Panorama

Reha-Station in Simbabwe Elefantenwaise "Moses" sucht sich Rettung

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Der kleine Elefantenbulle ist bereits ein gutes Stück gewachsen.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Normalerweise finden die Elefantenschützer ihre Schützlinge in der Wildnis Simbabwes. Doch inzwischen hat sich die Rettungsmission offenbar herumgesprochen, wie der Fall eines kleinen Elefantenbullen zeigt.

Die Mittagssonne im simbabwischen Reservat Panda Masuie unweit der bekannten Viktoriafälle brennt heiß. Eine kleine Elefantenherde veranstaltet mit Wonne in einem der raren Wasserlöcher eine wahre Schlammschlacht. Die Älteren saugen literweise Wasser in ihren Rüssel und spritzen gönnerhaft um sich. Die gelungene Elefantendusche erfreut alle Umstehenden.

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Wasser und Schlammbäder sind noch nichts für Moses.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Nur der Kleinste in der Herde findet es gar nicht schön. Er rettet sich auf eine Mini-Insel im Wasserloch und schüttelt seinen Kopf, der einige Tropfen abbekommen hat. "Moses mag kein Wasser", lacht Francis Ncube laut. Er beobachtet das Spektakel mit gebührendem Abstand. "Er will trocken bleiben werden und wenn Moses etwas will, dann schafft er es auch." Der junge Elefantenbulle hat das wahrlich bewiesen. Moses ist so etwas wie ein Wunderkind.

Wie aus dem Nichts tauchte er an einem späten Nachmittag Ende Juli am Zaun der Rehabilitations-Station von "Wild is Life" auf. Es ist die einzige derartige Einrichtung in Simbabwe. 14 Elefanten werden hier auf ihre Freilassung in die Wildnis vorbereitet. Die meisten von ihnen sind Waisen oder wurden vom Tierschutzverein gerettet.

Jetzt verbringen die Dickhäuter die Tage frei in dem 34.500 Hektar großen Schutzgebiet Panda Masuie, das zwischen den Nationalparks Sambesi und Kasuma liegt. Es soll als Teil des geplanten grenzübergreifenden Schutzgebiets KAZA zwischen Simbabwe, Botsuana, Namibia und Sambia riesigen Elefantenherden Migrationskorridore bieten. Francis Ncube und seine Kollegen begleiten die Waisenherde jeden Tag, mit Abstand. Am späten Abend führen sie sie mit sanften Gesten zurück in die Ställe der Station, wo sie schlafen.

An jenem Tag im Juli bemerkt Francis Ncube eine gewisse Unruhe unter den Dickhäutern, als sie im Gehege ankommen. Dann sieht er das Elefantenbaby am Zaun, den Rüssel weit nach oben gestreckt. Schnüffelnd. Die Elefantenwaisen im Gehege tun es ihm gleich. "Es war seltsam. Dieses erst circa 6 Monate alte Elefantenkalb stand ganz allein dort", erinnert sich Brighton Bunu. Der 37-Jährige arbeitet seit Jahren mit Elefanten. "Elefantenmütter verlassen ihre Kälber nie. Wir haben also darauf gewartet, dass seine Mutter zum Vorschein kommt. Wilde Elefanten besuchen unser Gehege oft. Es schien nicht ungewöhnlich." Eher willkommen. Der Kontakt zu wilden Elefanten ist wichtig für die Rehabilitation.

Hoffen auf freiwillige Auswilderung

Das im Mai 2018 gestartete Projekt von "Wild For Life" baut auf eine sanfte Rückkehr in die Wildnis. Die Elefanten entscheiden selbst, ob sie bleiben oder sich einer wilden Herde anschließen. Letzteres geschieht tagsüber, während die Elefantenwaisen meist am Wasserloch auf wilde Artgenossen treffen. Die Pfleger ziehen sich dann auf eine Art Hochsitz zurück und lassen dem Treffen seinen natürlichen Lauf. "Hier halten sich je nach Jahreszeit Tausende Elefanten auf", sagt Jos Danckwerts, Leiter der Rehabilitations-Station, die von der international tätigen Tierschutzorganisation IFAW finanziell unterstützt wird. Fünf Dickhäuter aus Panda Masuie haben sich bisher permanent einer wilden Herde angeschlossen. "Zwei andere sind nach einigen Wochen zu uns zurückgekehrt", sagt Danckwerts und lacht. "Sie mögen uns offensichtlich ganz gern."

Der Anblick des Elefantenbabys am Zaun ist also nicht ungewöhnlich. Überraschend ist nur, dass es allein war - und blieb. "Wir haben gewartet, aber es kam keine Elefantenkuh", sagt Francis Ncube. "Also haben wir das Gehege geöffnet und unsere Elefanten sind sofort hinausgegangen. Was dann geschah, war außergewöhnlich."

Die 24-jährige Elefantenkuh Nkanyezi geht voran. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Sie beruhigt den Unbekannten mit tiefem Grollen. Der Kleine bleibt stehen. Selbstbewusst und mit klarer Botschaft: "Ja, kommt bitte her." Die Herde nimmt die Einladung an. Jeder Elefant tastet das Baby mit dem Rüssel ab. Auf dem Handyvideo, das Francis Ncube von dieser ersten Begegnung filmte, sieht es aus, als würde der Neuling kollektiv gekuschelt.

