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Zeigen die Impfungen Wirkung? Deutlich weniger Fälle bei über 80-Jährigen

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Die fortschreitenden Impfungen scheinen bei Menschen über 80 bereits zu niedrigeren Fallzahlen zu führen.

(Foto: imago images/Martin Wagner)

Während die Inzidenzen allgemein leicht steigen, sinken die Fallzahlen bei den über 80-Jährigen signifikant und es sterben auch deutlich weniger Menschen an Covid-19. Dies deutet darauf hin, dass die Impfungen in dieser Altersgruppe wirken, der Rückgang hat aber vermutlich noch weitere Gründe.

Nachdem der Lockdown zunächst eine klare Wirkung gezeigt hatte, sinkt die Zahl der registrierten Neuinfektionen seit Mitte des Monats nicht mehr weiter. Das Sieben-Tage-Mittel ist seit dem 14. Februar bis heute von rund 7200 Fällen pro Woche auf fast 7600 sogar wieder leicht gestiegen.

Doch die Gesamtzahl der Neuinfektionen ist zwar ein wichtiger Pandemie-Indikator, aber nicht der einzige relevante Parameter. Denn gleichzeitig sind die Fallzahlen in der besonders vulnerablen Gruppe der über 80-Jährigen gesunken, und es sterben immer weniger Menschen an Covid-19 oder müssen im Krankenhaus behandelt werden.

Mit Ausnahme eines vorübergehend wieder steilen Anstiegs in der zweiten Januarwoche, der möglicherweise auf Weihnachtsfeiern zurückzuführen ist, sanken die Fallzahlen in diesem Jahr kräftig. Zuvor stiegen die Inzidenzen im Dezember rasant an, besonders bei den über 80-Jährigen, wie das RKI im Lagebericht vom Dienstag schreibt. Doch der Trend hat sich umgekehrt. Während die Fallzahlen in allen anderen Altersgruppen stagnieren oder steigen, gehen sie bei den alten Menschen weiter signifikant zurück.

Deutlich gesunkene Fallzahlen

In der ersten Januarwoche registrierte das RKI bei den 80- bis 84-Jährigen innerhalb von sieben Tagen noch 233 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, in der Altersgruppe darüber 389 und bei den Menschen, die älter als 90 Jahre sind, sogar 658. In der vergangenen Woche waren die Werte auf 70, 106 und 159 gefallen, am vergangenen Dienstag betrugen die Inzidenzen der über 80-Jährigen 60, 92 und 130.

Interessant ist auch ein Blick auf die Altersgruppen von 65 bis 79 Jahren. Denn sie haben mit Werten zwischen 42 und 44 die niedrigsten Inzidenzen aller Erwachsenen. Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass sie im Rentenalter nicht zur Arbeit müssen und sich gleichzeitig privat vorsichtig verhalten. Ähnlich niedrige Inzidenzen findet man nur bei den Kindern bis 14 Jahren. Die mit Abstand höchsten Fallzahlen haben die 20- bis 24-Jährigen mit 85 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner.

Pflegeheime weitgehend durchgeimpft

Der anhaltende Abwärtstrend bei den über 80-Jährigen deutet darauf hin, dass die Impfungen die erhoffte Wirkung zeigen. Dies betrifft vor allem die Pflegeheime, in denen allerdings auch Jüngere leben. Von insgesamt etwa 4,1 Millionen Pflegebedürftigen werden laut Statistischem Bundesamt mehr als 818.000 stationär in Einrichtungen versorgt.

Etwa 550.200 der Heimbewohner haben bereits die zweite Dosis und damit den vollen Impfschutz erhalten. Dieser liegt bei dem Vakzin von Biontech/Pfizer bei 95 Prozent und tritt den Angaben von Biontech zufolge nach einer Woche ein.

95 Prozent Wirksamkeit bedeutet dabei nicht, dass 5 Prozent ungeschützt bleiben. Nahezu jeder Geimpfte kann davon ausgehen, im Falle einer Infektion keine oder nur leichte Symptome zu haben. Die Wahrscheinlichkeit mit Covid-19 ins Krankenhaus zu kommen oder gar daran zu sterben, ist also extrem gering. Dies gilt übrigens auch für andere Impfstoffe.

Über 788.000 der pflegebedürftigen Heim-Bewohner haben bisher die erste Dosis erhalten. Damit genießen sie zwar noch nicht den vollen Impfschutz, einer aktuellen Studie aus Israel nach verhindert aber schon die erste Spritze nach 14 bis 20 Tagen 62 Prozent der schweren Erkrankungen und 72 Prozent der Todesfälle.

Noch lange nicht alle über 80-Jährigen geimpft

Bei den nicht in Heimen lebenden über 80-Jährigen ist die Situation noch nicht ganz so gut. Die Gruppe ist dem Statistischen Bundesamt nach mit rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland sehr groß, doch von ihnen haben bisher nur rund 700.000 beide Impfdosen erhalten, knapp 1,6 Millionen die erste.

