Panorama

Lockdown und Massentests Das gilt jetzt in Gütersloh und Warendorf

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Allen Bewohnern der Kreise Gütersloh und Warendorf soll ein kostenloser Corona-Test zur Verfügung stehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach dem Coronavirus-Ausbruch beim Schlachtbetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh setzt die Landesregierung auf schärfere Maßnahmen. Der gesamte Kreis werde wieder auf die strengen Pandemie-Schutzmaßnahmen zurückgeführt, sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet am Vormittag. Am Nachmittag wird klar: Das gilt auch für den benachbarten Kreis Warendorf. Doch was genau bedeutet das für die Menschen? Was ist jetzt noch erlaubt? Wer wird nun getestet? Und ist der Sommerurlaub gefährdet? Einige Antworten:

Was ist im Kreis Gütersloh passiert?

Im Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück gibt es einen massiven Coronavirus-Ausbruch. Von den rund 7000 Mitarbeitern wurden bisher mehr als 1550 positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet. Die Mitarbeiter und ihre Familien stehen seit einigen Tagen unter häuslicher Quarantäne. Hinzu kommen bisher 24 Fälle außerhalb des Betriebes. Laschet sprach vom "bisher größten Infektionsgeschehen" in Deutschland.

Wie wird der Lockdown begründet?

Der Kreis Gütersloh sowie der benachbarte Kreis Warendorf überschreiten die Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche. Bund und Länder haben vereinbart, dass ab diesem Wert regionale Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

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Die Landesregierung geht von einer "klar lokalisierten Infektion" aus, die vor allem einen Betrieb betreffe. Darum hatte Laschet einen erneuten Lockdown zunächst auch abgelehnt. Nun sagte er, dass trotzdem "besondere Vorsicht" geboten sei. Der Ministerpräsident stellt den Lockdown als prophylaktische Maßnahme dar, um "die Situation zu beruhigen" und "die Testungen auszuweiten". Innerhalb einer Woche wolle man mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus außerhalb des Schlachtbetriebs ausgebreitet habe.

Dass auch das gesellschaftliche Leben im Kreis Warendorf heruntergefahren werde, begründete NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mit den Bewegungen der Bewohner. "Man kann das nicht dorfscharf machen. Das gesellschaftliche Leben orientiert sich nicht an Dorfgrenzen", sagte er. Laschet hatte am Vormittag noch gesagt, dass es im Kreis Warendorf keinen flächendeckenden Lockdown geben solle.

Wie lange gilt der Lockdown?

Die Maßnahmen gelten vorerst eine Woche, bis zum 30. Juni. Sie seien aber "durchaus verlängerbar", falls die Lage unklar bleibe, so Laschet.

Welche Einschränkungen gelten?

Die seit heute geltenden Maßnahmen ähneln jenen, wie sie bereits im März und April in ganz Deutschland galten. Vor allem gilt in beiden Kreisen wieder ein Kontaktverbot. Menschen dürfen sich in der Öffentlichkeit nur mit Bewohnern desselben Hausstands bewegen. Zudem sind Treffen von zwei Personen unterschiedlicher Haushalte erlaubt.

Verboten sind Sport in geschlossenen Räumen und viele Kulturveranstaltungen. Ausstellungen und Museen sowie Fitnessstudios, Kinos und Bars müssen schließen. Restaurants und Speisegaststätten bleiben dagegen - unter Auflagen - offen. Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh wurden bereits in der vergangenen Woche geschlossen, ab Donnerstag betrifft die Schließung auch den Kreis Warendorf. Betroffen sind in beiden Kreisen insgesamt etwa 640.000 Menschen.

Wird die Einhaltung der Maßnahmen kontrolliert?

Das hat Laschet zumindest angekündigt. Zur Not müssten die Behörden auch mit Zwang die Anordnungen durchsetzen, sagte er. Um die Quarantäne der 7000 Tönnies-Mitarbeiter und ihrer Familien zu überwachen, wurden bereits drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt. Nach Angaben des Kreises Gütersloh werden auch mobile Teams zur Kontaktnachverfolgung sowie Dolmetscher eingesetzt.

Dürfen Bewohner der betroffenen Kreise reisen?

