Panorama

Geiselnahme am Hauptbahnhof Kölner Polizei schließt Terrormotiv nicht aus

Die Gefahr ist gebannt, der Täter gefasst: Am Kölner Hauptbahnhof kehrt der Zugverkehr nach dem Großeinsatz der Polizei wegen einer Geiselnahme langsam wieder zum Normalbetrieb zurück. Das Motiv des Angreifers ist noch immer unklar. Die Ermittlungen dauern an.

Am Tag nach den dramatischen Stunden im Kölner Hauptbahnhof mit insgesamt vier Verletzten prüfen die Ermittler unter anderem auch einen möglichen terroristischen Hintergrund der Gewalttat. Die Beweggründe des Geiselnehmers, der erst durch Schüsse einer Spezialeinheit der Polizei überwältigt werden konnte, sind weiter unklar. "Wir ermitteln in alle Richtungen, auch einen Terror-Anschlag schließen wir nicht aus", sagte die stellvertretende Polizei-Präsidentin von Köln, Miriam Braun.

Während der Geiselnahme bezeichnete sich der Mann laut Zeugen selbst als Mitglied der Terrormiliz IS. "Im Zusammenhang mit dem Betreten der Apotheke soll er Passanten zufolge auch gerufen haben, dass er zur Terrorgruppe Daesh gehört", erklärte Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt. "Daesh" ist ein arabisches Kürzel für Anhänger des "Islamischen Staats". Eine Verwendung als Selbstbezeichnung wäre für einen IS-Attentäter eher ungewöhnlich. Weitere Hinweise zu einer Terrormitgliedschaft gebe es bislang nicht, betonte Rüschenschmidt.

Polizei sucht Zeugen

"Weiterhin laufen die Ermittlungen nach der Geiselnahme am HBF Köln auf Hochtouren", teilte die Kölner Polizei am Morgen mit. Die Ermittler bitten die Öffentlichkeit um Mithilfe: "Zeugen werden gebeten, unter nrw.hinweisportal.de Fotos und Videos hochzuladen, die in möglichem Zusammenhang mit dem Tatgeschehen stehen könnten."

Verschiedene Details aus dem Tatablauf deuten auf einen Gewaltakt eines möglicherweise verwirrten Einzeltäters hin. Ersten Erkenntnissen zufolge zündete der Täter zunächst einen Brandsatz in einem im Bahnhof gelegenen Schnellrestaurant. Dabei wurde ein 14-jähriges Mädchen verletzt. Eine weitere Person im Schnellrestaurant erlitt durch das Zünden des Molotowcocktails einen Schock. Anschließend flüchtete der Täter in eine nahegelegene Apotheke, wo er eine Frau als Geisel nahm und sich verschanzte.

Der Geiselnehmer war mit Gaskartuschen und Brandbeschleuniger bewaffnet, wie die Ermittler mitteilten. Die Polizei geht davon aus, dass unter anderem die ausgelöste Sprinkleranlage mit ihren Wassermassen den Täter dazu veranlasste, das Schnellrestaurant zu verlassen. Die alarmierten Polizeibeamten sperrten den Tatort unmittelbar nach den ersten Notrufen großräumig ab und forderten Unterstützung durch speziell ausgebildete Einsatzkräfte an. Über Stunden hinweg hielt der Angreifer die Geisel in der Apotheke gefangen.

Geiselnehmer schwer verletzt

Als die Situation im Inneren der Apotheke zu eskalieren drohte, beendete eine Spezialeinheit der Polizei die Geiselnahme, in dem sie die Räume stürmte und den Mann durch gezielte Schüsse niederstreckte. Der Mann musste noch am Tatort reanimiert werden. Seine Geisel überstand den Zugriff mit leichten Verletzungen. Am Tag nach den Vorfällen im Kölner Hauptbahnhof ist der Gesundheitszustand der drei verletzten Opfer unverändert. Wie es dem angeschossenen Geiselnehmer geht, konnte eine Sprecherin der Polizei am Morgen zunächst nicht sagen.

Am Tatort stellte die Polizei auch das Ausweisdokument eines 55-jährigen Syrers sicher, der in Deutschland formell bis 2021 geduldet ist. Ob es sich bei der auf dem Ausweis genannten Person tatsächlich um den Geiselnehmer handelt, war zunächst nicht sicher. Eine erste Überprüfung der Papiere ergab, dass sich die fragliche Person seit 2016 in Köln aufhält und bereits durch mehrere Delikte wie Diebstahl und Betrug polizeilich in Erscheinung getreten war.

Die Klärung der Identität dauert an. Der Geiselnehmer sei nach den ersten Ermittlungen mit "hoher Wahrscheinlichkeit" der Inhaber der aufgefundenen Ausweispapiere, teilte die Polizei mit. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt vorerst unter anderem wegen versuchten Mordes und Geiselnahme.

Bahn warnt vor Verspätungen

Die Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof löste im deutschen Schienenverkehr größere Behinderungen aus, die auch am Tag nach dem Polizeieinsatz noch nicht restlos überwunden sind. Am Morgen nach der mehrstündigen Sperrung des überregional bedeutsamen Verkehrsknotenpunkts im Zentrum der Domstadt rechnet die Bahn mit einem weitgehend reibungslosen Start in den Tag.

"Der Nah- und Regionalverkehr kann planmäßig fahren", erklärte eine Bahnsprecherin in den frühen Morgenstunden. Im Fernverkehr könne es jedoch teilweise noch zu Verzögerungen und Ausfällen kommen. Die Bahn bittet Reisende daher, sich vor Beginn ihrer Fahrt über ihre Verbindungen zu informieren.

Bis zu 280.000 Reisende pro Tag

Der Großeinsatz in der Kölner Innenstadt löste über die Region hinaus ein Verkehrschaos aus. Am Montagabend sei es noch möglich gewesen, Reisende mit Zügen nach Berlin und Frankfurt zu bringen, teilte die Bahn mit. Kunden, die aufgrund der Bahnhofssperrung nicht weitergekommen seien, stattete die Bahn demnach mit Taxi- und Hotel-Gutscheinen aus. Insgesamt waren mehrere Hundert Bahn-Kunden betroffen. Im Bahnhof selbst sei aufgrund der Geiselnahme kein Bahn-Kunde gestrandet, hieß es.

Der Kölner Hauptbahnhof gehört zu den meistfrequentierten Bahnhöfen in Deutschland. Das markante Gebäude liegt im Stadtzentrum direkt neben dem Kölner Dom. Täglich halten hier rund 1300 Züge - von der S-Bahn, über den Regionalverkehr bis hin zu Schnellzugverbindungen in die übrigen deutschen Großstädte und ins europäische Ausland. Der Bahnhof mit seinen elf Gleisen dient Tag für Tag bis zu 280.000 Reisenden als Start-, Ziel- oder Umsteigepunkt.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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