Da über sie oft das Virus in die Einrichtungen kommt, sind auch die Impfquoten bei den rund 716.000 Beschäftigten in stationärer und teilstationärer Pflege wichtig. Sie gehören zu den 3,63 Millionen Menschen im Gesundheitswesen, die direkten Patientenkontakt haben und damit ebenfalls zur ersten Impfgruppe gehören. Hier gab es bisher rund 1,6 Millionen Erstimpfungen, etwa 911.000 haben auch die zweite Dosis schon erhalten.

Die meisten Toten über 80 Jahre alt

Obwohl mehr als 20 Millionen Deutsche ein hohes Risiko auf eine schwere Covid-19-Erkrankung haben und daher ebenfalls besonderen Schutz genießen sollten, sind die über 80-Jährigen eine Schlüsselgruppe. Denn laut RKI waren von allen bisherigen Corona-Toten 89 Prozent 70 Jahre und älter. Der Altersmedian liegt bei 84 Jahren.

Die Todeszahlen sind stark gesunken und fallen derzeit weiter. Am 15. Februar betrug der 7-Tage-Schnitt noch 486 Fälle, heute liegt der Wert bei 360. Ähnlich ist die Entwicklung bei den Intensivbehandlungen. Am 3. Januar lagen noch 5762 Menschen auf deutschen Intensivstationen, was den bisherigen Höchststand markiert. Aktuell sind es 2898, und die Tendenz zeigt weiter nach unten. Die Zahl der Patienten, die beatmet werden müssen, halbierte sich ebenfalls nahezu von 3211 auf 1707.

Die erfreuliche Entwicklung der Neuinfektionen bei den über 80-Jährigen, die sinkenden Todeszahlen und die rückläufigen Intensivbehandlungen sind wohl nicht alleine auf die Impfungen zurückzuführen. Auch bessere Schutzkonzepte von Pflegeeinrichtungen beziehungsweise deren striktere Umsetzung haben vermutlich einen wichtigen Anteil daran. Mit einem vermehrten Einsatz von Schnelltests, zusätzlichem Personal und fortlaufenden Impfungen sollte sich die Situation bei den besonders vulnerablen Senioren weiter verbessern.

Andere Situation als vor einem Jahr

Da niedrige Infektionszahlen an sich kein Ziel einer Gesundheitspolitik sind, muss man die Entwicklung bei der aktuellen Diskussion über mögliche Lockerungen berücksichtigen. Die Situation ist eine andere als im März 2020. Dass man auch mit höheren Inzidenzen umgehen und Schulen offen lassen kann, zeigt beispielsweise Frankreich, wo viel mehr Schnelltests zum Einsatz kommen als in Deutschland. Trotz einer Inzidenz von rund 220 hat unser Nachbarland mit einem Sieben-Tage-Schnitt von knapp 4,82 Opfern pro einer Million Einwohner aktuell eine kaum höhere Todesrate als Deutschland (4,16).

Das heißt nicht, dass es damit nicht mehr wichtig wäre, die Zahl der Neuinfektionen in engen Grenzen zu halten. Die Zahlen geben wieder, was vor zwei oder drei Wochen passiert ist, in Wahrheit könnten bereits auch wieder die Inzidenzen der über 80-Jährigen steigen. Und sie stellen zwar aktuell die am meisten bedrohte Altersgruppe dar, aber die RKI-Angaben zeigen, dass auch viele über 70-Jährige sterben. Dazu kommen die Millionen Menschen mit Vorerkrankungen, die in quälender Selbstisolation auf ein Ende der Pandemie hoffen.

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Eine dritte Welle würde auch bei Jüngeren zahlreiche Opfer fordern, was alleine aus einer hohen Zahl Infizierter resultieren würde. In der Folge käme das Gesundheitssystem erneut an seine Grenzen. Die Gefahr ist angesichts der noch nicht absehbaren Auswirkungen der Ausbreitung hochinfektiöser Mutanten real und nicht wegzudiskutieren.

Langzeitfolgen treffen auch junge Menschen

Schließlich gibt es bei einer Covid-19-Erkrankung mehr als gesund oder tot. Es wird immer deutlicher, dass auch milde Verläufe schlimme Langzeitfolgen haben können. Eine Erkrankung könne Symptome wie starke Müdigkeit, Brustschmerzen, Herzentzündung, Kopfschmerzen, Vergesslichkeit, Depressionen, Geruchsverlust, wiederkehrendes Fieber, Durchfall und Ohrensausen nach sich ziehen, sagte der europäische WHO-Chef Hans Kluge heute auf einer Pressekonferenz. Einer von zehn Patienten würde solche Spätfolgen noch drei Monate nach der Infektion spüren. "Long Covid" habe für die WHO Priorität, sagte Kluge, und das solle jede Gesundheitsbehörde ebenfalls so handhaben.

Quelle: ntv.de

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