Panorama

Juristischer Streit um Hirntod Familie von 12-jährigem Archie hofft auf Wunder

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Archie ist nach dem Unfall nicht wieder zu Bewusstsein gekommen.

(Foto: picture alliance / empics)

Wann gibt man bei einem schwer kranken Kind auf? In Großbritannien verfolgen die Menschen voller Mitgefühl den Fall des 12-jährigen Archie Battersbee, der im April bei einem Unfall schwere Hirnschäden erlitt und über dessen Schicksal nun Richter entscheiden sollen.

Seit dem 7. April 2022 ist im Leben der Familie von Archie Battersbee nichts mehr, wie es war. An diesem Tag findet seine Mutter Hollie Dance den 12-Jährigen bewusstlos zu Hause im britischen Southend-on-Sea. Es sieht zunächst so aus, als habe er sich bei einem seltsamen Unfall versehentlich die Luft abgeschnürt. Später äußert seine Mutter die Vermutung, ihr Sohn könnte bei einer entsprechenden Tiktok-Challenge mitgemacht haben.

Im November 2021 hatte es einen ähnlichen Fall in Italien gegeben. Antonella aus dem sizilianischen Palermo folgte vermutlich der "Blackout Challenge". Dabei ging es darum, sich selbst so lange wie möglich die Luft abzuschnüren. Sie hatte sich dazu im Badezimmer eingeschlossen und mit dem Handy dabei gefilmt, wie sie sich mit dem Bademantelgürtel die Luft abschnürte. Ihre Schwester entdeckte Antonella schließlich bewusstlos, im Krankenhaus kämpften die Ärzte noch um das Leben des Mädchens, mussten dann aber den Hirntod feststellen. Das Mädchen wurde nur zehn Jahre alt.

Auch Archie Battersbee kam umgehend ins Krankenhaus und wird seitdem im Royal London Hospital in Whitechapel behandelt. Seit dem 7. April hat er das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Im Juni teilten seine behandelnden Ärztinnen und Ärzte mit, dass sie glauben, dass er "sehr wahrscheinlich" hirntot ist. Die logische Konsequenz dieser Einschätzung ist für die Mediziner, dass die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden. Den Weg dafür sollte in diesem Fall eine richterliche Entscheidung freimachen. Das britische Gesundheitssystem NHS steht in dem Ruf, teure Behandlungen lieber früher als später zu beenden.

Erinnerungen an Alfie

Anfang Juni 2022 erläuterte ein nicht namentlich genannter Spezialist aus dem ärztlichen Team die aktuelle Einschätzung eines zuvor erfolgten Gehirn- und Wirbelsäulenscans. Demnach ist der untere Teil des Hirnstamms von Archie Battersbee erheblich geschädigt, der obere Teil sei ebenfalls geschädigt. Archies Prognose sei "sehr ernst" und die Heilungschancen "sehr gering".

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Archie und seine Mutter vor dem Unfall.

(Foto: picture alliance / empics)

Seitdem stemmt sich die Familie des Jungen mit aller Kraft dagegen, dass die medizinische Unterstützung des 12-Jährigen eingestellt wird. Die Eltern Hollie Dance und Paul Battersbee argumentieren, das Herz ihres Kindes schlage noch immer. Sie wollen, dass die Behandlung unbedingt fortgesetzt wird. Als Beweis führen sie auch an, dass Archie den Druck erwidere, wenn sie seine Hände halten. "Ich denke, das ist seine Art, um mir zu sagen, dass er noch immer da ist und einfach mehr Zeit braucht", sagte Dance der BBC.

Wie schon früher bei ähnlichen Fällen, wie etwa dem von Alfie Evans im Jahr 2018, kämpft eine Familie darum, ein Kind nicht zu früh aufzugeben. Alfie hatte eine schwere neurologische Krankheit, konnte sich nicht bewegen, nicht hören und auch nicht sprechen. Den Angaben der Ärzte zufolge war fast sein gesamtes Hirn geschädigt. Auch wenn eine genaue Diagnose seiner Erkrankung nicht möglich war, vertraten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte die Auffassung, dass weitere lebenserhaltende Maßnahmen sinnlos seien. Eine Verlängerung seines Leidens sei unmenschlich. Alfies Eltern hingegen stritten für eine weitere Behandlung und versuchten diese auch juristisch zu erzwingen. Auf ein letztinstanzliches Urteil hin wurden die unterstützenden Maschinen schließlich abgeschaltet. Alfie atmete daraufhin kurze Zeit selbstständig, starb dann aber elf Tage vor seinem zweiten Geburtstag.

