Politik

Strategiepapier zu Arztpraxen Im April muss Deutschland Massen impfen können

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Ein Impfbus im Rheinland-Pfalz-Kreis.

(Foto: picture alliance/dpa)

Schon im April übersteigt die Zahl der Impfstofflieferungen nach internen Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums die Kapazitäten zum Verimpfen. Jens Spahns Haus arbeitet unter Hochdruck daran, die Arztpraxen einzubeziehen. Doch es sind weiter Fragen offen.

Jetzt ist Druck im Kessel: "In den meisten Ländern wird die Zahl der verfügbaren Impfdosen bereits im April die von den Ländern gemeldeten maximalen Kapazitäten in den Impfzentren übersteigen", stellt das Bundesgesundheitsministerium (BMG) in einem Vorschlag zur Weiterentwicklung der Nationalen Impfstrategie fest. Der Ministeriumsentwurf mit Datum 1. März liegt der Redaktion von RTL und ntv vor. Er besagt nicht weniger als: In vier Wochen muss das Land Massenimpfungen können. Daran aber gibt es erhebliche Zweifel.

Bis Ende der ersten Märzwoche rechnet das Ministerium mit der Lieferung von 11 Millionen Impfdosen, von denen bislang 6 Millionen für Erst- und Zweitimpfungen verspritzt worden seien. Das heißt: In den pharmazeutischen Kühlschränken liegen bis Freitag fast so viele Dosen, wie Deutschland bis dahin binnen elf Wochen zu verspritzen geschafft hat. Davon werden zwar viele Dosen für eine Zweitimpfung zurückgehalten. Doch nach Berechnungen des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland belief sich schon vor einer Woche der Rückstau auf rund 680.000 Impfdosen.

Im zweiten Quartal wird geliefert

"Die Impfkampagne muss nun also deutlich an Fahrt gewinnen", stellen die BMG-Autoren fest. Die Zahl der in den Impfzentren und durch die mobilen Impfteams der Länder tatsächlich durchgeführten Impfungen pro Woche müsse "wie zugesagt verdoppelt werden", heißt es weiter. Das allein ist schon eine Herausforderung, zumal mit der abgeschlossenen Durchimpfung der Seniorenheime die Impfung der Alten kleinteiliger wird.

Wie aber ab April verfahren werden soll, ist der eigentliche Knackpunkt: Fünf Impfhersteller wollen in den Monaten April, Mai und Juni Impfstoff für 76,9 Millionen Immunisierungen liefern - die wahrscheinliche Zulassung der Stoffe von Curevac und Johnson & Johnson vorausgesetzt. Die täglich 170.000 Impftermine, die Deutschland im Moment schafft, reichen da nicht einmal ansatzweise. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schätzt, dass mit den vorhandenen Strukturen maximal 2,1 Millionen Impfungen pro Woche machbar sind.

Impfverordnung in zweiter Märzwoche

Entsprechend plant Spahns Ministerium, ab April nicht mehr allein auf Impfzentren und mobile Impfteams zu setzen: Dann sollen auch die niedergelassenen Ärzte einbezogen werden; das könnten neben Hausärzten theoretisch auch gynäkologische oder HNO-Praxen sein. Wer und wie genau, soll eine für die kommende Woche geplante Impfverordnung festlegen. Seit Anfang des Jahres verhandelt das Ministerium dem Papier zufolge mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, den Apothekenverbänden und dem pharmazeutischen Großhandel über die Vergütung und Verteilung des Impfstoffes und des -zubehörs. Zwei Monate später sind hierzu offenkundig noch immer Fragen offen.

Unangesprochen bleibt in dem Papier die Frage der Terminvergabe: Die Priorisierungsreihenfolge soll nämlich beibehalten werden und der jeweilige Arzt eigenverantwortlich entscheiden, ob ein Patient mit Impfwunsch tatsächlich schon an der Reihe ist. Auf die Ärzte kommt also eine große Zahl an zusätzlichen Terminen zu, sowie das unangenehme Gespräch, ob jemand ausreichend vorerkrankt ist für die zweite oder dritte Prioritätsgruppe.

Hürde: Abrechnung und Dokumentation

Dominik Graf von Stillfried, Vorstandschef des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung, hält dennoch eine Million Impfungen am Tag für möglich: "Die Million erreichen wir, wenn deutschlandweit 50.000 Arztpraxen bei der Impfkampagne mitmachen, und jede im Durchschnitt 20 Impfungen täglich schafft", sagte er im Gespräch mit ntv.de. Das Problem: Laut Stillfried muss eine Praxis für 20 Impfungen drei Stunden aufwenden. Der Aufwand rührt auch aus den nötigen Abrechnungen der erbrachten Leistungen und der digitalen Dokumentation der Impfungen.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, warnte daher bereits in der vergangenen Woche vor zusätzlicher Bürokratie und empfahl einen flexibleren Umgang mit der Impfreihenfolge: "Die Priorisierung wird bisher strikt medizinisch geplant, ohne Bezug zum tatsächlichen Impfstoffvolumen", erklärte Gassen. "Sobald der Impfstoff in großer Menge in die Arztpraxis kommt, wird diese Priorisierung schnell nachrangig werden."

KBV und Zentralinstitut stellten in der vergangenen Woche eine Modellberechnung vor, wie eine größtmögliche Impfkapazität erreicht werden kann und machten dem Bundesgesundheitsministerium entsprechend Vorschläge, etwa zur Abrechnung und Impfstofflieferung. Ob diese bis zur kommenden Woche, wenn die Impfverordnung des BMG kommen soll, schon zu einer einfacheren Handhabung in den Praxen führen, ist offen. Allerdings bleibt den Verantwortlichen um Minister Spahn kaum Zeit, eine Lösung aufzuschieben. Im zweiten Quartal wird die Schuld für eine schleppende Impfkampagne nicht noch einmal den Impfherstellern oder der EU zugeschrieben werden können.

Quelle: ntv.de

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