Es gibt kein Ausreiseverbot. Laschet appellierte allerdings an die Menschen, "jetzt im Kreis zu bleiben und das Kontaktverbot einzuhalten". Das werde auch kontrolliert. Ob die Menschen dem Appell folgen, ist unklar - zumal sich Laschet selbst widersprach, denn er sagte auch: "Wer Urlaub plant, kann das natürlich machen." Am Freitag ist der letzte Schultag in Nordrhein-Westfalen, danach beginnen die Sommerferien - und damit die Reisezeit. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor einer Weiterverbreitung des Virus von Gütersloh aus, wenn die Menschen in den Urlaub fahren. Jetzt sei eine intelligente, schnelle und repräsentative Testung notwendig, sagte der studierte Epidemiologe.

Ist der Sommerurlaub in Gefahr?

Unklar ist, wie andere Bundesländer auf den Corona-Ausbruch reagieren. So dürfen Hotels, Pensionen und andere Beherbergungsbetriebe in Bayern laut einem Kabinettsbeschluss vorerst keine Urlauber mehr aufnehmen aus Gebieten, die die Obergrenze reißen - also auch nicht aus Gütersloh und Warendorf. In Schleswig-Holstein müssen Reisende aus Corona-Hotspots künftig nach der Einreise für 14 Tage in Quarantäne. Am Montag waren bereits auf der Insel Usedom Reisende aus Risikogebieten aufgefordert worden, abzureisen. Darunter war mindestens ein Ehepaar aus Gütersloh.

Laschet warnte ausdrücklich vor einer Stigmatisierung von Menschen aus dem Kreis Gütersloh. Lauterbach verteidigte dagegen die bayerische Maßnahme. "Ohne Einschränkung kann jeder den Lockdown vermeiden, der die Stadt verlässt", twitterte er. "Gerade so könnte man die Ausbreitung beschleunigen." Urlauber sollten nur nach Testung und nach Ablauf des Lockdowns reisen, schrieb er weiter.

Wie und wer wird jetzt getestet?

Generell soll in den betroffenen Kreisen mehr getestet werden. Laut Gesundheitsminister Laumann sollen Bewohner und Beschäftigte in den Pflegeeinrichtungen in den kommenden Tagen durchgetestet werden. Gleiches gelte für Mitarbeiter der Krankenhäuser, Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel und Kioskpersonal. Getestet werden sollen auch die Beschäftigten von Unternehmen und Subunternehmen, die zentrale Gemeinschaftsunterkünfte betreiben oder in einem nennenswerten Umfang Werkvertragsarbeitnehmer beschäftigen.

Alle Bürger der beiden Kreise sollen die Möglichkeit erhalten, sich kostenlos testen zu lassen. Die Bevölkerung werde durch Zeitungsannoncen und Lautsprecherdurchsagen zur Testung aufgerufen. "Wir werden auch öffentliche Teststationen über Bundeswehr und Rotes Kreuz errichten", so Laumann. Vor den Testzentren bildeten sich bereits lange Schlangen - die Menschen wollten für den geplanten Urlaub möglichst eine Bescheinigung über einen negativen Test haben.

Wie reagieren die betroffenen Menschen?

Der Gütersloher Pfarrer Stefan Salzmann spricht von viel Unmut in der Bevölkerung: "Ich nehme viel Hilflosigkeit und Unzufriedenheit wahr". Es gebe auch "eine große Wut, dass dieses System Tönnies so lange hat weitergehen können", sagte der evangelische Pfarrer.

"Wir hatten schon so viel Ärger durch den ersten Lockdown und jetzt soll das Ganze von vorne losgehen", sagte der Anwalt Kai Drees aus Steinhagen. "Wir haben schon im Frühjahr den Urlaub umbuchen müssen, weil wir eigentlich fliegen wollten", sagte der 52-Jährige. "Jetzt soll es mit dem Auto nach Norderney gehen, aber wir haben von Leuten gehört, die nicht mehr dorthin fahren durften, weil sie aus dem Kreis Gütersloh kommen."

Wie kommt Laschets Kurs in der Politik an?

Die oppositionelle SPD-Landtagsfraktion begrüßte den Lockdown als "einzig richtige Entscheidung". Aber sie komme mal wieder zu spät, sagte Fraktionschef Thomas Kutschaty der "Rheinischen Post". Laschet habe noch am Sonntag von einem Lockdown nichts wissen wollen und müsse sich jetzt mit seinem "Schlingerkurs" selbst korrigieren. Grünen-Fraktionschefin Monika Düker warf der Landesregierung vor, sie lasse "die Menschen mit verwirrenden Aussagen allein". Sie bezog sich damit auf die Unklarheiten über die Sommerferien.

Quelle: ntv.de, mit dpa