Panorama

"Habe nicht damit gerechnet" Kardinal Marx fügt sich dem Papst

imago0091546892h.jpg

Papst Franziskus will ihn nicht gehen lassen: Kardinal Marx bei einer Privataudienz im Vatikan.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Kardinal Marx bekennt sich zu seiner Schuld am Missbrauchsskandal innerhalb der Kirche, doch Franziskus nimmt sein Rücktrittsgesuch nicht an. Der Münchner Erzbischof will sich dem Willen des Papstes fügen und im Amt bleiben. Opfervertreter sind tief enttäuscht. Für sie ist der Neuanfang abmoderiert.

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, ist von der schnellen Antwort des Papstes auf sein Rücktrittsgesuch überrascht worden. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so schnell reagieren würde, und auch seine Entscheidung, dass ich meinen Dienst als Erzbischof von München und Freising weiter fortführen soll, habe ich so nicht erwartet", hieß es in einer Stellungnahme des Erzbistums.

"Im Gehorsam akzeptiere ich seine Entscheidung, so wie ich es ihm versprochen habe", schrieb Marx und fügte hinzu, er empfinde die Entscheidung des Papstes allerdings "als große Herausforderung". Marx hatte dem Papst wegen des Missbrauchsskandals in der Kirche seinen Rückzug angeboten. "Danach einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, kann nicht der Weg für mich und auch nicht für das Erzbistum sein."

"Betroffene stärker einbeziehen"

Die Entscheidung bedeute für ihn, "zu überlegen, welche neuen Wege wir gehen können - auch angesichts einer Geschichte des vielfältigen Versagens -, um das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen", schrieb Marx. Der Papst greife in seinem Brief "vieles auf, was ich in meinem Brief an ihn benannt habe, und gibt uns wichtige Impulse". Außerdem bleibe er dabei, was er in seiner persönlichen Erklärung zu seinem Rücktrittsersuchen gesagt habe: "dass ich persönlich Verantwortung tragen muss und auch eine 'institutionelle Verantwortung' habe, gerade angesichts der Betroffenen, deren Perspektive noch stärker einbezogen werden muss".

Papst Franziskus hatte den Rücktritt von Kardinal Marx zuvor überraschend schnell abgelehnt. "Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising", schrieb das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem Brief an Marx, den der Heilige Stuhl veröffentlichte.

Theologe Bogner: Ein Risiko

Der Theologe Daniel Bogner wertete die Ablehnung des Papstes auch als Risiko. "Wenn bei der baldigen Veröffentlichung des Münchner Berichts zum sexuellen Missbrauch herauskommt, dass auch Kardinal Marx Mitschuld trifft, wird es schwierig", sagte der Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz. "Ein eventuell dann doch notwendiger Rücktritt würde auch den Papst belasten. Man wird dann fragen: Hat er die Hinweise auf die persönliche Schuld, von denen Marx ja selbst spricht, nicht ernst genug genommen? Dass Franziskus dieses Risiko sehenden Auges eingeht, zeigt, wie ernst es um die Kirche bestellt ist."

"Der Papst signalisiert mit seiner Entscheidung: Er braucht Marx als reformpolitisches Schwergewicht in der gegenwärtigen Situation der Kirche dringend", sagte Bogner. Marx habe nun "die volle Prokura, mit offenem Visier für Anliegen zu kämpfen, bei denen er bisher vielleicht doch eher diplomatisch verhalten agiert hat, weltkirchlich und innerhalb der deutschen Kirche".

Scharfe Kritik von Opfervertretern: Abmoderiert

Opfervertreter vom Verein "Eckiger Tisch" beurteilten die Motive des Papstes dagegen weitaus kritischer: Mit der Ablehnung des Rücktrittsgesuchs wolle Papst Franziskus auch sich selbst schützen. "Marx zielte mit seiner Erklärung auf die Verantwortung aller Bischöfe, auch die des Bischofs von Rom, für das System aus Missbrauch und Vertuschung, das die Katholische Kirche weltweit prägt", teilte der Verein mit, der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen speziell im Kontext der katholischen Kirche vertritt.

Franziskus moderiere diese erschütternde Einsicht jetzt einfach weg und entlaste damit auch sein eigenes Amt, hieß es weiter. Die Opfervertreter kritisierten zudem, dass Franziskus die Verantwortung der Bischöfe an Machtmissbrauch und Vertuschung von Missbrauch relativiere. Sie forderten, dass Franziskus den Betroffenen wirklich zuhöre. Von dem radikalen Neuanfang, den das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx andeutete, sei durch die Entscheidung des Oberhaupts der katholischen Kirche jetzt wenig geblieben.

Anders der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): Heinrich Bedford-Strohm zeigte sich erleichtert über den Willen des Papstes. "Wir brauchen die Stimme von Kardinal Marx - für die Ökumene, für die Reformprozesse der Kirche und auch als Stimme öffentlicher Theologie", schrieb der EKD-Chef, der auch Landesbischof in Bayern ist.

Quelle: ntv.de, mau/dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.