Diagnosen gegen Gefühle

Ob Archies Fall die Gerichte ähnlich lange beschäftigen wird, lässt sich noch nicht absehen. Aber auf jedes Argument der Eltern folgt eine Erklärung der Ärzte. Sie führen beispielsweise die vermeintliche Reaktion auf das Halten der Hände eher auf eine Muskelversteifung zurück.

Die Aussichtslosigkeit von Archies Lage begründen sie mit den schweren Verletzungen, die der Junge im April davongetragen habe. Sein Hirnstamm sei zu 50 Prozent beschädigt, bei 10 bis 20 Prozent sei bereits sichtbar, dass dort das Gewebe abgestorben sei. Für die Ärzte ist Archie bereits "unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeiten (…) an den Folgen einer irreversiblen Beendigung der Hirnstammfunktion gestorben", wie es vor Gericht hieß. Der Hirnstamm liegt an der Basis des Gehirns über dem Rückenmark. Er ist für die Regulierung der meisten lebenswichtigen automatischen Funktionen des Körpers verantwortlich.

Archies getrennt lebende Eltern bekommen von der Organisation Christian Legal Centre Unterstützung in der rechtlichen Auseinandersetzung. Seit Mitte Mai wird zudem auf einer Gofundme-Seite Geld gesammelt, zunächst um medizinische Tests oder Behandlungen zu bezahlen. Inzwischen wird das Geld nach Angaben der Initiatorinnen auch für die juristische Auseinandersetzung verwendet. Die ursprünglich angepeilten 20.000 Britische Pfund sind längst überschritten, viele der Spenderinnen und Spender äußern ihr Mitgefühl mit der Familie und ermutigen diese, weiterzukämpfen.

Hoffen auf das Unwahrscheinliche

Hollie Dance gibt regelmäßig Interviews. Der BBC erzählte sie, dass sie jede Nacht am Krankenhausbett ihres Sohnes schläft. "Er ist so schön - er ist engelhaft. Es ist nicht anders als zu Hause. Er sieht friedlich aus - er schläft", so Dance. Sie spreche auch mit ihm und sage: "Du musst jetzt wirklich aufwachen, denn wir haben den größten Kampf unseres Lebens und es wird wirklich großartig, wenn du mir hilfst."

Archies Familie bittet um mehr Zeit für ihren Jungen, der vor jenem verhängnisvollen 7. April Kampfsport machte und turnte. Er brauche einfach noch Zeit, um sich von einer schweren Hirnverletzung zu erholen. "Ich weiß, dass sie nicht viele Betten im Krankenhaus haben, aber ich verstehe die Eile nicht", so Archies Mutter gegenüber Sky.

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Vielleicht ist Archie genauso ein unwahrscheinlicher Fall wie der damals 18-jährige Lewis Roberts, der im März 2021 von einem Lieferwagen angefahren wurde und dabei schwere Kopfverletzungen erlitt. Nach einigen Tagen im Krankenhaus wurde er für hirntot erklärt. Kurz bevor seine Organe gespendet werden sollten, begann er wieder selbstständig zu atmen. Sechs Monate nach dem Unfall gelang es ihm das erste Mal, wieder zu sprechen. Seine Familie berichtet, dass er auf Schmerztests reagiert, indem er blinzelt, selbstständig Gliedmaßen, den Kopf und auch seinen Mund bewegt.

Archies Eltern legten erneut Berufung ein, nachdem ein Gericht die Abschaltung der lebenserhaltenden Maschinen bereits verfügt hatte. Nun soll es am 11. Juli eine weitere Anhörung vor Gericht geben. Bis dahin hoffen sie auf ein Wunder.

(Dieser Artikel wurde am Samstag, 02. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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