Panorama

Visitation nach Vertrauenskrise Papst-Entsandte stellen Woelki unbequeme Fragen

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Der Kölner Kardinal Woelki hat bisher keinen Umgang mit den Missbrauchsfällen gefunden, der seine Kritiker verstummen lässt.

(Foto: dpa)

Im Erzbistum Köln werden Besucher erwartet oder doch Prüfer? Schon bei dieser Einschätzung gibt es durchaus Differenzen. Doch die prüfenden Besucher schickt der Papst, weil ihm die Situation in Köln und die Rolle von Kardinal Woelki offenbar ernsthafte Sorgen machen.

Papst Franziskus hat die Apostolischen Visitatoren Anders Arborelius aus Stockholm und Hans van den Hende aus Rotterdam nach Köln entsandt, damit sie im Laufe der ersten Junihälfte "vor Ort ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum Köln verschaffen". So teilte es die Apostolische Nuntiatur in Berlin vor einigen Tagen mit. Nun treffen die beiden Kardinäle in Köln ein und nehmen ihre Arbeit auf.

Der Auftrag der beiden Papst-Gesandten klingt zwar recht offen, doch es ist nicht zu überhören, dass sich der Papst um die Situation im größten deutschen Bistum Sorgen macht. Auch deshalb entsandte er zwei Männer, denen er einen realistischen Blick auf die Lage dort und auf die Rolle des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki darin zutraut. Arborelius ist Schwedens erster und einziger Kardinal. Er hat seit Jahren gute Verbindungen nach Deutschland und spricht auch sehr gut deutsch. Das wird ihm bei den Gesprächen in Köln sicher helfen. Der Schwede hat jedoch vor allem schon früher bewiesen, dass er bereit und in der Lage ist, seiner Kritik Ausdruck zu verleihen. In der Affäre um den Holocaust-Leugner Richard Williamson brachte Arborelius sogar die vatikanischen Behörden in Erklärungsnot, als er in einem Interview sagte, er habe den Vatikan über umstrittene Äußerungen des Piusbruders vor der Aufhebung von dessen Exkommunikation informiert.

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Anders Arborelius bei einem Treffen mit Papst Franziskus.

(Foto: dpa)

Auch Hans van den Hende ist mehrsprachig und als Bischof von Rotterdam Deutschland auch räumlich nicht so fern. Vor allem aber ist er Kirchenrechtler und damit besonders kompetent, auch die rechtliche Situation in Köln einschätzen zu können. Der Pastoraltheologe der Universität Tilburg, Jan Loffeld, sagte dem Kölner Domradio zu den beiden Visitatoren: "Ich denke nicht, dass sie 'blanko' kommen, sondern wissen, worauf sie besonders achten müssen, mit wem sie auf jeden Fall sprechen müssen."

Hoffen auf ehrliche Antworten

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Hans van den Hende ist Bischof von Rotterdam.

(Foto: dpa)

Bekannt ist, dass Arborelius und van den Hende bereits vorab mehrere Gesprächstermine vereinbart haben, darunter auch mit Vertretern von Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester und bekannten Woelki-Kritikern. Die von ihnen Befragten sind laut Kirchenrecht verpflichtet, "vertrauensvoll mit dem Visitator zusammenarbeiten, indem sie auf rechtmäßiges Befragen wahrheitsgemäß" antworten. Generalvikar Markus Hofmann betonte, dass die Visitatoren selbst entscheiden, wie sie vorgehen möchten: "Wir werden sie dabei nach Kräften unterstützen." Es gebe bereits Gesprächswünsche. "Wir werden Ihnen alles zur Verfügung stellen, was Sie brauchen: an Logistik, an Unterstützung, an Informationen natürlich. Sie werden uns dann mitteilen, was sie möchten, wie Sie vorgehen möchten", sagte Hofmann dem Domradio.

Auch der Diözesanrat habe sich gemeldet und die Visitatoren zur Vollversammlung am 16. Juni eingeladen. "Es gibt sicherlich weitere Gruppen, Kreise, Einzelpersonen, mit denen Gespräche zu führen sind." Wie lange die Visitatoren vor Ort bleiben werden, steht noch nicht fest. Aber es wird mit etwa zwei Wochen gerechnet.

Kardinal Woelki hatte nach Bekanntwerden der Visitation gesagt, er bewerte die vom Papst angeordnete Untersuchung nicht als Misstrauenserklärung. In seinem Wort des Bischofs sagte er Ende Mai zudem: "Der Blick der beiden Visitatoren von außen kann wertvolle Hinweise geben, was bei der Aufarbeitung schiefgelaufen ist und was noch zu tun ist. Es ist eine Chance." Woelkis Kritiker verstanden das als erneuten Versuch des Kardinals, die Lage im Bistum und auch seine persönliche Verantwortung schönzureden. Denn Woelki verwies auch auf den Brief der römischen Bischofskongregation an ihm, in dem es heiße, dass "man mir persönlich und der mir anvertrauten Kirche in einer Zeit großer Bedrängnis und Prüfung beistehen" möchte.

Wunsch nach Veränderung

Doch es geht bei dem Besuch der Kardinäle auch ausdrücklich darum, "eventuelle Fehler Seiner Eminenz Kardinal Woelkis" zu untersuchen, wie es von der Apostolischen Nuntiatur heißt. Dazu gehört auch die Prüfung, ob Woelki, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und die freigestellten Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff Fehler beim Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs gemacht haben. Ein Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke im Auftrag des Bistums hatte mehreren Verantwortungsträgern des Erzbistums Pflichtverletzungen beim Umgang mit sexualisierter Gewalt vorgeworfen. Bei Woelki selbst wurden keine Pflichtverletzungen festgestellt, allerdings steht der Erzbischof seit Monaten für seinen Umgang mit der Aufarbeitung in der Kritik.

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Dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzig, zufolge ist der "Punkt der Souveränität in Köln einfach überschritten". Mit der päpstlichen Visitation griffen in Köln jetzt "andere Gesetzmäßigkeiten", so der Limburger Bischof. Auch der Vorsitzende des Kölner Katholikenausschusses, Gregor Stiels, zeigte sich extrem unzufrieden mit Woelkis Einschätzung. "Der Kardinal sitzt einkaserniert in seinem Bischofshaus und nimmt selbst das nicht mehr wahr, was alle ihm sagen, die nah an der Stimmungslage in den Gemeinden sind - wie zuletzt die Kreis- und Stadtdechanten", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Alles sagten, es müsse sich etwas ändern und man könne nur hoffen, "dass ihm das jetzt die päpstlichen Visitatoren klarmachen können", so Stiels weiter. "Vielleicht muss man dem Kardinal die Entscheidung dann auch aus der Hand nehmen."

Am Ende ihres Besuchs sollen Arborelius und van den Hende Papst Franziskus einen vertraulichen Abschlussbericht vorlegen. Solche Berichte können neben der Feststellung möglicher Missstände auch Handlungsempfehlungen für deren Beseitigung enthalten. Ob der Papst auf dieser Grundlage Entscheidungen für das Kölner Erzbistum trifft, liegt jedoch letztlich allein in seiner Hand.

Quelle: ntv.de

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