltkirche vor einem "Flächenbrand", der wieder einmal von Deutschland ausgeht? Diese Frage schwebte über dem einwöchigen Treffen der deutschen Bischöfe in Rom. Das "deutsche Schisma" scheint tatsächlich die Befürchtung im Vatikan zu sein.

Eigentlich ist der routinemäßige Besuch der Ortsbischöfe beim Papst in Rom ist eine eher unspannende Angelegenheit. Alle fünf Jahre müssen die weltweit insgesamt 5300 Bischöfe an die Schwelle des Grabes von Kirchengründer Petrus treten: Auf lateinisch "ad limina petri". Das ist die Gelegenheit eines Rombesuches für die Bischöfe. Viele von ihnen haben hier Theologie studiert. Man trifft sich, isst gut römisch, sieht den Papst, trifft die einzelnen Minister, die in der Kurie "Präfekt eines Dikasteriums" heißen, gibt Bericht und reist dann glücklich wieder ab. Bis zum nächsten Mal.

Der Besuch der deutschen Bischöfe aber stand unter einem anderen Stern. In Rom trafen Welten aufeinander, die kaum mehr versöhnbar erscheinen. Da ist einerseits die deutsche Katholische Kirche, die nach den Missbrauchsfällen reinen Tisch machen möchte und andererseits eine römische Kirche, für die allein die Benennung der Probleme schon der Abfall vom reinen Glauben zu sein scheint, der Beginn einer Kirchenspaltung, das "deutsche Schisma". Schon wieder die Deutschen, hört man es Vatikan.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, versuchte, dem entgegenzuwirken und am Ende des Besuches in Rom das Glas halb voll zu sehen: Es sei gut, dass die Probleme auf dem Tisch lägen. Weniger gut sei, dass es bisher keine Einigung über deren Lösung gäbe. "Aber das habe ich auch nicht erwartet", sagte der 61-Jährige.

Synodale fordern Revolution der katholischen Sexualmoral

Ausgangspunkt des Streits mit Rom ist der Synodale Weg: Der steht in Rom als Weg in die Kirchenspaltung im Verdacht. Die vor drei Jahren aufgenommene katholische Selbstkritik wegen der zahlreichen Missbrauchsfälle ginge zu weit, heißt es im Vatikan.

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Bischof Bätzing müht sich um eine Reform in der Kirche, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bätzing sah das anders: "Die Missbrauchsskandale haben Vertrauen der Menschen in die Kirche erschüttert" und zu einer enormen Austrittswelle geführt. Die Missbrauchstäter waren Priester, die sich an Schutzbefohlenen, Minderjährigen und Abhängigen sexuell vergangen haben. Bätzing sprach es deutlich aus: "Die Kirche kann das Vertrauen der Gläubigen nur mit einem Neuanfang wiedergewinnen". Deswegen habe die Kirche 2019 den Synodalen Weg eingeschlagen - ein Versuch, bei der Selbstkritik und Vorschlägen für eine Kirche, der die Menschen wieder vertrauen, die gesamt Kirche mitzunehmen.

Dazu riefen die 67 deutschen Bischöfe zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK), das aus Vertretern der Diözesanräten und katholischer Organisationen besteht, eine Synodalversammlung - eine Art katholisches Parlament aus aktiven Laien und Bischöfen - ins Leben. Nach dreieinhalb Jahren der Diskussionstreffen wurden in vier Arbeitskreisen Beschlüsse gefasst.

In den Dokumenten des Synodalen Weges wird Klartext gesprochen: Die "Fälle sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche, die von Bischöfen und anderen kirchlichen Verantwortungsträgern über Jahrzehnte vertuscht wurden", haben das Vertrauen erschüttert. Die Synodalen machten dabei nicht halt: Sie nahmen sich die Struktur der Kirche vor, wie es die sogenannte MHG-Studie über den Missbrauch nahelegte, und fordern eine Revolution der katholischen Sexualmoral: Keine Sexualität mehr, "die sich allein auf genitale Sexualität reduziert, sowie die Vorrangstellung biologischer Fruchtbarkeit".

Auch wenn die Entschließung zur Sexualmoral knapp nicht die Zweidrittelmehrheit der beteiligten Bischöfe erhielt, waren doch gut acht von zehn Teilnehmern der Synodalversammlung dafür. Die Aufforderung einer "lehramtlichen Bewertung der Homosexualität" scheiterte an der Sperrminorität der Bischöfe.

Klima vor Pflichtbesuch in Rom hoch erregt

Gegen den Synodalen Weg laufen die Konservativen in der Kirche seit Monaten Sturm. Im April unterzeichneten 70 Bischöfe, unter ihnen vier Kardinäle, einen Appell an die deutschen Bischöfe, sich nicht dem Druck der "weltlichen Mentalität" anzupassen und am Lehramt zur Sexualmoral festzuhalten. Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch ließ wissen, ihm kämen bei diesem Reformweg der deutschen Kirche "Erinnerungen an Erscheinungen und Phänomene in der nationalsozialistischen Zeit in Deutschland", als unter Hitler eine "Deutsche Kirche" gegründet worden war.

