Panorama

Weniger Tote und Schwerkranke Ist die Omikron-Welle tatsächlich harmloser?

269864278.jpg

Die Omikron-Variante dominiert mittlerweile das Infektionsgeschehen in Deutschland.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf Deutschlands Intensivstationen bleibt die Welle der an Omikron erkrankten Patienten bisher aus. Es wird bereits über Lockerungen diskutiert. Auch die Corona-Todesfälle steigen bislang nicht dramatisch an. Ist das nur die Ruhe vor dem Sturm?

Ein Hauch von Lockerung liegt in der Luft. Und das, obwohl die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland immer neue Höchststände erklimmt. Paradoxerweise wird mittlerweile bereits wieder über vollere Fußballstadien und das Ende der 2G-Regel im Einzelhandel diskutiert. Denn die Omikron-Welle, die derzeit über Deutschland schwappt, ist bisher anders als die Corona-Wellen zuvor: Sowohl auf den Intensivstationen als auch in der Todesstatistik bleiben dramatische Folgen bislang aus. Doch bleibt es auch dabei?

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz stieg zuletzt auf einen neuen Höchstwert von 1206,2. Vor einem Dreivierteljahr noch wurde bei einer Inzidenz von 100 regional die "Bundes-Notbremse" mit Sperrstunden und Kontaktbeschränkungen gezogen.

Doch mittlerweile sind fast drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland vollständig geimpft. Zudem dominiert die Omikron-Variante bereits seit Jahresbeginn das Infektionsgeschehen in Deutschland, wie aus dem jüngsten RKI-Wochenbericht hervorgeht. Sie gilt als "milde" Variante - was nicht "harmlos" bedeutet, wie Experten betonen. Studien aus Südafrika und Großbritannien haben jedoch einen deutlich geringeren Anteil an schweren Verläufen im Vergleich zur Delta-Variante ausgemacht.

Kommt Deutschland nun auch in den Genuss einer "milden" Welle? Vergleiche mit anderen Ländern sind nicht unproblematisch, denn es gibt Unterschiede bei Impfquoten, Altersstruktur, sonstigen Maßnahmen und Anteil an Genesenen. Was jedoch sicher ist: Bei den vorangegangenen Wellen folgte in Deutschland auf einen Anstieg der Neuinfektionen im Abstand von grob zwei Wochen eine Zunahme der Covid-19-Intensivpatienten. Derzeit ist ein ähnlicher Trend noch nicht eindeutig auszumachen. Die Zahl der Intensivpatienten legte zuletzt jedoch leicht zu.

Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Todesfällen zu beobachten. Rückblick auf Mitte Dezember 2021: Das RKI meldete damals im Schnitt fast 400 Corona-Tote täglich. Etwa zwei Wochen zuvor hatte die Delta-Welle ihren Höhepunkt erreicht. So war es auch bei Alpha im vergangenen April. Und der Welle davor. Doch diese Zwei-Wochen-Regel scheint für Omikron offenbar nicht mehr zu gelten. Bereits vor mehr als zwei Wochen ließ sie den Höchstwert der Delta-Welle hinter sich. Bis vor einigen Tagen war die Zahl der Toten jedoch gesunken, bleibt seitdem stabil. Doch wie geht es weiter?

Ein Unsicherheitsfaktor für Deutschland: Zunächst waren vor allem Bundesländer mit hohen Impfquoten im Norden und Westen von der Omikron-Welle betroffen. Da eine Impfung einen guten Schutz gegen schwere Verläufe bietet, könnte dies der Grund für die bisher vergleichsweise geringen Todesfallzahlen sein. In Bundesländern im Süden und Osten mit geringeren Impfquoten nimmt die Welle jedoch noch an Fahrt auf. Dort ist mit einem höheren Anteil schwerer Verläufe und Todesfälle zu rechnen.

