Panorama

Terror, Extremismus, Flüchtlinge Davor fürchten sich die Deutschen

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Wovor haben die Deutschen eigentlich am meisten Angst?

(Foto: imago stock&people)

Nazis, Kriege, Krankheiten: Wovor fürchten wir uns am meisten? Eine Studie zeigt: Die Deutschen sind mittlerweile stärker von der Angst vor äußeren Bedrohungen bestimmt als vor wirtschaftlichen Sorgen oder persönlichem Kummer.

Alt, krank und arm werden? Nun ja. Die Partnerschaft zerbrechen sehen? Nicht die größte Angst. Echte Sorgen macht sich ein Großteil der Deutschen um ganz andere Dinge: um Terroranschläge, um gewaltbereite Extremisten  - und um die harten Auseinandersetzungen über die Flüchtlingskrise und die Einwanderungspolitik. Das zeigt eine repräsentative Studie der R+V-Versicherung. Jährlich werden dafür etwa 2400 Bürger befragt. Auskunft geben sollen die Befragten über ihre persönlichen wirtschaftlichen und persönlichen Sorgen.

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(Foto: R+V-Versicherung / Angst-Studie 2016)

Der Studie zufolge treiben die aktuellen politischen Themen die Sorgen der Deutschen auf Spitzenwerte. "Nie zuvor im Laufe unserer Umfragen sind die Ängste innerhalb eines Jahres so drastisch in die Höhe geschnellt wie 2016", so Brigitte Römstedt, Leiterin des Infocenters der R+V Versicherung, bei der heutigen Pressekonferenz in Berlin. "Die Attentate der Terror-Miliz IS in Europa schüren die Angst vor terroristischen Anschlägen massiv. Sie steigt um 21 Prozentpunkte und erreicht damit ihren bisherigen Höchstwert – und erstmals Platz 1 unseres Ängste-Rankings."

Stark angewachsen sind auch die Ängste vor politischem Extremismus und vor Spannungen durch weiteren Zuzug von Ausländern. Beide Themen schrecken in diesem Jahr mehr als zwei Drittel aller Bundesbürger und klettern auf die Plätze 2 und 3. Auffällig: Die überwiegende Mehrheit der Deutschen befürchtet auch, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert und dass die Behörden bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise überlastet sind.

Die Angst-Studie wurde zum 25. Mal durchgeführt. Der Angstindex – der Durchschnitt der langjährig abgefragten Sorgen – steigt sprunghaft um 10 Prozentpunkte und erreicht mit 49 Prozent ein enorm hohes Niveau. Das resultiert aus dem ungewöhnlich hohen Anstieg einzelner Sorgen: Ganze 12 der insgesamt 20 abgefragten Ängste überspringen zum Teil deutlich die 50-Prozent-Marke.

Das Jahr der Ängste

Was ist Angst?

Angst gilt im medizinischen Sinn als unangenehmes Gefühl. Körperlich kann es sich im Anstieg der Puls- und Atemfrequenz zeigen. Die Psyche reagiert mit vermehrter Unsicherheit und Unruhe. In der Regel entsteht Angst als Reaktion auf eine konkrete Bedrohung. Es gibt aber auch Ängste, die bereits vor der Konfrontation mit gefürchteten Situationen auftreten. Psychologen sehen in Angst generell eine gesunde Reaktion, weil sie Menschen vor Gefahren schützt. In übersteigertem Maß kann das Gefühl allerdings Phobien, Angst- und Panikstörungen auslösen.

"2016 ist das Jahr der Ängste", kommentiert Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politologe an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und Berater des R+V-Infocenters, dieses Ergebnis. Er registriert "erdrutschartige Verschiebungen" im Ranking: "Die Sorgen um Geld, Gesundheit und Umwelt – in früheren Jahren noch Top-Themen – sind nicht verschwunden. Aber jetzt werden sie von schwerwiegenden Gefährdungen wie Terror, Extremismus oder EU-Schuldenkrise überlagert."

2016 kommt ein weiterer Angstfaktor hinzu, so Professor Schmidt: "Die große Mehrheit der Deutschen ängstigt der Kontrollverlust des Staates in der Flüchtlingskrise und die Überforderung der Politiker – ein katastrophales Urteil für die politische Klasse." Konkret: Zwei Drittel der Bundesbürger befürchten, dass die große Zahl der Flüchtlinge die Deutschen und ihre Behörden überfordert (66 Prozent) und dass die Politiker ihren Aufgaben nicht gewachsen sind (65 Prozent).

Angst vor Eskalation der Gewalt

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Unter dem Eindruck der Attentate der IS-Terrormiliz und der Flüchtlingswelle in Europa hat sich das Bedrohungsgefühl der Bundesbürger gravierend erhöht. Professor Schmidt nennt die Gründe: "Terroranschläge, Ausschreitungen von Extremisten, aber auch die politische Polarisierung infolge der unkontrollierten Massenzuwanderung erschüttern das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Deutschen."

Die intensive Berichterstattung in den Medien sensibilisiert die Bürger noch weiter, ebenso wie Warnungen des Bundeskriminalamts, dass Deutschland im Visier von Terroristen ist. Wie schon im Vorjahr ist die Angst vor Terror am stärksten gestiegen – bei Männern und Frauen, in Ost und West. Sie springt mit 73 Prozent (+ 21 Prozentpunkte) von Platz 3 erstmals auf den Spitzenplatz der Umfrage.

Angst vor Extremismus und Flüchtlingskrise

Politischer Extremismus, der vor einem Jahr etwa die Hälfte der Bevölkerung beunruhigte, schreckt jetzt über zwei Drittel der Deutschen – Platz 2 des diesjährigen Ängste-Rankings.

Höher als je zuvor ist auch die Befürchtung, dass es durch weitere Zuwanderung zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommen könnte. Nach einem Zuwachs um 18 Prozentpunkte klettert diese Angst mit 67 Prozent von Platz 4 auf Platz 3 der Skala.

Angst vor Kosten der Euro-Schuldenkrise

Erhebliche Sorgen bereitet den Deutschen 2016 erneut die Angst ums Geld. Allerdings hat sich die Ursache in Laufe der Studie verschoben. "Nach der Einführung der Euro-Währung war die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten jahrelang der Angstmacher Nummer 1 und stand insgesamt 11 Mal an der Spitze des Ängste-Rankings, zuletzt 2010", sagt Römstedt. Seit sechs Jahren sind die Kosten der Euro-Schuldenkrise in den Vordergrund gerückt. 2016 befürchten 65 Prozent (2015: 64 Prozent) der Befragten, dass die Euro-Schuldenkrise teuer für den Deutschen Steuerzahler wird.

Angst vor schlechter Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit

Die positiven Konjunkturprognosen und die günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt spiegeln sich auch in den Ängsten der Deutschen wider. In keiner der bisherigen 24 Ängste-Studien der R+V Versicherung befürchteten so wenige Deutsche, dass die Wirtschaftslage schlechter wird (40 Prozent). Auf dem geringsten Stand seit 1992 sind auch die Sorgen um die Sicherheit der Arbeitsplätze. Noch nicht einmal jeder Dritte hat Angst vor einer höheren Arbeitslosenquote in Deutschland (31 Prozent) oder dem Verlust des eigenen Jobs (32 Prozent).

Quelle: n-tv.de, dsi