Panorama

Zwischen Anspruch und AngstJunge Eltern brechen alte Erziehungsmuster auf

16.05.2026, 09:41 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Eine-glueckliche-Familie-Mutter-und-Vater-beobachten-ein-suesses-kleines-Maedchen-das-im-Schlafzimmer-auf-dem-Boden-krabbelt-Ein-Kleinkind-spielt-zu-Hause-mit-seinen-Eltern-Mama-Papa-und-ihr-Neugeborenes-Ein-suesses-krabbelndes-Kind-Happy-family-Mother-father-looking-at-cute-little-toddler-girl-crawling-on-floor-in-bedroom-Infant-baby-resting-playing-with-parents-indoor-at-home-Mom-dad-newborn-baby-Cute-crawling-child-LicenseRF-model-released-Symbolfoto-Copyright-xZoonar
Das eigene Kind soll andere Erfahrungen machen, aber vieles geben Menschen unbewusst einfach weiter. (Foto: IMAGO/Zoonar)

Perfekte Eltern? Viele junge Mütter und Väter zweifeln, dass sie das sein können. Zwischen hohen Ansprüchen und alten Mustern ringen sie um neue Wege - und merken, wie stark die eigene Kindheit ihr Handeln prägt.

Aktuell werden die älteren Jahrgänge der Generation Z und die jüngeren Millennials (Generation Y) zum ersten Mal Eltern, also die Menschen, die selbst etwa zwischen 1990 und 2000 geboren wurden. Und obwohl Mütter und Väter dieser Generation aus der Sicht ihrer Eltern und Großeltern in besseren Zeiten und mit viel liebevolleren Eltern als sie aufgewachsen sind, haben sie große Versagensängste.

In einer repräsentativen Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK gaben 47 Prozent der jungen Eltern der Generation Z an, regelmäßig an ihrer Eignung als Mutter oder Vater zu zweifeln. "Gerade junge Eltern haben heute oft den Anspruch, alles perfekt zu machen", erklärt sich Familienpsychologin Nina Grimm diese Ängste. "Sie messen sich an einem Ideal, das im chaotischen Familienalltag kaum erreichbar ist." Und sie wollen es wie die meisten jungen Eltern besser machen als ihre eigenen Mütter und Väter.

Trotzdem finden auch sie sich vermutlich irgendwann an dem Punkt wieder, wo sie auf Erziehungsmethoden zurückgreifen, die sie eigentlich ablehnen, oder hören sich Sätze sagen, die sie selbst schon als Kinder gehört haben - und finden das verstörend. Frühere Generationen hätten autoritär oder behavioristisch erzogen, das aber nicht benennen können, sagt der Heidelberger Psychoanalytiker Jakob Müller ntv.de. Erziehung sei bislang meist unbewusst weitergegeben worden. "Man hat oft einfach wiederholt, was man selbst erfahren hat, ohne darüber viel nachzudenken." Das machten viele Menschen immer noch. Häufig fällt dann der Satz: "Das hat mir auch nicht geschadet."

Für Müller ist schon dieser Satz "heikel". Denn er sage aus, "da war eigentlich schon etwas, das verletzend oder kränkend war und wehgetan hat". Müller hat zusammen mit Cécile Loetz, mit der er auch den Podcast "Rätsel des Unbewussten" herausbringt, gerade das Buch "Jetzt bin ich schon wie meine Eltern" veröffentlicht.

Bewusste Neuorientierung

Er beobachtet, dass es bei jungen Eltern zunehmend den Wunsch gibt, die weniger guten Erfahrungen nicht an die eigenen Kinder weiterzugeben. Die Väter und Mütter von heute machten sich ernsthaft "Gedanken darüber, was für eine Art von Erziehung sie benutzen". Sie fragten sich aktiv, wie sie ihre Kinder erziehen wollen und welche Erziehungsmethoden sie ablehnen. Gleichzeitig stellten sie fest, dass es ein "ziemlich komplizierter Prozess ist, sich wirklich aus solchen Erfahrungen herauszubewegen".

Bei den Nachwirkungen der eigenen Erziehung gehe es oft um Scham, weil sich Menschen nicht gern daran erinnern, dass sie ihren Eltern ohnmächtig ausgeliefert waren. "Aber wenn ich das nicht zulassen kann, wenn ich mich nicht damit auseinandersetzen kann, was das mit mir gemacht hat, dann habe ich auch Schwierigkeiten, mir vorzustellen, was das für meine eigenen Kinder bedeutet."