Länder wie Großbritannien, Südafrika und Frankreich verzeichneten letztlich infolge der Omikron-Wellen erkennbar steigende Todeszahlen. In Südafrika erreichte die Zahl der Corona-Toten erst im Januar - etwa einen Monat nach den Neuinfektionen - ihren vorläufigen Höhepunkt. Das Nationale Institut für übertragbare Krankheiten (NICD) in Südafrika hatte immerhin ermittelt, dass die Sterblichkeitsrate während der Omikron-Welle nur maximal 14 bis 15 Prozent von jener der Delta-Welle erreichte.

In anderer Hinsicht hinterlässt die Omikron-Welle bereits jetzt deutlich erkennbare Spuren in Deutschland: Die Hospitalisierungsinzidenz, die parallel zu den Daten des DIVI-Intensivregisters ermittelt wird, zeigt zuletzt einen Aufwärtstrend. Vom RKI ermittelt werden mit ihr die Krankenhausaufnahmen von Corona-Infizierten, berechnet pro 100.000 Einwohner. Allerdings gibt sie keinen Aufschluss über die Schwere der Covid-19-Erkrankungen.

So ist die Bedeutung des Anstiegs der Hospitalisierungsinzidenz umstritten. Denn nicht eindeutig unterscheidbar ist, wie viele Covid-19-Fälle "wegen" oder "mit" der Krankheit im Krankenhaus landen. Zu den Meldekriterien für Krankenhausaufnahmen schreibt das RKI, dass ein direkter kausaler Zusammenhang zu Covid-19 zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht hergestellt werden müsse. "Dies soll eine niedrigschwellige, zügige und aufwandsarme Meldung gewährleisten." Werde bei Aufnahme jedoch deutlich, dass sie in keinem Zusammenhang mit der Covid-19-Diagnose stehe, etwa bei einem Verkehrsunfall, bestehe keine Meldepflicht.

Doch aus Bremen meldet etwa Bürgermeister Andreas Bovenschulte, dass derzeit nur rund ein Drittel der Corona-Infizierten auf Normalstationen wegen der Infektion im Krankenhaus behandelt würden. In den übrigen Fällen sei der Aufnahmegrund nicht Corona gewesen. Auch vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf berichtet Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin: "Wir haben jetzt mit Omikron eine wachsende Gruppe von Patientinnen und Patienten, die zwar Sars-CoV-2-positiv sind, bei denen der Aufnahmegrund aber unabhängig davon ist. Das berichten auch Kolleginnen und Kollegen aus Hannover und Bremen - und es hat sich zuletzt schon in Ländern wie den USA und Großbritannien gezeigt."

Krankenhäuser in Omikron-Welle unter Druck

Mehr zum Thema

Und die steigende Zahl von Covid-19-Patienten auf den Normalstationen belastet die Krankenhäuser ebenfalls. Vorgaben, etwa zum Vorhalten gesonderter Bereiche für Infizierte sowie für Verdachts- und Quarantänefälle mit strikter Zuweisung des Personals, stellten Normalstationen nun vor "immense Herausforderungen", wie Intensivmediziner Kluge schildert. Ihm zufolge müssten die Regeln an die reale Lage angepasst werden.

Der Virologe Christian Drosten betonte zudem, dass unter den durch Zufall entdeckten Corona-Fällen bei einer Krankenhauseinweisung auch jene Fälle eingerechnet würden, bei denen die Infektion zu einer Verschlechterung der Grunderkrankung führen könnte. Das könne man auch in der gegenwärtigen Omikron-Welle beobachten. Es bestehe das Risiko, dass bei Menschen mit Vorerkrankungen sich zunächst nicht unbedingt die klassischen Covid-Symptome bemerkbar machten, sondern eine Verschlechterung des Allgemeinzustands. "Es wäre aber irreführend, in diesen Fällen von einem bedeutungslosen Zufallsbefund von Sars-CoV-2 auszugehen", betonte Drosten.

(Dieser Artikel wurde am Dienstag, 01. Februar 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, mit dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen