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Vieh in Gefahr Der Kuh-Klau-Klan in Brandenburg

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Die Bauern in Brandenburg fürchten um ihr Vieh.

(Foto: imago/Frank Sorge)

Wenn die Sonne aufgeht auf der Weide, dann beginnt das Herzklopfen: Sind noch alle Rinder da? In Brandenburg sind Vieh-Diebstähle seit Jahren ein großes Problem - manchmal ist mit einem Schlag eine ganze Rinderherde verschwunden.

Plattes Land, Wiesen, Weiden und ein paar 100 Einwohner, am Ende des Dorfes eine ehemalige LPG. Auf dem Hof, der nah an der deutsch-polnischen Grenze liegt, wurden die alten Betongebäude zu luftigen Ställen umgebaut und eine Biogasanlage installiert. Die Rinder sollen es gut haben. Doch die Stalltore müssen nachts geschlossen bleiben. Denn die Diebe kommen im Schutz der Dunkelheit. Sie kommen und stehlen die Rinder. Ganze Tierherden sind in Brandenburg verschwunden.

Anfang des Jahres entführten Diebe mindestens 37 Tiere aus einem Rinderstall in Lieskau (Elbe-Elster). In einigen Fällen gelang es Unbekannten nur, eine Handvoll Tiere mitzunehmen. So waren eines Morgens aus einer Agrargenossenschaft in Neißemünde (Oder-Spree) plötzlich vier Zuchtbullen spurlos verschwunden. Das war Anfang Februar. Und eine Koppel in Luckau (Dahme-Spreewald) war im Januar ebenfalls plötzlich leer: Die 32 Rinder wurden nie wieder gesehen. Ebenfalls in Brandenburg im Landkreis Oberspreewald-Lausitz wurden im Februar 2016 auf einen Schlag 59 Bullenkälber gestohlen - bisheriger Rekord.

Verdacht der Cyberkriminalität

2015 wurden in Brandenburg 19 Diebstähle mit 59 entwendeten Tiere zur Anzeige gebracht. Im vergangenen Jahr wurden 261 Rinder gestohlen. Im laufenden Jahr stehen bislang sieben Anzeigen mit mehr als 100 entwendeten Tieren in den Akten, wie Mario Heinemann vom Polizeipräsidium Brandenburg n-tv.de bestätigt.

Schweine, Schafe und Ziegen spielen in dieser aktuellen Diebstahlsstatistik kaum eine Rolle. Begehrt sind nur Rinder. Viele der verschwundenen Kühe sind wertvolle Zuchttiere. Ein normaler ausgewachsener Schlachtbulle bringt einem Bauer rund 2500 Euro, ein richtig guter Zuchtbulle dagegen bis zu 25.000 Euro.

Doch wie erkennen die Diebe, ob sie einer wertvollen Zuchtkuh gegenüberstehen, wenn das nicht mal ein erfahrener Bauer auf den ersten Blick kann? Das Innenministerium vermutet, dass sich die Täter Zugriff auf die IT-Systeme der Betriebe verschafft haben und so bereits im Vorfeld bestens über die Beute im Bilde sind. "Wir haben den Verdacht der Cyberkriminalität, sagte Innenministeriumssprecher Ingo Decker jüngst gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

Die Ermittler gehen von Banden aus Osteuropa aus. Dafür gibt es mehrere Indizien. Zum einen befanden sich alle Tatorte im Ostteil Brandenburgs. Außerdem lagen die Tatorte meist in unmittelbarer Nähe einer Autobahnauffahrt oder einer Bundesstraße. Die Täter konnten also schnell verschwinden. Am wichtigsten jedoch ist laut Decker der Fakt, dass die Tiere in Deutschland und wohl auch EU-weit ohne die entsprechenden Abstammungspapiere "ganz einfach wertlos" sind.

"Wie im Wilden Westen"

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke spricht von unhaltbaren Zuständen für die Bauern im Land. "Das ist eindeutig organisierte Kriminalität", urteilte der SPD-Politiker. Polizei und Staatsanwaltschaft müssten mit Nachdruck dem vergleichsweise neuen Phänomen nachgehen und ihm möglichst schnell ein Ende setzen, so der Ministerpräsident. Man könne den Eindruck erhalten, in Brandenburg gehe es zu wie im Wilden Westen, so Woidke weiter. Das dürfe so nicht weitergehen.

Seit Anfang März macht Brandenburgs Polizei mit der "Soko Koppel" Jagd auf Rinderdiebe. Landesweit wurden entsprechende präventive Maßnahmen veranlasst. "Schwerpunktmäßig geht es dabei um Kontrollen relevanter Fahrzeuge und die Sensibilisierung von potenziellen Geschädigten einschließlich einfacher technischer Präventionsberatung", erläutert Heinemann. Offenbar mit Erfolg.

Der letzte Diebstahl des von den Medien getauften Kuh-Klau-Klans ereignete sich am 20. Februar. Seitdem wurden keine weiteren Angriffe auf Viehbestände mehr gemeldet. Warum, ist unklar. Es sei möglich, dass dies mit der neuen Aufmerksamkeit der Ermittler und der Berichterstattung über den "Wilden Osten" zu tun habe, sagt Heinemann. Aber es gibt natürlich keine Gewähr dafür, dass dies so bleibe. Er erhalte bereits Anrufe von seinen Kollegen aus anderen Bundesländern, die nun ihrerseits mehr Viehdiebe jagen müssen.

Quelle: n-tv.de

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