Dann hebt er seinen kleinen Rüssel und läuft voran, schnurstracks auf das Eingangstor des Geheges zu. Nkanyezi und ihre Freundin umrahmen ihn, heben gar einen umgefallenen Baum hoch, der dem Kleinen den Weg versperrt. Nkanyezi gibt ihrem neuen Adoptivbaby einen sanften Schubs, als er auf den letzten Metern zögert, an einem der Menschen vorbei in sein neues Zuhause zu gehen. Von diesem Moment an nannten ihn die Wärter Moses.

"Es gibt hier so viele Löwen und Hyänen, für die ein kleiner Elefant wie Moses leichte Beute ist", sagt Jos Danckwerts. Er ist Moses' Spuren gefolgt, in der Hoffnung, seine Mutter zu finden. Der kleine Bulle hatte eine leichte Verletzung am Schwanz, als sei er eingeklemmt gewesen. "Er kam aus Norden. Mindestens drei Kilometer ist Moses gelaufen." Die Spur führte bis an die Grenze des Sambesi -Nationalparks. Danckwerts hat keine verletzte oder tote Elefantenkuh gefunden, die Ranger des Nationalparks auch nicht. Es ist bis heute völlig unklar, woher Moses kommt.

Schwere Traumata

Knapp drei Monate ist er nun schon bei seiner neuen Familie. Nkanyezi, die jahrelang als Reit-Elefantin gelitten hat, geht vollends in der Mutterrolle auf. Sie war nicht die einzige Anwärterin. Auch Nora, eine 27-jährige Elefantendame, wollte sich des kleinen Moses annehmen. Aber Moses hat sie abgewimmelt.

Nora hat Schlimmes erlebt. Sie ist auf einem Auge blind. Jahrelang stand sie für Touristen angekettet neben einem anderen Elefantenbullen, dem einzigen Freund und Artgenossen in ihrem damaligen Leben. Der tötete eines Tages seinen Pfleger. Danckwerts meint, der Elefant wird seinen Grund gehabt haben. "Der Besitzer hat den Bullen vor Noras Augen erschossen", erzählt der Projektleiter sichtlich berührt. "Er sagte, er wollte Nora damit eine Lektion erteilen."

Elefanten haben enge, innige Beziehungen zu anderen Herdenmitgliedern. Nora wird der Tod ihres Freundes schwer zugesetzt haben. Sie wurde vom simbabwischen Tierschutzverein gerettet. Nach Jahren Pflege in einer Rettungsstation nahe der Hauptstadt Harare, die Jos Danckwerts Mutter gegründet hat, soll Nora nun hier in Panda Masuie entscheiden dürfen, ob sie wild sein möchte. Aber seit Moses' Ankunft ist sie viel mehr damit beschäftigt, sich um den Kleinen zu kümmern, wenn Nkanyezi es zulässt. "Moses hat einen echt starken Charakter", lacht Danckwerts. "Alle in der Herde lieben ihn und die Wärter auch."

Das Auswilderungsprojekt von IFAW und "Wild is Life" ist nicht unumstritten. In Simbabwe sind Elefanten nicht bedroht. Bis zu 100.000 leben in dem südafrikanischen Land, laut Regierung viel mehr, als das Land Platz hat. Die Elefanten leben auf engem Raum mit zunehmend mehr Menschen. Sie zerstören Felder und marschieren auch schon mal durch die Städte und Dörfer. Wilde Elefanten sind gefährlich, besonders gestresste, die ständig auf der Flucht vor aggressiven und bewaffneten Menschen sind. Der Tier-Mensch- Konflikt ist riesig und der Schaden, den Elefanten in den Wäldern anrichten, ebenso.

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Moses bekommt noch Muttermilch.

(Foto: Nicole Macheroux-Denault)

Warum also diesen Aufwand betreiben, um einige wenige Dickhäuter zu retten? "Ich verstehe die Frage nicht", sagt Jos Danckwerts. "Uns ist klar, dass es eine generell gesunde Elefantenpopulation in Simbabwe gibt, aber es gibt keine Toleranz gegenüber Elefanten." Danckwerts sieht seinen Einsatz und das Projekt ideologisch. "Elefanten brauchen mehr Platz! Wir wollen Menschen zeigen, was für komplizierte und wertvolle Tiere sie sind. Wir wollen bei Menschen Zuneigung für Elefanten schaffen."

Neue Freunde

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In dem Sinne ist Moses ein Himmelsgeschenk. Seine Geschichte hat alles, was das Projekt in Panda Masuie ausmacht. Moses' Ankunft hat den Alltag der Herde maßgeblich verändert. Es wird viel Rücksicht auf ihn genommen. Das Gehege wird nachts unterteilt, um möglicherweise folgenreiche Eifersüchteleien rund um Moses zu vermeiden. Auch ist Danckwerts jetzt etwas unruhig, wenn eine Herde wilder Elefanten naht. Es wäre seiner Meinung nach zu früh, Moses ziehen zu lassen, denn er braucht noch Muttermilch: drei Riesenfläschchen Spezialmilch pro Tag. Es ist unglaublich niedlich, wenn der inzwischen gut gewachsene Baby-Bulle mittags zum Wasserloch rennt und dem Wärter zutrötet, der dort mit seiner Milchflasche wartet.

Sein fünf Monate älterer Freund Samson, auch eine Waise, rennt mit ihm um die Wette. Auch er bekommt noch Milch, doch kann seine Flasche schon allein mit dem Rüssel festhalten. Moses will das auch - unbedingt! Er drückt den Wärter störrisch weg, doch jedes Mal fällt die Flasche hin. Moses' Rüssel ist einfach noch zu klein und schwach. Nicht jedes Wunder ist riesig.

Quelle: ntv.de

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