Panorama

Weiter rasante Ausbreitung? Delta-Bericht mit Spannung erwartet

Die Delta-Variante des Coronavirus könnte das weitere Infektionsgeschehen in Deutschland prägen. Der für den Abend erwartete RKI-Bericht wird zeigen, ob und wie stark sich die Mutante hierzulande ausbreitet. Virologe Drosten warnt: Eine erneute Verdopplung des Anteils wäre ein "sehr schlechtes Signal".

Steht Deutschland womöglich erneut an einem Scheideweg in der Corona-Pandemie? Zwar sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt immer tiefer. Doch der wachsende Anteil der Delta-Variante sorgt für Unruhe. Die große Frage ist: Könnte die als ansteckender geltende Corona-Mutante auch in Deutschland wieder zu einem Anstieg der Neuinfektionen führen - so wie es in Großbritannien bereits geschehen ist? Am Abend werden neue Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) erwartet, die über die Entwicklung der zunächst in Indien entdeckten Variante in Deutschland Aufschluss geben sollen.

Zuvor hatten bereits mehrere Bundesländer gemeldet, dass der Anteil der Variante an den Neuinfektionen zuletzt spürbar gestiegen sei. In Hessen macht sie nach Angaben von Gesundheitsminister Kai Klose bereits mehr als ein Fünftel der Neuansteckungen aus. In Bayern hat sich die Zahl der bestätigten Infektionen mit der Delta-Variante im Verlauf einer Woche fast verdoppelt - von 132 auf 229 Fälle, wie Staatskanzleichef Florian Herrmann mitteilte. In einzelnen Laboren betrage der Anteil inzwischen fast ein Viertel.

Das RKI hatte für die Woche Ende Mai/Anfang Juni einen Delta-Anteil von 6,2 Prozent in Deutschland ermittelt, basierend auf einer Zufallsstichprobe - es war in etwa eine Verdopplung zur Vorwoche. Dem Virologen Christian Drosten zufolge wäre es ein "sehr schlechtes Signal", sollte sich in den neuen RKI-Daten eine Verdopplung des Anteils im Wochentakt zeigen, sagte er im Corona-Podcast des NDR. Da sich die Werte stets auf einen Zeitpunkt vor etwa zwei Wochen beziehen, sei das im Nachhinein nicht mehr kontrollierbar, es drohe in der Folgewoche wieder eine Verdopplung. "Wenn das so wäre, dann müssen wir uns eben darauf einstellen, dass andere Effekte so laufen, wie sie in England nun mal gelaufen sind mit der Delta-Variante."

Delta treibt britische Inzidenz in die Höhe

In Großbritannien schlägt Delta bereits heftig zu. Dort hat die Variante innerhalb weniger Wochen trotz fortgeschrittener Impfquoten deutlich die Vorherrschaft im Infektionsgeschehen übernommen. Die Sieben-Tage-Inzidenzen stiegen wieder - von 20 auf zuletzt über 100. Lockerungen wurden deshalb gestoppt. Daneben gibt es auch weitere Regionen, in denen die Delta-Variante Probleme bereitet, zum Beispiel in Lissabon oder Moskau. Drosten betonte jedoch, dass es Unterschiede zwischen Deutschland und der Lage in Großbritannien gebe: "Man hatte nicht so weit runtergebremst, wie wir das jetzt in Deutschland schon gemacht haben." Hierzulande lag die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt bei 7,2.

Dennoch plädierte Drosten angesichts der Entwicklung dafür, das Bewusstsein für die Bedeutung der Impfung zu stärken. "Das ist wirklich das, was wir jetzt machen müssen", sagte der Experte der Berliner Charité. Er legte sich nicht fest, ob es wegen der Ausbreitung der Delta-Variante bereits im Sommer oder erst im Herbst zu einer Trendumkehr kommen könnte. Im Herbst werde die Inzidenz auf jeden Fall wieder steigen, sagte Drosten und betonte die Wichtigkeit der Impfung bei Eltern von Schulkindern. "Wir müssen einfach schnell impfen", lautet der Appell des Virologen. Reiche dies nicht, müsse man erneut mit Kontaktbeschränkungen gegensteuern.

"Aber es gibt auch gute Gründe, zu denken, dass das in Deutschland nicht notwendig wird", betonte Drosten. Er verwies zum Beispiel darauf, dass es nach Deutschland wohl keine so hohe Zahl an unabhängigen Eintragungen der Variante - etwa direkt aus Indien - gegeben habe. In Großbritannien gebe es zudem eine etwas andere Struktur in der Bevölkerung mit asiatischstämmigen Communitys, in denen das Virus anfangs hochgekocht sei. "Deswegen kann es auch sein, dass sich das bei uns nicht so einstellt."

"Stärker auf Impfskeptiker zuzugehen"

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, forderte, stärker auf "Impfskeptiker und Impfleugner" zuzugehen. "Wenn wir nicht auch einen Teil dieser Gruppe vom Sinn der Impfung überzeugen, werden wir die Herdenimmunität nicht erreichen", sagte Montgomery dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Mit Blick auf die Delta-Variante erklärte er: "Wer sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später mit dem Coronavirus infizieren."

Aus eigenen Labordaten gebe es erste Hinweise, dass Menschen, die mit der Delta-Variante infiziert sind, eine noch höhere Viruslast haben als Infizierte mit der Alpha-Variante (B.1.1.7), berichtete Drosten. Bisherige Daten geben für ihn Signale, dass Delta etwas schwerere Verläufe verursache. Der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf für vollständig Geimpfte sei im Vergleich zur noch in Deutschland dominierenden Variante Alpha aber gleichwertig. Der Schutz nur durch die Erstimpfung gilt jedoch als schwächer, verglichen mit der Wirkung gegen frühere Virusformen.

Unterdessen droht im Hinblick auf Varianten von Sars-CoV-2 neues Ungemach: Mittlerweile hat Indien eine neu nachgewiesene Virusvariante als besorgniserregend eingestuft. Die inoffiziell als "Delta plus" bezeichnete Mutation sei in 16 Fällen im Bundesstaat Maharashtra entdeckt worden und leichter übertragbar, sagt der indische Bundesgesundheitsminister Rajesh Bhushan.

Quelle: ntv.de, kst/dpa/rts

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