Ein historisch falscher Vergleich, musste sich der Schweizer Kardinal kritisieren lassen. Denn die NS-nahe Kirche war von evangelischen Kirchenvertretern und nicht von Katholiken gegründet worden. Bätzing verlangte von Koch für einen Vergleich, der suggeriere, dass "wir uns in Deutschland nicht dem schrecklichen Erbe des Nationalsozialismus stellen" würden, eine öffentliche Entschuldigung. Koch kam dem nicht nach. Da war das Klima vor dem Pflichtbesuch in Rom hoch erregt.

Papst soll Homosexualität neu bewerten

Richtig ist aber auch: Der Synodale Weg ist einen Frontalangriff auf Teile des katholischen Katechismus. Man wehre sich gegen die "ausnahmslose Verurteilung der Methoden künstlicher Verhütung, der Masturbation, der gleichgeschlechtlichen und vorehelichen Sexualität", gegen die Diskriminierung wiederverheirateter Paare, heißt es.

All das aber steht im kompletten Gegensatz zur katholischen Morallehre, die Ehebruch, Selbstbefriedigung, Unzucht, Pornografie, Prostitution, Vergewaltigung, homosexuelle Handlungen als "Hauptsünden gegen die Keuschheit" benennt. Dabei sind das "freie Zusammenleben" sowie der "vor- und außereheliche Geschlechtsverkehr" für die römisch-katholische Morallehre "Konkubinat". Weltfremd und ein Grund für die Entfernung der Gläubigen von der Kirche, entgegnen die Synodalen. Denn damit lebten die "normalen" Gläubigen im Sinne der katholischen Morallehre komplett in der Sünde leben.

Daher stellten die deutschen Bischöfe in Rom eine andere Vision auf: "Wir sind katholisch, aber wir wollen anders katholisch sein", sagte Bischof Bätzing. Was das konkret bedeutet, dazu hatte die Synodalversammlung eine Empfehlung abgegeben: Der Papst möge "lehramtlich eine Präzisierung und Neubewertung der Homosexualität vornehmen". Da die homosexuelle Orientierung zum Menschen gehört, wie er*sie von Gott geschaffen wurde, sei sie ethisch grundsätzlich nicht anders zu beurteilen als die heterosexuelle Orientierung.

Alles Teil der Schöpfung

"Wir folgen der Forschung der humanen Anthropologie", danach sei die sexuelle Orientierung keine Entscheidung des Einzelnen, sagte Bischof Bätzing. Die Natur schaffe nicht nur zwei Geschlechter, sondern mehr, auch Zwischenformen. Allesamt seien somit Teil der Schöpfung, dürften nicht diskriminiert werden. Eine kulturelle Revolution. Rom hat die Beschlüsse des Synodalen Weges als Beginn eines Schismas aufgenommen.

Dagegen verwehrt sich Bätzing: "Wir haben nur Probleme auf den Tisch gelegt, die doch nicht wegzudiskutieren sind". Er weiß: Eine Veränderung der katholischen Morallehre könne allein der Papst veranlassen. Hier beugte sich Bätzing, aber nicht in der Frage der Segnung für homosexuelle Paare: "Die werde ich segnen, ohne Wenn und Aber", auch wenn es offiziell untersagt sei.

Die nächste Frage, die die deutschen Katholiken sehr beschäftige, ist die Frage der Rolle der Frau in der Kirche. "Soll es Frauenordinationen geben? Wo ist die rote Linie?" In Rom habe man den deutschen Bischöfen zu Geduld geraten. "Die deutschen Gläubigen haben keine Geduld mehr", sagte Bätzing.

Papst: Deutschland braucht keine zweite evangelische Kirche

Der Stellvertreter des Papstes, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, mahnte die deutsche Kirche, nicht eine "Reform der Kirche" zu fordern, sondern es bei "Reformen in der Kirche" zu belassen. Die Kardinäle Luis Francisco Ladaria, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, früher als Inquisition bekannt, und Marc Ouellet, Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe, wurden hingegen deutlicher: Ihnen passten weder die "Methodik, die Inhalte noch die Vorschläge des Synodalen Weges".

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Papst Franziskus nahm an der letzten Plenarsitzung des offenen Schlagabtausches mit den Bischöfen gar nicht teil: "Der Papst ist ein schlauer Jesuit", meinte Bätzing, "der wollte uns allein mit den Problemen zurechtkommen lassen". Seine Sicht hatte Franziskus bereits auf seiner jüngsten Reise im Plauderton erzählt: "In Deutschland gibt es doch schon eine gute evangelische Kirche, da braucht es keine zweite."

Für die deutschen Bischöfe geht es in die nächste Runde. Bätzing und die große Mehrheit seiner Bischofskollegen sind davon überzeugt, dass die in Deutschland auf den Tisch gebrachten Probleme in der ganzen Welt gespürt werden. Sie würden nicht dadurch gelöst, dass man sie ignoriert. Sicher, in der Weltkirche sei die Methode der Versammlung mit Laien und der Abstimmung nicht üblich. Das wäre schon etwas typisch deutsch. Aber Bätzing ist guter Hoffnung: Nächsten Jahr beginne die Weltsynode, das sei die Gelegenheit, weiterzureden. Eine eigene Kirche, versichert er noch, wolle man nicht gründen, sondern diese reformieren.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 19. November 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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