Panorama

Attacke im RegionalzugGericht ringt um Wahrheit im Fall von getötetem Zugbegleiter

24.06.2026, 06:59 Uhr
00:00 / 05:04
Eray-Calar-zeigt-auf-seinem-Handy-ein-Foto-seines-getoeteten-Bruders-Serkan-Calar-Das-Selfie-zeigt-den-Zugbegleiter-am-Morgen-seines-Todes-Der-Angestellte-der-Deutschen-Bahn-war-im-Februar-2026-waehrend-einer-Fahrkartenkontrolle-in-einem-Regionalexpress-von-einem-Fahrgast-angegriffen-worden-und-spaeter-an-seinen-Verletzungen-gestorben
Serkan Çalar am Morgen seines Todes. (Foto: picture alliance/dpa)

Ein tödlicher Angriff im Regionalzug erschüttert das Land im Februar. Nach einer Ticketkontrolle stirbt der Zugbegleiter Serkan Çalar. War es Mord oder eskalierte Gewalt? Jetzt beginnt ein Prozess, der viele Fragen klären muss.

Anfang Februar wird ein Zugbegleiter in einem Regionalexpress in der Westpfalz der Staatsanwaltschaft zufolge von einem Schwarzfahrer angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Zwei Tage später stirbt der Schaffner an einer Hirnblutung im Krankenhaus. Der Fall löst bundesweit eine Debatte über Sicherheit im Bahnverkehr aus. Nun beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Zweibrücken.

Der 26 Jahre alte Angeklagte soll dem Zugbegleiter mehrere kräftige Faustschläge gegen den Kopf versetzt haben, worauf dieser bewusstlos zu Boden fiel. Während die Staatsanwaltschaft den Griechen wegen Mordes angeklagt hat, wertet das Landgericht die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge. Das Gericht sieht aktuell keine Gründe für einen Tötungsvorsatz.

Die Familie des Opfers reagierte darauf enttäuscht. "Mehrere kräftige Faustschläge gegen den Kopf und gegen die Schläfen", betonte Eray Çalar, ein Bruder des Opfers. "Was unserem Bruder angetan wurde, ist mehr als Körperverletzung mit Todesfolge."

Wie konnte es dazu kommen, dass der Angeklagte nach einer alltäglichen Ticketkontrolle mutmaßlich so ausrastete? Das ist eine der Fragen, auf die sich viele Menschen eine Antwort erhoffen. Im Prozess wird es auch darum gehen, ob es bei dem Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge bleibt. Wenn sich im Prozess doch Hinweise auf einen Tötungsvorsatz ergeben, könne das Gericht einen entsprechenden rechtlichen Hinweis erteilen, hieß es.

Trauer um alleinerziehenden Vater

Der Zugbegleiter hatte den Mann der Anklage zufolge am 2. Februar in einem Regionalexpress bei Landstuhl aufgefordert, sein Ticket zu zeigen. Der Mann hatte aber keinen Fahrschein und wollte sich nicht ausweisen. Daraufhin wurde er aufgefordert, den Zug zu verlassen. Das habe den Mann offenbar so aufgebracht, dass er gewalttätig wurde.

Getötet wurde der 36 Jahre alte Zugbegleiter Serkan Çalar. Nach seinem Tod hat die Familie gebeten, seinen vollen Namen zu nennen. Çalar war der älteste von fünf Brüdern und alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Er sei verlobt gewesen und habe sich auf die gemeinsame Zukunft und die geplante Hochzeit gefreut, hatten die Anwälte der Familie mitgeteilt.

"Wir wollen Gerechtigkeit nicht nur für meinen Bruder, sondern für alle. Auch für jeden Kollegen meines Bruders", sagte Eray Çalar vor Prozessbeginn. "Kein Zugbegleiter in Deutschland sollte denken: Bin ich der Nächste? Nein - wir gehen ins Landgericht nicht nur, weil er unser Bruder war, sondern weil er ein Mensch war."

In der Presse sei Serkan Çalar meist "ein Zugbegleiter", sagte Eray Çalar. "Aber er war mehr als nur diese Berufsbezeichnung. Er war ein sehr besonderer Mensch. Einer, den man nicht hassen konnte. Serkan war das Herz unserer Familie und hinterlässt eine sehr große Lücke. Er hinterlässt einen Schmerz, den man nie mehr heilen kann."

Die beiden Söhne des Alleinerziehenden, zehn und zwölf Jahre alt, könnten den Verlust immer noch nicht ganz realisieren. "Aber sie wissen, dass der Vater weg ist", schilderte Eray Çalar. "Und das tut ihnen unheimlich weh, auch wenn sie es nicht merken lassen wollen. Aber ihre Augen zeigen nicht mehr das Lachen von früher."

Gefährlicher Traumjob

Serkan Çalar sei als Zugbegleiter auch schon zuvor attackiert worden. "Er wurde beleidigt und bespuckt", sagte Eray Çalar. "Aber es war sein Traumjob, obwohl er manchmal Angst hatte. Man kann aber nicht von heute auf morgen alles hinschmeißen, wenn man für zwei Kinder sorgen muss."

Die Welle der Solidarität nach der Tat sei wohltuend gewesen. "Den Zusammenhalt von Menschen zu sehen, war auf jeden Fall etwas Schönes. Aber man hätte ihn sich schon im Zug gewünscht. Wenn Passagiere eingegriffen hätten, wäre mein Bruder vielleicht noch hier", meinte Eray Çalar.

Der Angeklagte hat einen Wohnsitz in Luxemburg. Nähere Angaben zu dem Mann gab es zunächst nicht. Der Staatsanwaltschaft Zweibrücken zufolge hat er das "objektive Tatgeschehen" eingeräumt, einen Tötungsvorsatz jedoch bestritten und sich teilweise auf Erinnerungslücken berufen.

Insgesamt sind am Landgericht Zweibrücken derzeit acht Verhandlungstage geplant. Mit einem Urteil wäre dann am 9. Juli zu rechnen. Zum Prozessauftakt wird mit einem großen Medien- und Zuschauerandrang gerechnet.

Quelle: ntv.de, sba/dpa

Mord und TotschlagRheinland-PfalzTodesfälleProzesseDeutsche Bahn