Eine typische Situation, in der das offenbar wird, ist das morgendliche Losgehen. Das Kind muss in den Kindergarten, die Eltern zur Arbeit und haben Zeitdruck. Das Kind soll Schuhe anziehen, weigert sich aber beharrlich. Die Eltern geraten immer mehr unter Druck, werden wütend. Und sagen plötzlich Sätze wie: Wenn du das nicht machst, dann setzt es aber was. Immer bist du so anstrengend . "Wenn mir das auffällt und ich darüber ein bisschen erschrecke, ist das ein sehr guter erster Schritt", sagt Müller. Im Prinzip geraten die Eltern in Not, als wären sie das Kind.

Andere Lernaufgaben als die Eltern

Die entscheidende Frage, der man auf der Suche nach verborgenen Mustern folgen kann, lautet Müller zufolge: "Reagiere ich jetzt gerade auf meine Vergangenheit oder reagiere ich auf mein Kind?" Das ist nicht immer einfach zu erkennen. Beispielsweise könnte ein Elternteil, das selbst mit wenig finanziellen Möglichkeiten aufgewachsen ist, beim eigenen Kind unterschiedliche Bewältigungsstrategien entwickeln. Eine wäre, bei jedem Wunsch des Kindes fast neidisch an die eigenen Begrenzungen zu erinnern. Eine andere, dem Kind die ganze Zeit Spielzeug, Süßigkeiten oder das neueste Handy zu kaufen.

Dahinter verberge sich das Gefühl, endlich etwas wieder gutzumachen. Doch das Kind wachse in ganz anderen Verhältnissen auf, erläutert Müller. "Es hat nicht die Erfahrung von Not und materieller Einschränkung, bekommt aber nun auf andere Weise nicht, was es braucht." Denn dieses Kind müsste lernen, damit umzugehen, dass es prinzipiell keinen Mangel hat, aber trotzdem nicht alles immer gleich bekommt. "Ich kann bis zum Geburtstag warten oder auf etwas sparen, ist eine ganz wichtige Lernerfahrung. Nicht jeder erfüllte Wunsch erfüllt auch wirklich ein Bedürfnis des Kindes." Hinter immer neuen materiellen Wünschen könnte beispielweise das Bedürfnis stehen, zu lernen, Ziele zu erreichen, einen Konflikt auszutragen oder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Damit müssen sich Eltern beschäftigen statt das zu kaufen, was das Kind haben möchte.

Die Eltern, die eine eigene Idee davon entwickeln, wie sie erziehen wollen, nehmen schließlich beides in den Blick - ihre eigenen Prägungen und ihr Kind. Im Buch schreiben Müller und Loetz: "Wir sind nie vollständig frei gegenüber unserer Geschichte. Was wir bekommen haben, kann ein Geschenk sein, und es kann ein Fluch sein, nicht selten ist es beides." Wichtig sei, sich der Grenzen des eigenen Handelns und des Einflusses auf die nächste Generation bewusst zu werden.

Perfektion ist unmöglich

Das gehe nicht, ohne Führung zu übernehmen. "Das ist wie in der Arbeit. Es ist chaotisch und aufwendig, wenn es keine richtige Führung gibt und alles immer ausverhandelt werden muss", betont Müller. Es sei eine Illusion zu glauben, man könne ein Kind großziehen, ohne es zu enttäuschen, Fehler zu machen oder auch mal eine Grenze zu überschreiten.

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Kinder zu bekommen und großzuziehen, sei eine Chance und gleichzeitig eine Nötigung, Reifungsschritte im Umgang mit sich selbst zu gehen, meint Müller. "Als Kinder erleben wir so viele Grenzen von außen, weil nicht genügend Geld da ist, keine Zeit oder keine Möglichkeiten." Diese Begrenzungen fallen in der Elternrolle oft weg, "aber wir müssen als erwachsene Personen entscheiden".

Umfragen zeigen deutlich, was junge Mütter und Väter an ihren Eltern kritisieren: die Erziehung zu Gehorsam und Funktionieren, fehlende emotionale Nähe, strenge Strafen und eine ungerechte Arbeitsteilung. Doch es gibt durchaus auch Anteile an ihrer Erziehung, die sie noch immer schätzen und weitergeben wollen. Dazu gehören Werte wie Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, aber auch die Sicherheit und Struktur, die sie aus der eigenen Kindheit kennen oder das Engagement für Bildung. Diese Mischung für sich und die eigene Familie zu finden, nennt Müller eine "reife Haltung. Nicht mehr genötigt durch äußere Umstände, sondern durch eine innere Entscheidung."

Quelle: ntv.de

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