Panorama

Israel kämpft mit Delta-Welle Der Impfweltmeister wird zum Sorgenkind

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650.000 Israelis über 60 Jahre haben sich bereits die dritte Corona-Spritze abgeholt.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Lange gilt Israel als Vorbild bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch trotz hoher Impfquote verschärft sich die Virus-Lage im Land zunehmend. Die Regierung ist alarmiert und greift durch. Ein erneuter Lockdown wird immer wahrscheinlicher.

Vor nicht allzu langer Zeit blickte die Welt erstaunt - und ein wenig neidvoll - nach Israel: Der kleine Mittelmeerstaat schien die Corona-Pandemie besiegt zu haben. In einem logistischen Kraftakt hatte die Regierung die Hälfte der Bevölkerung in Rekordzeit durchgeimpft. Die Zahl der Neuinfektionen sank Mitte Juni unter zehn pro Tag. Bereits vorher konnte das öffentliche Leben wieder hochgefahren werden. Die Maskenpflicht wurde abgeschafft, Theater und Kinos, Schwimmbäder und Fitnesscenter öffneten wieder. Doch jetzt, nur wenige Monate später, setzt Ernüchterung ein: Ein Sieg war das noch lange nicht.

Die Delta-Variante bringt das Virus mit voller Wucht nach Israel zurück. Die Infektionszahlen schnellen in kürzester Zeit wieder in die Höhe. Inzwischen nähert sich die Sieben-Tage-Inzidenz der 400er-Marke. Der R-Wert liegt bei 1,25. Damit haben sich im Durchschnitt pro Tag in der letzten Woche 4814 Menschen mit Corona infiziert - so viele wie seit Februar nicht mehr.

Und das, obwohl die Impfkampagne in Israel früh begann und sehr schnell Fortschritte machte. Mehr als 62 Prozent der 9,4 Millionen Israelis sind doppelt geimpft. Doch die Impfkampagne stockt. Ähnlich wie in Deutschland hat sich eine gewisse Impfmüdigkeit eingestellt. Schätzungsweise eine Millionen Israelis wollen sich offenbar überhaupt nicht impfen lassen. Das entspricht einer Quote von elf Prozent. Dazu kommen die Kinder unter 12, die noch nicht geimpft werden können. Eine Herdenimmunität rückt damit in weite Ferne.

"Impfen rettet unser Leben"

Die Regierung will nun den Druck auf Impfunwillige erhöhen. Israels Ministerpräsident Naftali Bennett lässt keine Gelegenheit aus, zu mahnen und zu warnen. Anfang der Woche besuchte er die israelischen Streitkräfte und forderte die Bevölkerung zum wiederholten Male auf, sich gegen Corona impfen zu lassen: "Die Impfstoffe sind sicher und effektiv. Alle, die noch nicht geimpft sind, sollten das jetzt tun. Es rettet unsere Leben."

Besonders besorgniserregend ist der Regierung zufolge die wachsende Hospitalisierungsrate: Die Zahl der mit dem Coronavirus ins Krankenhaus eingelieferten Patienten werde sich alle zehn Tage verdoppeln, warnte sie zuletzt. Innerhalb von vier Wochen könnten es 4800 Menschen sein, wovon bei der Hälfte mit schweren Krankheitsverläufen zu rechnen sei.

Bislang ist die Lage in Israels Krankenhäusern allerdings noch entspannt. Etwa 400 Personen werden mit schweren Verläufen stationär behandelt. Alarmierend ist vielmehr der Impfstatus der Patienten: Rund 140 sind gar nicht, 10 einfach und 240 sogar doppelt geimpft. Das war im Frühjahr noch anders. Damals lagen vor allem Ungeimpfte mit schweren Verläufen im Krankenhaus. Da erste Studien vermuten lassen, dass die herkömmlichen Impfungen gegen die Delta-Variante weniger effektiv sind, hat Israel in einer groß angelegten PR-Kampagne alle doppelt geimpften über 60-Jährigen aufgefordert, sich eine dritte Dosis geben zu lassen. Das Angebot wird gut angenommen: 650.000 Israelis über 60 Jahren haben sich die dritte Spritze bereits abgeholt. Kommende Woche sind dann die über 50-Jährigen dran und kurz darauf sollen auch die über 40-Jährigen den Booster erhalten.

Lockdown als letzter Ausweg

So hofft die Regierung, die Ausbreitung des Virus stoppen und eine Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden zu können. Gleichzeitig führte sie aber auch wieder Beschränkungen und strengere Regeln ein. Die Anwendung des sogenannten "Grünen Passes" ist nun auf fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens ausgedehnt. Um zu öffentlichen Plätzen Zutritt zu erhalten, müssen Personen ab drei Jahren ein Zertifikat vorweisen, mit dem sie nachweisen können, dass sie entweder geimpft, negativ getestet oder genesen sind.

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Für private und öffentliche Veranstaltungen gelten wieder Personenhöchstzahlen. Wer in den Ferien ins Ausland will, muss nach der Rückkehr aus den meisten Ländern eine Woche in Quarantäne, sogar wenn man doppelt geimpft ist. Individualtouristen dürfen ohnehin noch nicht ins Land.

Als letzte Option zur Eindämmung der Epidemie spricht die Regierung von einem weiteren vollständigen Lockdown. Damit will sie diejenigen überzeugen, die sich bisher geweigert haben, sich impfen zu lassen. "Wir müssen die Öffentlichkeit auf einen Lockdown im September vorbereiten", warnte zuletzt Verteidigungsminister Benny Gantz. In einer Zeit vieler jüdischer Feiertage träfe es die israelische Wirtschaft dann zumindest nicht ganz so hart.

Quelle: ntv.de

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