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"Keinem Vorschriften machen" Marx: Amtsverzicht soll kein Aufruf sein

Für sein Rückzugsangebot erntet Kardinal Marx Respekt, viele nehmen seine Entscheidung mit Bedauern auf. Dass er diesen Schritt geht, soll laut Marx keine Aufforderung an Kollegen sein, es ihm gleich zu tun. Andere sind überzeugt: Sein Rücktritt könnte weitere Auswirkungen haben.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx will seinen angekündigten Rücktritt nicht als Aufruf an andere Amtsträger wie den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki verstanden wissen, seinem Schritt zu folgen. "Ich möchte auf die Mitbrüder da nicht einwirken", sagte Marx. Er trage Verantwortung für das Erzbistum München und Freising und habe eine ganz persönliche Entscheidung getroffen. "Jeder muss seine Verantwortung wahrnehmen in der Art und Weise, wie er es tut. Und da kann ich keinem Vorschriften machen und möchte es auch nicht."

Marx betonte, die Frage nach seinem Amtsverzicht bewege ihn schon längere Zeit. "Und so ist es eben dazu gekommen, dass ich mir seit Anfang des Jahres Gedanken mache und dann in der Karwoche, in der Fastenzeit und in der Osterzeit das auch für mich geistlich bedacht habe im Gebet."

Zuvor hatte Marx Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. In einem Brief vom 21. Mai bittet er darum, dass ihn der Papst aus dem Bischofsamt entlässt. Er wolle damit Mitverantwortung tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten, schrieb Marx dem Papst.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bekundet "großen Respekt" vor dem Rücktrittsgesuch, er selbst will aber offenbar auf seinem Posten bleiben. Der Chef des größten deutschen Bistums teilte mit: "Bereits im Dezember des vergangenen Jahres hatte ich den Heiligen Vater gebeten, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln sowie meine persönliche Verantwortung zu bewerten. Damit habe ich mein Schicksal damals vertrauensvoll in die Hände des Papstes gegeben." Woelki erinnerte an das von ihm in Auftrag gegebene Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs.

"Schritt fordert alle deutschen Bischöfe heraus"

Sein Trierer Kollege, Bischof Stephan Ackermann, hingegen sagte zu Marx' Entscheidung: "Es ist offensichtlich, dass sein Schritt erneut alle deutschen Bischöfe herausfordert, sich mit der Frage nach der Verantwortungsübernahme und dem Angebot eines Rücktritts auseinanderzusetzen." Weiter betonte er: "Mir selbst ist diese Frage auch nicht fremd."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, reagierte mit Verständnis und Bedauern auf das Rücktrittsangebot. Marx habe "Wegweisendes für die Kirche in Deutschland und weltweit geleistet", sagte Bätzing. In der Deutschen Bischofskonferenz sei er eine der tragenden Säulen. "Er wird auch weiterhin gebraucht. Deshalb bedauere ich, dass sich Kardinal Marx zu diesem Schritt entschieden hat." Bätzing sei von Marx zuvor informiert worden. Er nehme diese Entscheidung mit großem Respekt auf.

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller hält den angekündigten Rücktritt für einen souveränen Schritt, an dem sich andere Bischöfe nun messen lassen müssten. "Kardinal Marx übernimmt mit diesem aufsehenerregenden Schritt einerseits persönlich Verantwortung für seine persönlichen Versäumnisse als Bischof von Trier und als Erzbischof von München-Freising, was die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch angeht", sagte Schüller.

"Andere könnten ihm folgen"

Auch der geistliche Begleiter des synodalen Wegs, Pater Bernd Hagenkord, sagte, Marx gehe voran und andere könnten ihm folgen. Anders als die Variante im Erzbistum Köln, die Verantwortung für den Missbrauch juristisch zu klären, habe Marx mit seinem Ersuchen Verantwortung übernehmen wollen. Das Rücktrittangebot an Papst Franziskus werde durch die ganze Welt gehen, erklärte Hagenkord weiter: "Marx ist nicht irgendjemand."

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, äußerte sich bewegt über den angekündigten Rücktritt. "Da geht der Falsche", sagte Sternberg. Marx sei die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals mit großer Ernsthaftigkeit angegangen und habe sogar sein persönliches Vermögen in eine Stiftung für Missbrauchsopfer eingebracht.

Die Initiative von Missbrauchsopfern "Eckiger Tisch" lobte das Rücktrittsangebot, weil es ihrer Ansicht nach den Weg frei macht für einen Neuanfang. "Es ist ein beeindruckender Schritt, dass endlich ein Bischof in Deutschland in der Ich-Form spricht und Verantwortung übernimmt", teilte ein Sprecher mit. Der bisherige Prozess der Aufklärung sexueller Missbrauchsfälle sei an einen toten Punkt gekommen. "Jetzt kann etwas Neues beginnen. Dazu braucht es aber auch ein neues Verfahren in der Berufung neuer Bischöfe." Jetzt bestehe die Hoffnung, dass die Anliegen der Betroffenen vorankommen.

Bedford-Strohm lobt "beispielgebende Geradlinigkeit"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat nach eigenen Angaben "großen Respekt" vor Marx' Rücktrittsangebot. Wie Rörig am Freitag weiter sagte, zeige der Schritt "die Dimension und die Verwerfungen auf, zu denen das Bekanntwerden von Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen geführt" habe. Marx habe bei dem Prozess der Aufarbeitung auch in der Weltkirche eine sehr wichtige Rolle gespielt. "Unabhängig von seinem Rücktrittsgesuch muss die unabhängige Aufarbeitung in den Bistümern mit voller Kraft vorangetrieben werden", forderte Rörig.

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Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), nahm das Rücktrittsangebot nach eigenen Worten mit Respekt und Bedauern auf. Dieser Schritt zeige die "beispielgebende Geradlinigkeit und Konsequenz, mit der er die Erneuerung seiner Kirche betreibt".

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder dankte dem Münchner Kardinal. "Im Namen der bayerischen Staatsregierung und auch ganz persönlich danke ich Kardinal Reinhard Marx für seinen Dienst", sagte Söder. Marx habe viel auf den Weg gebracht und Gutes bewirkt. Seine Entscheidung und sein Bekenntnis verdienten Respekt.

Quelle: ntv.de, chf/dpa

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