Panorama

Krankenschwester schickt Appell Kritik an Schwedens Sonderweg wird lauter

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Nur langsam ändert die schwedische Regierung in der Corona-Krise ihren Kurs.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Krise geht Schweden bis heute ohne große Restriktionen an. Nur langsam ändert die Regierung ihren Kurs. Doch Kritik und Druck von Wissenschaftlern in dem Land sind enorm. Sogar von "russischem Roulette" ist die Rede. Das Posting einer Krankenschwester geht derweil viral.

Unmittelbar nach Schichtende hat Anne Rosendahl einen Bericht verfasst, der in ganz Schweden Widerhall findet. "Die letzten Tage waren erdrückend, jetzt strömen die Patienten mit Covid-19 wirklich zu uns, und sie sind krank, sehr schwer krank", notierte die Krankenschwester an der Uni-Klinik in Uppsala. Dazu veröffentlichte sie ein Selfie, das zeigt, welche tiefen Spuren die Strapazen der vergangenen Stunden in ihrem Gesicht hinterlassen haben. "Von denen, die wir derzeit betreuen, ist die Hälfte jünger als 50 Jahre. Und nicht jeder hat Vorerkrankungen."

Rosendahl schrieb über die personellen Anstrengungen, um die Lage weiterhin im Griff zu behalten. Kollegen machten Überstunden, sagten Ferien und Elternurlaub ab oder kämen aus dem Ruhestand zurück. "Mitarbeiter aus anderen Kliniken kommen zu uns." All jene, die fragten, wie sie helfen könnten, legte die Pflegerin ans Herz, die Richtlinien zum Schutz vor Ansteckung einzuhalten. Das Verhalten von heute werde sich darauf auswirken, "wie es in zwei Wochen in meinem Job zugeht".

Der auf Schwedisch verfasste Facebook-Eintrag traf offenkundig die Seele vieler Schweden. Er wurde mit fast 12.000 Kommentaren versehen und beinahe 42.000 Mal geteilt - für ein nicht englischsprachiges Posting in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern eine gigantische Bilanz. Rosendahl wurde mit Herzchen und Likes überschüttet. Aber unter all den Sympathiebekundungen und Danksagungen mischten sich auch Stimmen, die wie mehr und mehr schwedische Ärzte und Wissenschaftler fragten: Gehen wir wirklich den richtigen Weg?

Fitnessstudios und Bars noch immer geöffnet

Im Gegensatz zu allen anderen EU-Staaten hatte das Land auf Einsicht, Verantwortungsgefühl und Disziplin der Bürger sowie eine Isolation von Risikogruppen gesetzt und weitgehend auf Verbote verzichtet. Erklärtes Ziel war es, die Ausbreitung des Virus möglichst zu verlangsamen. Bis heute sind Fitnessstudios, Sportstätten, Bars, Läden, Cafés und Schulen geöffnet, Veranstaltungen mit maximal 50 Leuten gestattet. Die Regierung war stets den Empfehlungen der obersten Gesundheitsbehörde um den Staatsepidemiologen Anders Tegnell gefolgt, der noch kurz vor Rosendahls Posting in Interviews sagte: "Ich würde Skifahren gehen."

Sten Linnarsson, Professor für Molekulare Systembiologie am berühmten Karolinska-Institut, verglich diesen Ansatz damit, erst einen Brand in der Küche zu beobachten, bevor man ihn löscht: "Die Gefahr besteht darin, dass das ganze Haus niederbrennt." Der Experte sprach von einem hohen Risiko, "dass wir die bisherige Strategie bald bereuen". Dann werde es jedoch zu spät für eine wirkungsvolle Kurskorrektur sein. Am 1. April twitterte er: "Heute hat unsere Regierung endlich mit dem Kampf gegen Covid-19 begonnen. Zum ersten Mal wird soziale Distanzierung empfohlen (aber nicht vorgeschrieben). Hoffe, es ist nicht zu spät!"

