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Interview mit Hendrik Streeck "Inzidenz für Lockerungen wird vielleicht nicht erreicht"

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Streeck hält Dänemarks Impfstopp im Fall Astrazeneca für den richtigen Schritt.

Die Infektionszahlen steigen wieder. Das RKI sieht Deutschland in der dritten Welle. Doch es gibt einen weiteren Impfstoff, und den lobt Virologe Streeck bei ntv. Auch die neuen Hiobsbotschaften zu Astrazeneca ordnet er ein. Außerdem erklärt er, dass die angedachten Lockerungen so schnell vielleicht nicht kommen.

ntv: Herr Streeck, würden Sie sich mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson impfen lassen?

Prof. Streeck: Ich würde mich mit allen vier Impfstoffen impfen lassen! In den Johnson & Johnson-Impfstoff habe ich vollstes Vertrauen. Ich kenne die Entwickler schon fast seit einem Jahrzehnt. Da sind wirklich ausgewiesene Experten dabei und die Daten des Impfstoffs einfach sehr gut.

Wie ist das Vakzin von Johnson & Johnson im Vergleich zu den drei anderen in Deutschland bereits zugelassenen Impfstoffen einzuordnen? Wo liegen die Vor- und Nachteile?

Der besondere Vorteil am Johnson & Johnson-Impfstoff ist, dass er nur einmal verabreicht werden muss. Mit einer einmaligen Spritze ist man nach ein paar Tagen geschützt. Zudem kann er sehr einfach gelagert werden. Es ist ein Vektorimpfstoff mit dem humanen Adenovirus 26. Damit gibt es sehr lange Erfahrungswerte. Also es wird über Dekaden daran schon geforscht und daher ist das ein sehr sicherer Impfstoff.

Dänemark meldet heute, dass es vorübergehend alle Impfungen mit Astrazeneca stoppt. Bei Impflingen seien Komplikationen durch Blutgerinnsel aufgetreten. Allerdings ist unklar, ob diese auch mit der Impfung in Zusammenhang stehen. Wie besorgniserregend ist das?

Es wird genau richtig gehandelt. Man weiß nicht, woran es liegt und stoppt die Impfungen. Es wird in seltensten Fällen ein Chargen-spezifisches Problem sein. Jetzt wird geschaut, wodurch diese Gerinnsel gekommen sind. Aber ich bin nicht beunruhigt. Es wird in Dänemark genau das Richtige gemacht.

RKI-Chef Wieler warnt: Die dritte Corona-Welle habe bereits begonnen. Wie beurteilen Sie das aktuelle Pandemie-Geschehen in Deutschland?

Es ist deutlich, dass wir einen Anstieg der Infektionszahlen haben - einen deutlichen Anstieg. Ich hüte mich ein bisschen davor, von einer Wellenbewegung zu sprechen, denn das ist kein wissenschaftlicher Begriff. Es ist aber ein Anlass darauf hinzuweisen, dass die Maßnahmen immer noch in Kraft sind. Es liegt an uns allen, mit den Kontaktbeschränkungen dazu beizutragen, die Infektionszahlen zu drücken. Weil der Anstieg aber vor den potenziellen Lockerungen eingetreten ist, ist das kein Lockerungseffekt, sondern etwas, dass sich schon in den Wochen davor aufgebaut hat.

Die Zahlen steigen aktuell wieder. Machen die Öffnungsschritte trotzdem Sinn?

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Das ist wirklich eine schwierige Frage. Über die vorgeschlagenen Lockerungen ist kein Virologe, kein Epidemiologe oder kein Hygieniker wirklich glücklich. Man erkennt dahinter auch keinen Plan oder eine Strategie. Es kann sein, dass wir gar nicht über Lockerungen sprechen werden. Denn wenn die Zahlen jetzt so stark ansteigen werden, ist zum einen die Notbremse eingebaut. Zum anderen soll auch erst ab einer bestimmten Inzidenz gelockert werden, die aber bei einem Anstieg vielleicht gar nicht erreicht wird.

Mit Hendrik Streeck sprach Mara Bergmann

Quelle: ntv.de

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