Panorama

Nur Pflegeheime sicher Impfquoten sprechen gegen März-Öffnungen

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Im März werden noch zu wenige Menschen der vulnerablen Gruppen geimpft sein, um Öffnungen im größeren Maßstab riskieren zu können.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Das Land kann theoretisch höhere Inzidenzen verkraften, wenn die vulnerablen Gruppen geimpft sind. Doch bisher trifft das nur auf Pflegeheime zu. Die meisten der über 80-Jährigen warten noch auf die Impfung und fast keiner der vielen Millionen Menschen mit Vorerkrankungen ist bisher geschützt.

Nach einem Jahr Pandemie und jetzt bereits vier Monaten erst im "sanften" und dann "harten" Lockdown sind viele Menschen müde, erschöpft und genervt. Einer aktuellen Umfrage zufolge ist nur noch gut ein Drittel der Bevölkerung für eine Beibehaltung (26 Prozent) oder Verschärfung (9 Prozent) der geltenden Einschränkungen. 43 Prozent meinen dagegen, der Lockdown sollte weiter gelockert werden. 17 Prozent sind sogar für eine komplette Rückkehr zur Normalität. Doch dies könnte zahlreiche schwere Erkrankungen und Todesfälle zur Folge haben. Denn außerhalb von Pflegeheimen sind die Impfquoten noch so niedrig, dass eine dritte Welle Millionen über 80-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen schutzlos treffen würde.

Der Lockdown hat sich festgefahren, die Fallzahlen sinken nicht weiter, sie steigen sogar wieder leicht an. Dies liegt neben einer lascheren Regelbefolgung vermutlich vor allem an der Ausbreitung der Virus-Mutante B.1.1.7. Daraus folgt die große Gefahr, dass Geschäftsöffnungen und andere Lockerungen zu einer erneut raschen Zunahme der Neuinfektionen führen könnten. Begleitende Schnelltests, die einen Anstieg verhindern oder wenigstens abmindern könnten, stehen noch nicht im ausreichenden Maß zur Verfügung beziehungsweise fehlen bisher die dafür nötigen Strukturen oder Finanzierungspläne.

Weniger Todesfälle zu erwarten

Mit stagnierenden oder moderat höheren Infektionszahlen würde Deutschland vermutlich klarkommen, da die Pflegeheime in Kürze durchgeimpft sein werden. Laut Statistischem Bundesamt werden derzeit etwas mehr als 818.000 Menschen in stationären Einrichtungen versorgt. Den jüngsten RKI-Zahlen nach haben rund 591.000 von ihnen bereits beide Impfdosen erhalten, knapp 814.000 die erste Dosis.

Damit würde eine dritte Corona-Welle voraussichtlich deutlich weniger Todesfälle zur Folge haben als die verheerende zweite. Denn viele, die ihr zum Opfer fielen, lebten in Pflegeheimen. Der SWR berichtete beispielsweise, in Baden-Württemberg hätten 40 Prozent der Corona-Toten in Seniorenheimen gelebt, die Hessenschau schrieb im November von zwei Dritteln, in Berlin ist die Bilanz dem RBB nach ebenso erschütternd. In Bayern lebte laut "Süddeutscher Zeitung" im gesamten Pandemie-Verlauf jeder zweite Corona-Tote zuvor im Heim.

In den Einrichtungen leben viele Menschen, die über 80 Jahre alt sind. Diese Gruppe hat mit Abstand das höchste Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken oder zu sterben. Laut RKI waren von allen bisherigen Corona-Toten 89 Prozent 70 Jahre und älter. Der Altersmedian liegt bei 84 Jahren.

Erfreulicherweise sinken die Inzidenzen der über 80-Jährigen derzeit gegen den allgemeinen Trend. In der ersten Januarwoche registrierte das RKI bei den 80- bis 84-Jährigen innerhalb von sieben Tagen noch 233 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, in der Altersgruppe darüber 389 und bei den Menschen, die älter als 90 Jahre sind, sogar 658. Vor zwei Wochen waren die Werte auf 70, 106 und 159 gefallen, am vergangenen Dienstag betrugen die Inzidenzen der über 80-Jährigen 60, 92 und 130.

Impftempo zu langsam

Mit zunehmenden Fallzahlen werden aber auch die Inzidenzen der über 80-Jährigen wieder ansteigen. Und viele der mehr als 5,6 Millionen Senioren dieser Altersgruppe, die nicht in Heimen leben, sind noch nicht geimpft. Nur etwa 1,85 Millionen von ihnen haben bisher die erste Dosis erhalten, gerade mal rund 795.000 genießen schon den vollen Impfschutz.

Bis die über 80-Jährigen weitgehend geschützt sein werden, kann es beim aktuellen Impftempo in Deutschland noch eine ganze Weile dauern. Denn seit vergangenem Donnerstag sind erst rund 250.000 Erstimpfungen hinzugekommen, die Zahl der Menschen mit zwei Dosen in dieser Altersgruppe stieg um etwa 95.000.

Das Impftempo soll und muss in den kommenden Wochen aber erhöht werden, aus einem Mangel an Vakzinen wird sonst voraussichtlich schon bald ein Überschuss. Voraussichtlich dauert es also nicht so lange, die über 80-Jährigen zu schützen. Trotzdem sprechen die Zahlen dafür, mit Lockerungen noch bis zum April zu warten.

Noch gefährlicher sind zu frühe Öffnungen ohne begleitende Teststrategie für alle anderen vulnerablen Gruppen. Schon im November wies Virologin Sandra Ciesek im NDR-Podcast darauf hin, dass einer AOK-Studie nach 26,4 Prozent der Deutschen aufgrund von Vorerkrankungen ein hohes Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung haben. Eine RKI-Studie hat dies kürzlich weitgehend bestätigt.

Die meisten vulnerablen Menschen noch nicht geimpft

Es sind also mindestens 20 Millionen Menschen betroffen. Weil diese laut Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums bisher nur in Ausnahmen oberste Priorität haben, wurden sie bisher kaum geimpft, lediglich 3,6 Prozent der Gesamtdosen wurden Menschen mit Vorerkrankungen gespritzt. Nur knapp 150.000 haben die erste Dosis erhalten, gerade mal rund 82.000 beide.

Schließlich darf das Risiko für Menschen unter 80 Jahren, schwer an Covid-19 zu erkranken oder zu sterben, nicht vernachlässigt werden. Die Ü70-Gruppe folgt erst, wenn die ältere Altersgruppe versorgt ist beziehungsweise genügend Impfstoff für beide da ist. Und ein 79-jähriger Mann ist kaum weniger gefährdet als eine 81-jährige Frau.

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat ermittelt, dass Menschen über 85 Jahre ein 7900 Mal höheres Risiko haben, an Covid-19 zu sterben als 5- bis 17-Jährige. Bei 75- bis 85-Jährigen beträgt der Faktor 2800 und Menschen zwischen 65 und 74 Jahren haben immer noch ein 1100-fach höheres Sterbe-Risiko.

Quelle: ntv.de