Linnarsson und seine Kollegin Cecilia Söderberg-Nauclér, ebenfalls Professorin für Molekularbiologie am Karolinska-Institut, gehören zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes von rund 2300 Persönlichkeiten, darunter viele Wissenschaftler und Mediziner, an die Regierung in Stockholm. Vor allem fordern sie möglichst flächendeckende Tests in der Bevölkerung, um die Situation genauer zu erfassen. "Wir verfolgen nicht, wir isolieren nicht genug - wir haben das Virus losgelassen", sagte Söderberg-Nauclér. Sie warnte vor "völligem Chaos" und einer "Katastrophe".

Staatsepidemiologe hält an Kurs fest

Die Kritik richtet sich vor allem gegen Tegnell. Der Staatsepidemiologe sprach noch vor zwei Wochen davon, seine Behörde bekomme täglich "Unterstützerbriefe in riesiger Anzahl". Er hält unbeirrt an seinem Kurs fest. Laut der englischen Zeitung "The Sun" befand Tegnell, dass Großbritannien seinen anfangs ebenfalls sehr lockeren Kurs hätte fortsetzen sollen. Er sei generell sehr skeptisch gegenüber breit angelegten Lockdowns. Sie könnten nützlich sein, wenn ein Land nicht vorbereitet sei. Der Experte weist darauf hin, dass in Schweden meistens Väter und Mütter einer Familie arbeiteten, "viele von ihnen im Gesundheitssystem". Blieben Kinder und Eltern daheim, sei das für Arztpraxen und Kliniken schlimmer "als die Ausbreitung des Virus in einer Schule".

*Datenschutz

Nun macht jedoch die Zahl der Toten Sorgen. Am 28. März, als Rosendahl ihren Bericht bei Facebook veröffentlichte, waren etwas mehr als 3000 Schweden am Coronavirus erkrankt, 105 gestorben. Jetzt liegt das Verhältnis bei knapp 7000 zu etwas mehr als 400 Toten. Zum Vergleich: Norwegen weist offiziell gut 5700 Infizierte und 70 Tote auf. Es hat mit 5,4 Millionen deutlich weniger Einwohner als Schweden. In den nackten Zahlen dürfte sich das unterschiedliche Vorgehen bei Tests widerspiegeln.

"Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen"

Andere Indizien sprechen dafür, dass Kritiker Tegnells Recht behalten. Nach offiziellen Angaben ist jedes dritte Stockholmer Pflege- oder Seniorenwohnheim vom Coronavirus betroffen. Erst seit wenigen Tagen sind Besuche dort untersagt. "Zutiefst besorgt" über die "todernste" Situation äußerte sich Fredrik Elgh, Virologieprofessor an der Universität Umeå. "Ich möchte lieber, dass Stockholm unter Quarantäne gestellt wird."

Befürworter eines baldigen Corona-Exits in Deutschland führen Schweden als Beispiel an, dass es auch anders funktioniere, ohne die Wirtschaft völlig abzuwürgen. In dem skandinavischen Land wiederum ist eine Debatte entbrannt, ob die Regierung Menschen ökonomischen Interessen opfere. Angesichts solcher Vorwürfe will Ministerpräsident Stefan Löfven härter durchgreifen. Mittels eines Notstandsgesetzes will er Bars, Flughäfen, Fitnessstudios oder Shopping-Center schließen dürfen. Der Zeitung "Dagens Nyheter" sagte der Sozialdemokrat: "Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen."

Marcus Carlsson, Professor für Mathematik an der Universität Lund, meinte,
Tegnell und Löfven spielten "russisches Roulette mit der schwedischen Bevölkerung". Die Leute sollten der Regierung nicht vertrauen, wenn sie erkläre, alles sei unter Kontrolle. "Ich fühle mich jetzt so, als würden wir wie eine Schafherde in Richtung Katastrophe getrieben."

Quelle: ntv.de